Die Dohnal
Der Österreichische Film
Edition#326

Die Dohnal

Sabine Derflinger /// 2019 /// Dokumentarfilm

108 min • Altersfreigabe: 6 • HD
Sprache: Deutsch / Audiodeskription
UTs: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Die Geschichte und die Geschichten von Frauen werden seit Jahrhunderten verdrängt, nicht erzählt, vergessen ... Johanna Dohnal war die erste Feministin in einer europäischen Regierung: Ausgerechnet in einem konservativen Land wie Österreich wurde sie in den 1970er Jahren zur Ministerin ernannt. Die Dokumentation setzt dieser Ikone der österreichischen Politik ein Denkmal und schafft eine Identifikationsfigur für heutige und zukünftige Generationen. Wir finden uns in ihr wieder, in ihren Kämpfen, ihren Siegen, ihren Niederlagen. Ein Film gegen das Vergessen und für eine gleichberechtigte Zukunft.

"Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich immer noch als Fehler erwiesen." JOHANNA DOHNAL

Großer Diagonale-Preis 2020

Besetzung  

Johanna Dohnal, Annemarie Aufreiter, Johanna-Helen Dohnal, Ingrid Dohnal, Alice Schwarzer, Elfie Semotan, Ferdinand Lacina, Brigitte Ederer

Regie  

Sabine Derflinger
Kamera  

Christine A. Maier, Eva Testor
ProduzentInnen  

Claudia Wohlgenannt, Sabine Derflinger

DVD Edition # 326

Die Dohnal  (2019) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Die Ermöglicherin

Sabine Derflingers Politikerinnenporträt „Die Dohnal“

Bert Rebhandl*


Ein Ratschlag unter Frauen: Wenn jemand eine Rede halten muss vor einschüchterndem Publikum, dann stelle man sich das Publikum einfach in Unterhosen vor. Das macht gleich alles viel menschlicher, und man hat nicht mehr so viel Respekt, zum Beispiel vor dem oft ja nur sogenannten starken Geschlecht.

Johanna Dohnal war die wichtigste Frauenpolitikerin in Österreichs Zweiter Republik bisher, sie war versiert in Gesetzgebung und sozialen Fragen. Bei aller Komplexität hatte sie aber auch einen guten Hausverstand, und der kleine Trick mit der Unterbekleidung hat oft geholfen. Es ist zwar eine der weniger wichtigen Anekdoten in Sabine Derflingers Dokumentarfilm Die Dohnal, aber halt eine, die eine Persönlichkeit in einem charakteristischen Licht erscheinen lässt.

Das Machtspiel, das die Politik meistens ist, hat Johanna Dohnal nur so weit mitgespielt, wie es ihrem Verständnis von „Freundschaft“ entsprochen hat. Der Gruß der Sozialisten war ihr teuer, sie bedauerte es, als die SPÖ darauf verzichtete. Sie kam aus den Reihen dieser Partei, im 14. Bezirk begann ihre Karriere. Es war Bruno Kreisky, der sie 1979 als Staatssekretärin in sein viertes Kabinett holte. Sie gehörte dann bis 1995 verschiedenen Regierungen an, ihr Ausscheiden war auch ein Indiz dafür, dass danach eine neue Ära in der österreichischen Politik begann, in der Männer mit starken Macht- und anderen Interessen sich populistisch wichtig zu machen begannen. 


„Das Machtspiel, das die Politik meistens ist, hat Johanna Dohnal nur so weit mitgespielt, wie es ihrem Verständnis von „Freundschaft“ entsprochen hat.“


In Die Dohnal sieht man den Unterschied zwischen damals und heute nicht zuletzt an den Archivbildern. Derflinger konnte auf reichhaltiges Material vor allem aus dem ORF zurückgreifen, der damals Sendungen wie den Club 2 oder das Frauenmagazin Prisma hatte, auch in Wir und im Österreich-Bild den demokratischen Aufbruch (und seine Rückschläge) begleitete.

Eine kleine Kontroverse mit Richard Nimmerrichter, dem „Staberl“ aus der Krone, in einem Club 2 nimmt sich aus wie ein Vorschein der Verweigerung von Politik und der sturen Rechthaberei, auf die Dohnal damals traf und die heute zu Message-Control verhärtet daherkommt. Das Tolle an Die Dohnal ist, dass er zwar von der Dohnal viel zu erzählen hat, dass er aber auch eine ganze Generation von engagierten Frauen in Österreich und ihre Nachfolgerinnen zeigt.

