Die Siebtelbauern
Der Österreichische Film
Edition#18

Die Siebtelbauern

Stefan Ruzowitzky /// 1998 /// Drama

90 min • Altersfreigabe: 6 • SD
Sprache: Deutsch
UTs: Englisch

„Stefan Ruzowitzkys Voralpensaga: Ein Bauer im Mühlviertel vermacht seinen Nachbarn den Spott, dem Pfarrer den Hohn. Die Knechte kriegen den Hof. Die Vergesellschaftung von Landwirtschaft schildert Ruzowitzky als großes Revolutionstheater, die Überhöhung des Heimatfilms schuldet ihre Mittel der Werbung ebenso wie dem Surrealismus, aber fast alle Effekte sind mit großer Sicherheit gesetzt. Eine präzise Geschichte von Emanzipation.“ BERT REBHANDL

„Ich will nicht mit der gesamten Heimatfilm-Tradition brechen, sondern in diesem Ambiente ein modernes Drama machen.“ STEFAN RUZOWITZKY

Besetzung  

Sophie Rois, Simon Schwarz, Lars Rudolph, Ulrich Wildgruber, Tilo Prückner, Elisabeth Orth, Julia Gschnitzer, Susanne Silverio, Kirstin Schwab, Dietmar Nigsch, Werner Prinz, Gertrud Maiböck u.v.m

Regie  

Stefan Ruzowitzky
Drehbuch  

Stefan Ruzowitzky
Kamera  

Peter von Haller

DVD Edition # 18

Die Siebtelbauern (1998) - Drama | watchAUT Film

Kleine Siege

„Die Siebtelbauern“ – ein Klassenkampf

Michael Pekler*


Ein Bauer ist ein Bauer, das ist schon so. Es ist ja auch eine Frau kein Mann und kein Esel ein Pferd. Wer gegen den Willen vom Herrgott lebt, der wird ein Unglück haben.“ Die Tragödie nimmt ihren Lauf allerdings nicht deshalb, weil der Herrgott es so will, sondern weil sich bei ihren unglückseligen Taten die auf ihn berufen, die sich in seinen Diensten wähnen. Doch die Frage, ob der Herrgott will, dass es so bleibt, wie es ist und immer war, stellt sich in Stefan Ruzowitzkys Die Siebtelbauern gar nicht. Der Bauer, der tot gefunden wird, hat seinen Bediensteten aus reiner Schadenfreude den Hof vermacht, „auf dass sie sich gegenseitig den Kopf einschlagen.“

Sieben werden gegen den Widerstand von Großbauern das Erbe antreten. Sie werden eine schmerzliche Niederlage erfahren und am Ende doch den Sieg davontragen. Nicht für sich selbst, nicht alle werden das heraufziehende Unglück überleben, aber sie siegen für alle, die zugesehen und zugehört haben.

Die Siebtelbauern ist einer der international erfolgreichsten österreichischen Spielfilme der späten 90er- Jahre, weil es ihm gelingt, eine einfache Moritat in eine allgemein gültige und verständliche Form zu überführen. Ruzowitzky erzählt vom Kampf der Unterprivilegierten gegen die herrschende Klasse, von einer auf wackeligen Beinen stehenden kleinen Demokratie und vom hohen Preis der Freiheit selbst. 


„Der Kampf um einen Hof im Mühlviertel der 1930er-Jahre ist natürlich ein Stellvertreterkrieg. Es geht um die Gefahr eines neuen Systems.“


Der Kampf um einen Hof im Mühlviertel der 1930er-Jahre ist natürlich ein Stellvertreterkrieg. Für die alteingesessenen Bauern geht es um die Gefahr eines neuen politischen und wirtschaftlichen Systems. Dass Ruzowitzky dieses als autonom funktionierendes zeichnet, in dem jeder die gleichen Rechte besitzt und das noch dazu die besseren Erträge einbringt, ist natürlich eine Überzeichnung im besten Sinne.

Der Erfolg des Films rührt aber auch daher, dass er seine Botschaft in buchstäblich anschauliche Bilder packt: Bäuerlichen Stillleben von Schuhen oder Suppentellern stehen Tanzeinlagen zu Verdis „La donna é mobile“ gegenüber, und sogar die Arbeit erscheint in einem schönen Licht.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern des Neuen Heimatfilms sucht Die Siebtelbauern nicht die Authentizität durch Sprache oder Laiendarsteller (ist im Gegenteil mit Sophie Rois, Simon Schwarz und Lars Rudolph hochrangig besetzt), sondern die Wirkung, stellt gerne das einzelne Bild über das Ganze. Daraus entsteht sein zerrissener Charakter: Seine Erzählung ist ernsthaft, bitterschwer, während der Verzicht auf genaue historische Rekonstruktion die dazugehörigen Bilder immer etwas künstlich erscheinen lässt.

