Murer - Anatomie eines Prozesses
Der Österreichische Film
Edition#339

Murer - Anatomie eines Prozesses

Christian Frosch /// 2018 /// Drama

132 min • Altersfreigabe: 12 • HD
Sprache: Originalfassung (Deutsch, Englisch, Jiddisch, Hebräisch) / Audiodeskription
UTs: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Graz 1963. Vor Gericht steht der ehemalige SS-Führer Franz Murer, Leiter des Ghettos von Vilnius von 1941 bis 1943. Holocaust-Überlebende reisen an, um gegen Murer auszusagen. Die Beweislage ist erdrückend. Dennoch wird Franz Murer unter Beifall der Bevölkerung freigesprochen. Einer der größten Justizskandale Österreichs. MURER-ANATOMIE EINES PROZESSES erzählt von der Machtlosigkeit der Wahrheit — und wie leicht Politik jenseits moralischer Werte agieren kann, wenn alle mitspielen.

„Der Film hat mich wie kaum ein anderer der letzten Jahre berührt. Er ist buchstäblich atemberaubend: Ein Thriller, der seine beklemmende Wirkung daraus bezieht, ein Heimatfilm zu sein ...“ ROBERT MENASSE

Besetzung  

Karl Fischer, Alexander E. Fennon, Melita Jurisic, Ursula Ofner-Scribano, Karl Markovics, Gerhard Liebmann, Roland Jaeger, Dov Glickman, Rainer Wöss, Robert Reinagl, Harvey Friedman, Erni Mangold u.v.m.

Regie  

Christian Frosch
Drehbuch  

Christian Frosch
Kamera  

Frank Amann

DVD Edition # 339

Murer - Anatomie eines Prozesses (2018) - Drama | watchAUT Film

Zeuge der Einseitigkeit

„Murer – Anatomie eines Prozesses“ von Christian Frosch

Bert Rebhandl*


Im Jahr 1961 fand in Jerusalem ein aufsehenerregender Prozess statt: Adolf Eichmann, der Bürokrat der Shoah, musste sich für seine Taten verantworten und wurde schließlich zum Tod verurteilt. Das Verfahren wurde mit einer frühen Videotechnologie aufgezeichnet und in der ganzen Welt verfolgt. Als zwei Jahre später in Graz der Prozess gegen Franz Murer stattfand, waren sich die politischen Entscheidungsträger einig: Es sollte und durfte daraus kein „Schauprozess“ wie der gegen Eichmann werden. Österreich war erst seit 1955 wieder ein freies Land, die Zweite Republik wollte auf ihrem Weg in die Zukunft nicht gestört werden.

Der „Schlächter von Vilnius“, wie Murer wegen seiner Untaten während der deutschen Besatzung des Baltikums genannt wurde, wurde schließlich in einem Verfahren, von dem keine Bilder existieren, sondern nur Akten, freigesprochen. Dementsprechend beginnt Murer – Anatomie eines Prozesses, der Film, mit dem Christian Frosch diese geschichtspolitische Lücke zumindest nachträglich zu schließen versucht, mit einer Szene in einem Archiv. Was danach zu sehen ist, wird damit verbürgt als zeitgeschichtliche Tatsachen in filmischer Bearbeitung: Frosch versucht, mit einem Minimum an Ausstattung ein Maximum an Rekonstruktion zu schaffen.

Der Prozess im engeren Sinn steht konsequent im Mittelpunkt. Nur gelegentlich blickt Frosch hinter die Kulissen und gibt zu erkennen, von welchen Menschen und Interessen der Ablauf bestimmt wurde. 


„Christian Frosch versucht, mit einem Minimum an Ausstattung ein Maximum an Rekonstruktion zu schaffen.“


Im Gerichtssaal standen einander ein Staatsanwalt und ein Verteidiger gegenüber, von denen man den Eindruck gewinnen könnte, dass sie ihrer Aufgabe unterschiedlich gut gewachsen waren. Dass der Richter ein alter Nazi war, verstärkte die Einseitigkeit in einem Prozess, bei dem die wichtigsten Entscheidungen nicht im Gerichtssaal fielen.

Vor allem die Rolle des SPÖ-Justizpolitikers Christian Broda, einer der einflussreichsten Figuren der Zweiten Republik, beleuchtet Christian Frosch dabei sehr deutlich. Aber auch Simon Wiesenthal, als Leiter einer „Femeorganisation“ attackiert, spielt eine wichtige Rolle. Vor allem aber zeichnet sich der Film dadurch aus, dass er in vielen markanten Szenen vielen Figuren zumindest in Ansätzen Gerechtigkeit widerfahren lässt: eine Gerechtigkeit durch Repräsentation, durch die Originalsprachen Deutsch, Jiddisch, Ivrit, durch den Versuch, zwischen Drama und nüchterner Darstellung eine Balance zu finden. Das Stichwort von der „Pflicht“, das immer wieder fällt und das in Österreich 1986 durch Kurt Waldheim neue Resonanz bekam, lässt erkennen, dass Frosch nicht einfach in das Jahr 1963 zurückzuführen versuchte, sondern dass er mit seinem Film die ganze Geschichte Österreichs von 1934 bis 2018 in den Blick nehmen wollte: Murer – Anatomie eines Prozesses ist eine Geschichtsstunde allerersten Ranges und spannend in jedem Detail.