Die dosiert und klug eingesetzten privaten Fotografien und die Zeugnisse der Lebensmenschen von Johanna Dohnal lassen gerade so viel von dem Menschen hinter der Politikerin erkennen, dass man versteht, wie das eine mit dem anderen im besten Fall zusammenhängen könnte. Johanna Dohnal war ein „lediges Kind“, sie musste sich auch persönlich emanzipieren, achtete dabei aber darauf, „meine Frauen“ nicht zu überfordern. Eine wahrhaft große Österreicherin ist mit diesem Film neu gegenwärtig, und man sieht: Es ist noch sehr viel zu tun, aber doch auch schon viel erreicht.


*Lebt als Autor und Journalist (u. a. „FAZ“) in Berlin.




Aus taktischen Gründen leise zu treten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen.


JOHANNA DOHNAL

„Wie eloquent sie war“

Doris Priesching sprach mit Sabine Derflinger über Dohnals Wirkung und Politik.


ZUR PERSON: Sabine Derflingers Bandbreite reicht von „Tatort“ bis zu engagierten Dokumentarfilmen.

©filmdelights


Standard: Es beginnt mit dem Rausschmiss Dohnals aus der Regierung 1995. Warum mit dem Ende anfangen?

Derflinger: Es hat sich so aufgedrängt. Ursprünglich haben wir überlegt, ob die Frauenquote die Verbindung zu heute ist. Mir war sehr schnell klar, dass ich die Wirkung dieser Frau festhalten will, was Menschen über sie wissen und was sie für Männer und Frauen in Österreich verändert hat. Dann stellte sich heraus, dass es so unfassbar gutes Archivmaterial gibt. In der Kombination mit vielen Gesprächen baute ich daraus zwei Strukturen. Den Rausschmiss nannte ich den „Krimi“, das andere waren ihre Veränderungen.

Standard: Worauf konzentrierten Sie sich in der Auswahl?

Derflinger: Einerseits ging es um die Person, andererseits darum herauszufinden, wie man die Geschichte der österreichischen Frauenpolitik erzählen kann. Der stärkste Aspekt für mich war, wie jemand so viel leisten konnte und so gnadenlos abserviert wurde.

Standard: Wie haben Sie Dohnal erlebt – als 16-Jährige in Vöcklabruck?

Derflinger: Es gab den Hass auf sie, aber es gab auch Frauen, die sie toll fanden. Und obwohl ich mich immer für aufgeschlossen hielt, erfuhr ich erst durch sie, was Feminismus überhaupt bedeutet. Ich habe ja noch mitbekommen, dass die Mutter den Vater um Erlaubnis fragen musste, ob sie arbeiten gehen darf. Dass es über sie hieß, sie sei fürchterlich, hässlich, das gab es auch. Wie eloquent sie wirklich war, wie gut sie ausgesehen hat, wie großartig sie reden konnte, sah ich erst im Archiv.

Standard: Besonders berührend sind die Szenen mit Annemarie Aufreiter, die über ihre Beziehung zu Johanna Dohnal sehr offen und liebevoll spricht. War es klar, dass sie sich outen würde?

Derflinger: Ich glaube, es war deshalb klar, weil der Film nicht anders möglich gewesen wäre. Darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Dass sie es damals nicht wollten, war beiden klar. Das wäre einfach noch einmal eine zu große Angriffsfläche gewesen.

Standard: In Interviews mit Vertreterinnen der jüngeren Generation schlagen Sie eine Brücke zur Gegenwart. Wie schätzen Sie die Energie dieser jüngeren feministischen Bewegung ein?

Derflinger: Den Feminismus zu Zeiten Johanna Dohnals zeichnete aus, dass er mit der Basis verbunden war. Dohnal ist zur Bäuerin gefahren und hat ihr erklärt, was sich ändert. Mit der Zeit hat sich der Feminismus intellektualisiert, jetzt wäre es schon wieder an der Zeit, dass er sich öffnet und Wege findet, wie man an Frauen andockt, die in anderen Lebenssituationen sind.

Standard: Österreich hat jetzt eine Ministerin, die für „Frauenrechte kämpft“, aber nicht als Feministin bezeichnet werden möchte. Was erwarten Sie?

Derflinger: Nichts. Sie wurde dort hingesetzt, um sicherzustellen, dass nichts passiert.

Standard: Stichwort Machtverhältnisse: Hat sich beim Film nach der MeToo-Debatte etwas geändert? Ist der Umgang ein anderer geworden?

Derflinger: Schon, ich arbeite viel in Deutschland, da gibt es diese Art von Männern nicht mehr im Job, und das ist gut so. Man kann sich wehren. In Österreich gibt es nach wie vor eine ganz spezielle Art von Machismo und einen daraus resultierenden respektlosen Umgang mit Frauen.



Kurator Dominik Kamalzadeh über "Die Dohnal"

Trailer 2020 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"