Hinterholz 8
Der Österreichische Film
Edition#3

Hinterholz 8

Harald Sicheritz /// 1998 /// Komödie

105 min • Altersfreigabe: 6 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Herbert Krcal (Roland Düringer) und seine Frau Margit (Nina Proll) träumen den Traum vom Eigenheim. Am liebsten tun sie das in der „Blauen Lagune“, einem Fertigteilhaus-Park im Süden Wiens, wohin sie regelmäßig mit ihrem Sohn Philipp pilgern. Ebenso regelmäßig müssen sie die bittere Wahrheit erkennen, dass sie sich das jeweils besichtigte Traumhaus eigentlich nicht leisten können. Aber das ist nur der Auftakt für Harald Sicheritz’ ganz normalen Katastrophenfilm (nicht nur für Häuslbauer), der mit über 600.000 Kinobesuchern zu einem der größten österreichischen Filmerfolge der Nachkriegszeit avancierte. „Ein Gast bei einer Testvorführung hat gemeint, dieser Film wäre so was wie ,Die Hard‘ für Häuslbauer. Ich glaub’, er wird ziemlich erfolgreich ...“ ROLAND DÜRINGER

Besetzung  

Roland Düringer, Nina Proll, Wolfgang Böck, Eva Billisich, Reinhard Nowak, Alfred Dorfer, Lukas Resetarits, Herwig Seeböck, Karl Ferdinand Kratzl u.v.m.

Regie  

Harald Sicheritz
Drehbuch  

Roland Düringer & Harald Sicheritz
Kamera  

Walter Kindler (aac BVK)

DVD Edition # 3

Hinterholz 8 (1998) - Komödie | watchAUT Film

Ein „Kabarettfilm“?

Freier Fall eines Häuslbauers: „Hinterholz 8“

Birgit Flos*


Eine schwarz-komödiantische Alltagstragödie. Erzählt wird der voraussehbare Absturz des Individuums in ein nicht solidarisches, eiskaltes gesellschaftliches Umfeld.

Klare Strukturen, logische Abwicklung, präzise Personenführung. Diesen Film anzuschauen bedeutet, sich einer gnadenlosen Lustschmerz-Attacke auszusetzen. Dies funktioniert über Identifikationsmuster lachender Selbstbespiegelung und über das Mitleiden. So genau könnte es passieren. So ist es passiert. Immer wieder.

Roland Düringer legt die Rolle als Action Hero der Subspezies Homer Simpson oder Bruce Willis an – körperlich gequält, immer strebend bemüht, zum permanenten Scheitern verdammt. Er hat überzeugende und neben den brachialen Auszuckern auch sehr stille Momente der Verzweiflung. Im Grunde ist er ein Guter, auch wenn er lange versucht, als Angepasster mit Ausbeutung und Korruption klarzukommen.

Daneben spielt das Haus selbst, das Herbert Krcal (Düringer) umbauen, aufbauen, herrichten will, eine entscheidende Rolle. Diese massive dokumentarische Präsenz ist nur im Film herzustellen: feuchte Wände, Zusammenbruch, Ruinen – das sind nachvollziehbar keine Kulissen, sondern realer Gatsch und Staub. Murphys Gesetz in klarer Anwendung: Alles was danebengehen kann, tut genau das. Jeder Versuch, aus der Katastrophe herauszukommen, intensiviert das Chaos. Die Plotentwicklung ist nach unten vorgegeben: in Richtung freier Fall. 


„Im Grunde ist der Held ein Guter, auch wenn er lange versucht, als Angepasster mit Ausbeutung und Korruption klarzukommen.“


Es geht um die Verwirklichung eines Rests von Alltagsutopie. Wie zum Hohn auf alle Werbelügen des glatten Gelingens entpuppt sich jede vermeintliche Hilfe als Ausbeutung oder eigennützige Anbiederung. Aber der Film gibt seine Helden (Herrn und Frau Krcal) nicht auf. Ihre Hoffnung, auf der permanenten Baustelle des gesellschaftlichen Brachlandes halbwegs integer zu überleben, wird nicht denunziert. Und das Ganze ist schwarz, traurig, kritisch, kathartisch und lustig. So wie eine Tragödie sein muss.

Düringer ist von einer Gruppe von Schauspielprofis (u. a. Nina Proll, Wolfgang Böck, Alfred Dorfer, Lukas Resetarits) prominent umgeben, die unter der Regie von Harald Sicheritz aus einer Ein-Mann-Parforcetour (in der Bühnenversion seines Stückes hatte Düringer alle Rollen gespielt) eine atemberaubende Milieustudie machen.

