Mit Leib und Seele
Der Österreichische Film
Edition#335

Mit Leib und Seele

Käthe Kratz /// 1978 /// Drama

90 min • SD
Sprache: Deutsch

Als Taxlerin muss sich Elfi (Brigitte Swoboda) in einer Männerdomäne durchschlagen. Dass sie dabei nicht auf den Mund gefallen ist, bekommen vor allem die unangenehmen, knausrigen Fahrgäste zu spüren, denen sie schon mal die Koffer auf die Straße wirft. Aber Elfi steht vor einer anderen Herausforderung: Sie erwartet ein Kind von dem Kellner Poidl (Lukas Resetarits), der sich nach anfänglichem Schock bereits als stolzes „Familienoberhaupt“ sieht. Anfangs überlegt sie eine Abtreibung, doch schließlich entscheidet sie sich für das Kind – und damit fangen die Probleme erst an … MIT LEIB UND SEELE ist eine Reaktion auf das Inkrafttreten der Fristenregelung Mitte der 1970er-Jahre und stellt die Selbstbestimmtheit der Frau in Gestalt einer überaus sympathischen Protagonistin – in allen Lebensbereichen – in den Mittelpunkt. (FILMARCHIV AUSTRIA)

„Als maßgebliche Pionierin legte Käthe Kratz einen maßgeblichen Grundstein für das zeitgenössische weibliche Filmschaffen in Österreich.“ FLORIAN WIDEGGER

Besetzung  

Brigitte Swoboda, Lukas Resetarits, Johanna Thomek, Hannes Cekits, Patrizia Hirschbichler, Stefanie Kopal u.v.m.

Regie  

Kätze Kratz
Drehbuch  

Liesl Haberkorn, Käthe Kratz
Kamera  

Gerhard Hierzer

DVD Edition # 335

Mit Leib und Seele (1978) - Drama | watchAUT Film

Mühsame Emanzipation

„Mit Leib und Seele“ von Käthe Kratz

Esther Buss*


Irgendwas stimmt da nicht. Als bei den Frauen diese Erkenntnis angekommen ist und in versammelter Runde zum ersten Mal klar und deutlich ausgesprochen wird, ist der Film von Käthe Kratz bei seiner finalen Szene angelangt. Es ist fast ein wenig spät dafür, das kollektive „Ich will das nicht“ kommt aber gerade noch rechtzeitig, um den Funken des Aktionismus zu zünden: „Mir scheint, wir müssen uns da noch was einfallen lassen.“

Mit Leib und Seele beginnt wie eine Milieukomödie mit Schmäh: ein schunkeliges Titellied (gesungen von Cilli Miculik), Elfi (Brigitte Swoboda), eine Taxifahrerin, die nicht auf den Mund gefallen ist, kurze Anekdoten mit spinnerten Fahrgästen. Auch als Elfi ihrem Freund, dem Kellner Poidl, im lauten Gewusel des Kaffeehausbetriebs mal eben von ihrer Schwangerschaft erzählt, herrscht immer noch halbwegs heitere Wurschtigkeit.

Doch schon kurz darauf ist man mittendrin in einem waschechten „women’s picture“, das die drängenden Fragen der sich in den 1970er-Jahren formierenden österreichischen Frauenbewegung artikuliert. Hintergrund ist unter anderem das Inkrafttreten der Fristenregelung im Jahr 1975.

Kratz gilt als eine Pionierin des weiblichen Film- bzw. Fernsehschaffens in Österreich. Als erste Frau realisierte sie im ORF einen eigenen Spielfilm, neben Margarete Heinrich, Heide Pils und Monika Maruschko war sie Mitglied der informellen Gruppe „Aktion Filmfrauen“. 


„Ein waschechtes „women’s picture“, das die drängenden Fragen der sich in den 1970er-Jahren formierenden Frauenbewegung artikuliert.“


In Mit Leib und Seele stellt sie den mühsamen Emanzipationsprozess einer Frau ins Zentrum, die sich mit Formen von personeller wie institutioneller männlicher Ignoranz und Verachtung herumschlagen muss. Dazu gehört ein Familienrecht, das es Frauen verunmöglicht, gleichzeitig zu arbeiten und Kinder zu haben.