*Lebt als Autor und Filmkritiker (u. a. „FAZ“) in Berlin.




Der Film hat mich wie kaum ein anderer der letzten Jahre berührt. Er ist buchstäblich atemberaubend: Ein Thriller, der seine beklemmende Wirkung daraus bezieht, ein Heimatfilm zu sein ...


ROBERT MENASSE

„Österreich vor Gericht“

Dominik Kamalzadeh sprach mit Christian Frosch über Murer und politische Moral.


ZUR PERSON: Christian Frosch, 1966 in Waidhofen an der Thaya geboren, ist Filmregisseur und Drehbuchautor.


Standard: Man könnte bei „Murer“ von einem Gerichtssaaldrama sprechen, wenn es nicht um Grundsätzlicheres ginge. Es handelt sich um einen symptomatischen Fall für die österreichische Nachkriegsidentität. Wie sind Sie mit dem Verhältnis zwischen Genre und Geschichte umgegangen?

Frosch: Ausgangspunkt für den Film war eigentlich das Schlussplädoyer des Verteidigers. Da wurde mir bewusst, dass hier nicht ein Einzelner, sondern ganz Österreich vor Gericht steht. Der Verteidiger hat es darauf zugespitzt, dass mit Franz Murer ein Sohn unseres Landes von ausländischer Seite belangt wird. Da dachte ich: „Wow – das haben wir doch bei Waldheim auch gehabt.“

Standard: Die Vorgeschichte – wie es Simon Wiesenthal betrieben hat, Murer noch einmal vor Gericht zu bringen – reißen Sie nur an. Naiv gefragt: Wie war es möglich, dass der Prozess so dilettantisch ablief?

Frosch: Die einzige Erklärung ist Unwille. Der Film zeigt, wie Justiz funktioniert, wenn sie nicht funktionieren soll. Man spielt und tut so, als ob. Diese Prozesse waren extrem unbeliebt. Interessant ist es, wenn man das mit Deutschland vergleicht, wo die Prozesse zwar genauso unbeliebt waren – aber dort gab es Juristen wie Fritz Bauer und Georg-August Zinn und ein paar Staatsanwälte. Eine kleine Gruppe, die das durchgezogen hat. In Österreich hätte es Christian Broda sein können, aber der war es eben nicht.

Standard: Sie thematisieren auch im Film, wie man im Hintergrund die Fäden zieht. Die Rolle der SPÖ ist da nicht rühmlich.

Frosch: Bei Broda, damals Justizminister, habe ich mich gefragt, wie jemand, der im Widerstand war, sich für den Freispruch von Murer einsetzen konnte. Das wirkt zuerst absurd. Aber dann ist es gar nicht so kompliziert: Pragmatismus. Man will die Wahl gewinnen. Es geht um Wähler im rechten Segment, da ist es nicht opportun, sich als Naziverfolger hervorzutun. Das wichtige Ziel war die Justizreform. Die Feindschaft zwischen Wiesenthal und Kreisky rührt genau daher. Und die Frage des Realpolitikers, der sich ans Volk andient, ist gerade wieder sehr aktuell.

Standard: „Die Wahlen gewinnt man im Gemeindebau, nicht im Café Museum“, wird ein „AZ“-Reporter einmal ermahnt.

Frosch: Ja, da wird die Moral gegen den Pragmatismus getauscht.

Standard: „Murer“ ist ein Kammerspiel, aber Sie bilden Geschichte nicht einfach ab, sondern machen auch die Inszenierung kenntlich – etwa indem Sie das Rollenhafte betonen. Wie ist dieser Zugang entstanden?

Frosch: Ich bin kein großer Fan von Gerichtsfilmen, deswegen habe ich gezögert. Ein Gericht hat den Nachteil, dass es sehr statisch ist. Eigentlich ein Theaterstück, in dem jeder an seinem Platz ist. Auf den historischen Fotos habe ich Murer dann in diesem abgewetzten Steirerjanker sitzen gesehen, obwohl er aus einer reichen Familie kommt. Da dachte ich, das ist Inszenierung. Jeder spielt eine Rolle. Frank Hamann, mein Kameramann, und ich haben Perspektiven gesucht, die dokumentarisch erzählen. Da sind wir etwa auf Primary über den Wahlkampf von John F. Kennedy gekommen, der lange Brennweiten, komische Winkel hat. Wir haben auch Prinzipien umgedreht – etwa wurde die Kamera ständig bewegt, nur in wichtigen Momenten wird es plötzlich statisch.



Kurator:innenstatement Dominik Kamalzadeh zum Film Murer - Anatomie eines Prozesses

Trailer 2020 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"