Hinterholz 8 ist bekanntlich der an den heimischen Kinokassen erfolgreichste österreichische Film aller Zeiten. Regisseur, Produzenten und Hauptdarsteller sind noch mit weiteren Produkten in der Top-Ten-Liste vertreten. Mit einer Weglegung in die Schublade des „Kabarettfilms“ wurde versucht, den Film zu entschärfen und ihn als Fall für die leidige Debatte zu bemühen: Erfolg oder cineastisches Gelingen, Gunst des Publikums versus Anerkennung vonseiten der Filmkritik. Hinterholz 8 hat diese Diskussion elegant ausgehebelt; das heißt: großer Erfolg für einen gelungenen Film.


*Filmpublizistin; seit 2005 Leiterin der Austro-Jahresfilmschau Diagonale.



Apocalypse Baustelle

Gnadenloser Kampf ums Eigenheim: Claus Philipp über „Hinterholz 8“ *


Made in Japan, zerstört von einem randalierenden Kleinbürger beim vergeblichen Kampf gegen eine Zentralverriegelung: Bei Autos kennt sich Roland Düringer aus, man weiß das spätestens seit seinem Kabarettprogramm Benzinbrüder. Wenn er also in Hinterholz 8 mit einer Schaufel auf ein Mittelklassefahrzeug losgeht, weiß man bereits: Aus dem Desaster, in das er sich da hineinmanövriert, führt kein Weg mehr zurück in eine Existenz ohne Schulden, ohne Alkohol, ohne kaputte Familie, ohne heimeliges kleines Landhäuschen, das zur Ruine herunterrenoviert wurde.

Eine Tragödie? 3,5 Millionen Österreicher, die mit dem Bau eines Eigenheims in Verbindung stehen (Pressetext zu Hinterholz 8), werden im Kino wohl eher johlend auf ihre Oberschenkel eintrommeln: Düringer, der Wuchtel- Meister, distanziert sich nicht unbedingt von seinem verzweifelten Großstädter, der sich zwischen horrenden Kreditzinsen, falschen Baukalkulationen und einer verschlagenen ländlichen Nachbarschaft verzettelt.

Weitgehend sind die allgemeinen Umstände an der Katastrophe schuld und nicht individuelle Fehlleistungen. Bosnische Schwarzarbeiter traktieren immer die anderen, und eine dunkle NS-Vergangenheit hat mit uns nichts zu tun. Es ist also ein typischer Österreicher, der da zum Opfer wird: Auch diesem Effekt wird es zu danken sein, daß sich diesmal möglicherweise sogar Godzilla angesichts von Düringer warm anziehen muß. Es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten, um einen größten heimischen Kinoerfolg der letzten Jahre vorherzusagen.

Weil Hinterholz 8 fast trotzig als solcher auch proklamiert wird – gegen die Kommission des Österreichischen Filminstituts, die das Projekt mehrmals abgelehnt hat –, nimmt es fast wunder, wie zurückhaltend sowohl Düringer als auch Regisseur Harald Sicheritz diesmal agieren. Der Film ist weitgehend frei von jenen Spaßeinlagen, durch die Sicheritz’ bisherige Erfolge Muttertag und Freispiel zu bloßen Nummern- Revuen verkamen. In den besten Momenten – Weihnachten am Abgrund zur Ehescheidung – verzichtet der Film sogar auf Pointen, um plausible Charaktere nicht zu verraten.

Vergraben in Schande

Wenn Düringer sich da immer mehr mit und in seiner Schande vergräbt, wird er förmlich zum Pendant eines Gerhard Polt: Sprachforschungen eines Volksschauspielers – geh, Burschi, kannst du nicht allein lulu gehen wie andere auch!? Striptease-Auftritte im Baumarkt muten dagegen an wie peinliche Rückfälle, Marke total tief. Und wenn etwa Lukas Resetarits einen präpotenten Schwager gibt, dann wäre hier mit naturalistischerer Charakterzeichnung wohl noch mehr Effekt zu machen gewesen.