Der nächste Fluchtort heißt Amerika, doch nur zwei machen sich auf. Der Blick ist rückwärts gewandt auf die kleine Menge, die sich zum Abschied versammelt hat. Das hat Ruzowitzky gut erkannt: In Österreich verlässt man immer die Menschen und nie das Land.


*Filmpublizist („Falter“), Katalogredakteur der Viennale, Redakteur („Ray Kinomagazin“, „kolik.film“).




Ich will nicht mit der gesamten Heimatfilm-Tradition brechen, sondern in diesem Ambiente ein modernes Drama machen.


STEFAN RUZOWITZKY

Der Knecht hat recht

Eine Parabel vom Ende der Lohnarbeit...


Das Mühlviertel ist eine schöne Gegend. Nicht ganz so schön wie die Gegenden, die der Heimatfilm besonders schön fand: Die Hügel sind zu niedrig, die Wilderer könnten sich hier nur in die Büsche schlagen, nicht in die Berge. Die Landschaft ist idyllisch, die Menschen sind es nicht. Wenn ein Bauer stirbt, dann wird um sein Gut gestritten. Je größer der Bauer, desto stärker meldet er seinen Anspruch an auf den Grund des Nachbarn.

Bis eines Tages das Außerordentliche geschieht: Ein Bauer, ein rechter Menschenfeind, hat ein galliges Testament hinterlassen. Der Pfarrer bekommt Spott, die Nachbarn den Hohn. Die zehn Knechte bekommen den Hof. Damit beginnt Die Siebtelbauern von Stefan Ruzowitzky. Für den Titel ist der Großknecht verantwortlich, er möchte den Hof an den Großbauern verkaufen und dann weiterdienen, leibeigen, aber ohne Lohnsteuerpflicht.

Sieben bleiben aber über. Zwar sitzen sie zuerst in der Stube und ziehen erst einmal den Rotz hinauf, weil ihnen noch nicht ganz klar ist, wie ihnen geschieht. Aber dann entscheiden sie sich: Der Knecht wird Herr, die Magd wird Bäuerin, in der Kirche sitzen sie von nun an weiter vorn. Sie müssen nur zuerst den Großknecht ausbezahlen.

Ruzowitzky läßt seine Geschichte in einer ungefähren Zeit spielen. Es ist die Zeit, in der die Regeln des Heimatfilms noch gegolten haben: Mann kriegt Frau, der Pfarrer gibt den Segen. Diese Regeln gelten hier von Beginn an nicht: Die Schauspieler sprechen nicht nur Hochdeutsch, sie sprechen ein Theaterdeutsch. Sophie Rois, Lars Rudolph, Simon Schwarz bekommen es mit Ulrich Wildgruber zu tun. Das Leben ist kein Kirschgarten, wenn der Dorfrichter vor der Tür steht. Da hilft es ,wenn man sich deutlich artikuliert.

Auch sonst unternimmt Ruzowitzky viel,um die Künstlichkeit seines Unternehmens zu betonen: eine komplexe Tonspur, Klaviermusik von Erik Satie, die sich an wichtigen Stellen in recht freien Jazz auflöst. Die Landschaft leuchtet wie in einem Werbespot, eines schönen Tages taucht ein Elefant aus dem Morgendunst auf. Aber fast alle Effekte sind mit großer Sicherheit gesetzt, und Die Siebtelbauern mögen eine leicht surreale Angelegenheit sein, ebenso sehr sind sie eine genaue Beobachtung des Prozesses, den man früher Emanzipation genannt hat. Am eigenen Schopf ziehen sich die Fronarbeiter aus der nicht selbst verschuldeten Unmündigkeit heraus.

(reb, Auszüge aus einer Rezension, die am 5. 6. 1998 im Standard erschienen ist)


ZUM REGISSEUR:

Stefan Ruzowitzky, geboren 1961, brachte nach ersten Schaffensjahren im ORF 1996 seinen ersten Spielfilm „Tempo“ ins Kino. 1998 avancierten „Die Siebtelbauern“ zu einem Überraschungshit, auch auf internationalen Festivals. Mit „Anatomie“ (2000) wagte sich Ruzowitzky erfolgreich ins damals im deutschen Sprachraum noch scheel betrachtete Horrorgenre. Es folgten „Die Männer ihrer Majestät“ (2001) und „Anatomie 2“ (2003).



Trailer 2006 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"