Elfis Sohn aus einer geschiedenen Ehe mit einem gewalttätigen Ehemann lebt bei der Großmutter, die Lohnfortzahlung während der Schwangerschaft muss sie schließlich vor Gericht erkämpfen. Irgendwas stimmt da auch nicht mit Poidl. Nach dem ersten Schock steckt er ihr gönnerhaft Geldscheine für eine Abtreibung zu, als sie sich nach langem Ringen doch anders entscheidet, sieht er sich schon als stolzes „Familienoberhaupt“ und imaginiert ein gemütliches Heim, wo das Essen auf dem Tisch steht, der Sohn ein toller Halodri wird und die Frau immer für ihn da ist. Doch Elfi ist gerne Taxlerin: „Da bin ich mein eigener Herr.“

Mit Leib und Seele zeigt, wie eine Frau an den Verhältnissen kollabiert, um sich schließlich neu zusammenzusetzen. In einem gesellschaftlichen Klima, das den Ausdruck einer realen Überforderung Hysterie nennt und eine Watschn als Zurechtrückung der Machtverhältnisse betrachtet, ist das kein einfacher Prozess. Dass Kratz Elfis Selbstfindung in einem Arbeiterklasseumfeld erzählt, das von den politisierten feministischen Debatten gänzlich unberührt ist, macht ihren Film umso radikaler.


*Lebt als Filmkritikerin in Berlin.




Als maßgebliche Pionierin legte Käthe Kratz einen maßgeblichen Grundstein für das zeitgenössische weibliche Filmschaffen in Österreich.


FLORIAN WIDEGGER

Neinsagen lernen

Ein Spielfilm als Dokument weiblichen Widerstands

Florian Widegger


Solidarität wird in Käthe Kratz’ Filmen nicht nur großgeschrieben, sie wird auch gelebt – und spiegelt das Umfeld der Filmemacherin wider, die sich ebenfalls in der damals aufkommenden Frauenbewegung engagiert. In ihrem vierten Langfilm Mit Leib und Seele erzählt sie die Geschichte der Taxifahrerin Elfi, die schon von Berufs wegen gelernt hat, sich durchzusetzen, und nicht auf den Mund gefallen ist: Ungute, knausrige Fahrgäste bekommen das schnell zu spüren, indem sie ihnen schon mal die Koffer auf die Straße wirft. Sie lenkt ihr Gefährt sicher und gekonnt durch die Straßen im Sommer ’77.

Eine Sensation, wenn man bedenkt, dass die Darstellerin Brigitte Swoboda keinen Führerschein besaß. Um diesen Umstand zu ändern, sollte sie bis kurz vor Drehbeginn eine Fahrprüfung absolvieren, die sie allerdings nicht bestand und somit den ganzen Film über „illegal“ hinter dem Steuer verbrachte. Mit Leib und Seele ist ein Film, in dem man Wien nicht nur sehen kann – von den Baustellen über kleine Tschocherln hin zu den Gemeindebauten –, man kann die Stadt vor allem hören: Straßenlärm vermischt sich mit Nachrichten aus dem Autoradio und Menschenmengen.

Das Durcheinander kommt nach einer halben Stunde erstmals zur Ruhe: Da geht Elfi mit ihrem Poidl (Prä-Kottan: Lukas Resetarits) abends an der Donau spazieren, und die Hektik des Alltags kommt für einige Augenblicke zum Erliegen. Dafür offenbaren sich die Probleme: Sie erwartet ein Kind von dem gutherzigen, wenn auch manchmal etwas aufbrausenden Kellner, der in seinem eigenen Welt- und Männerbild gefangen ist. Ihr Sohn aus einer vergangenen Beziehung wächst bei den Eltern des Vaters auf. Hintergründe dazu spart der Film aus, doch die Ablehnung, der sich Elfi ausgesetzt sieht, wenn sie ihr Kind aus der muffigen Wohnung abholt, spricht Bände, ebenso wie die vermittelte Rollenaufteilung.

1973 wird in Österreich die Fristenlösung verabschiedet, Arbeitsbedingungen für schwangere Frauen werden geregelt. Als Taxifahrerin kann die schwangere Elfi von Gesetzes wegen nicht arbeiten, doch ihr Chef will ihren Lohn nicht fortzahlen. Obwohl sie sich im Recht sieht, will sie niemand bei dessen Durchsetzung unterstützen: Männer unter sich. Sie ist verzweifelt, bis sie an eine engagierte Frau gerät, die ihr helfen will. Am Schluss sitzen sie mit anderen Frauen und deren Kindern zusammen in der Küche und feiern ihren gemeinsamen Erfolg – ernüchtert und doch kämpferisch.

Auf die Erkenntnis „Entweder kommt die Arbeit zu kurz oder die Kinder – Oder ma’ dastrudelt si – Du selbst bleibst auf jeden Fall auf da Streck’n“ folgt die schlichte, bis ins Heute reichende Ansage: „Ich will das nicht.“ Das Neinsagen macht aus Mit Leib und Seele ein bemerkenswertes wie anschauliches Dokument des frühen Widerstands gegen das patriarchal geprägte Gesellschaftsbild im Land.



Regiestatement Käthe Kratz zum Film Mit Leib und Seele

Kuratoren Dominik Kamalzadeh & Florian Widegger über "Mit Leib und Seele"

Trailer 2020 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"