Überhaupt ist Hinterholz 8 in vieler Hinsicht ein sehr unebener Film, bis in das Produktionsdesign hinein, was wohl auch den hierzulande notorisch armseligen Budgets anzulasten wäre. Er könnte mitunter auch einen filmischeren Gestus vertragen – was die ÖFI- Kommission wohl zurecht beanstandet hat: Oft erinnert die Szenenfolge an heitere Fernsehspiele. Das ist, auch wenn jetzt im ORF schon wieder Helmut Qualtinger herbeizitiert wird, kein zeitgenössischer Herr Karl. Aber das, was der Volksmund Karl nennt, bietet er allemal. Und jetzt: Weiterüben.


*erschienen am 16.9.1998 zum Kinostart des Films; tatsächlich rangiert „Hinterholz 8“ aktuell mit rund 617.000 Zusehern an der Spitze der heimischen Kinoerfolge.




Ein Gast bei einer Testvorführung hat gemeint, dieser Film wäre so was wie ,Die Hard‘ für Häuslbauer. Ich glaub’, er wird ziemlich erfolgreich...


ROLAND DÜRINGER

„... ein Guerillakampf“

Der österreichische Erfolgsregisseur Harald Sicheritz

Claus Philipp


Besucherzahlen, man darf es getrost sagen, sind im österreichischen Spielfilm nur bedingt ein Thema. Von den 50 besucherstärksten Produktionen der vergangenen 20 Jahre, die das Österreichische Filminstitut auf seiner Homepage auflistet, konnten nur 19 mehr als 100.000 Kinogeher verbuchen. Nicht weniger als fünf davon – Hinterholz 8, Poppitz, MA 2412, Wanted und Freispiel – inszenierte Harald Sicheritz. Im Bereich der hier zu Lande produzierten Film- und TV-Unterhaltung sichert ihm das eine ungewöhnliche Ausnahmestellung.

Andererseits ist damit immer noch eine „Ausnahme“, die dem breiteren Publikum meist kaum auffällt, denn: Redet man von Hinterholz 8 (618.000 Besucher) und Poppitz (441.000 Besucher), dann redet man meist von Roland Düringer. Denkt man an Wanted (187.000 Besucher) und Freispiel (174.000 Besucher), dann denkt man an Alfred Dorfer. Wenn man im Fernsehen MA 2412 schaut (im Kino taten es 273.000 Besucher), sieht man: Dorfer und Düringer! In Rezensentenkreisen subsumiert man das unter dem Slogan „Österreichischer Kabarettfilm“, den wiederum hat Harald Sicheritz mitbegründet, und zwar 1993 mit der Komödie Muttertag, mit der Dorfer und Düringer als Mitglieder der Gruppe Schlabarett immerhin schon 88.000 Menschen ins Kino lockten.

Reden wir also über Harald Sicheritz. Wie unterhält das Fernsehen?, fragte der 1958 in Stockholm als Sohn eines AUA-Piloten Geborene Anfang der 80er in seiner Dissertation als Kommunikationswissenschafter. Und wie das Fernsehen informiert, lernte Sicheritz in weiterer Folge durch Beiträge für das seinerzeit legendäre ORF-Jugendmagazin Ohne Maulkorb – bis 1988 eine niederschmetternde ärztliche Diagnose Knochenkrebs lautete.

Harald Sicheritz überwand die Krankheit (wie übrigens vor zwei Jahren auch Verletzungen nach einem schweren Autounfall) und belegte Regieseminare in Los Angeles – wo er sich einiges von dem nüchternen Pragmatismus angeeignet haben dürfte, der die Regie in seinen Filmen oft unsichtbar erscheinen lässt.

Nach Wien zurückgekehrt, eröffnete Sicheritz’ einstiges Engagement bei der Band Wiener Wunder Kontakte zur Kabarettszene.

Als schließlich Muttertag keine berauschenden Kritiken erntete, quittierte der Regisseur dies mit dem Verdacht, dass „sich die heimischen Kritiker dem Zustand der katholischen Kirche annähern und sich im Besitz der alleinigen Wahrheit glauben“.

Seither lachen sich Kabarettfilmfans und Kabarettfilm-Abstinenzler gegenseitig aus, was den Schluss zulässt, dass es zumindest zwei Wahrheiten geben könnte. Von beiden erzählt nicht zuletzt die vorliegende DVD-Edition.

Eine dritte hat Sicheritz formuliert: „Filmemachen in Österreich ist ein Guerillakampf. Wenn Kassenerfolg in unserem Land ein Kriterium wäre – dann würden ganz wenige Filme hier entstehen.“



Trailer 2006 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"