Nacktschnecken
Das Leben dreier Grazer Ex-Studenten abseits vom Universitätsbetrieb. Johann (Raimund Wallisch) jobbt bei der Post und verschickt manchmal anonyme Liebesbriefe an verheiratete Frauen. Max (Michael Ostrowski) träumt von revolutionären Werbeideen, die doch nie verwirklicht werden. Wie Johann hängt auch Max sexuell in der Luft. Außerdem ist er insgeheim in Mao verliebt. Mao (Pia Hierzegger) ist die geborene Checkerin. Eigentlich will sie Filme machen, aber im Moment hält sie sich mit kleinen Drogendeals über Wasser. Schorsch (Georg Friedrich) gehört zu Maos Stammkunden. Ein kleiner Zuhälter, der sich für was Größeres hält. Er bringt Mao auf eine Idee: „A Video, verstehst. Studenten und Studentinnen. So Sex und so. Technisch gor net aufwendig. So wie jeder halt so filmt im Urlaub. Oba schon richtig.“
„Ursprünglich wollte ich diesen Film sogar Gunther Philipp widmen: Eine Sexklamotte. Oder noch besser: eine Post-Hippie-Sexklamotte.“ MICHAEL GLAWOGGER
Michael Ostrowski, Raimund Wallisch, Pia Hierzegger, Iva Lukic, Sophia Laggner, Georg Friedrich, Detlev Buck, Brigitte Kren, Mike Supancic u.v.m.

Heiteres Scheitern
Film und „Ficktion“: „Nacktschnecken“
Colette M. Schmidt*
Erfolglose Studenten in finanziell angespannten Situationen gibt es nicht nur in Graz. Auch erfolglose abgebrannte Studenten mit sexuellem Notstand sind allerorten Realität. Und dann gibt es da die Pornoindustrie – mit viel Geld und viel Sex.
Die Idee ist einfach und genial. So genial, dass Autor und Schauspieler Michael Ostrowski sich zuerst wunderte, dass noch niemand einen Film über Studenten gemacht hatte, die versuchen mit dem Dreh eines Pornos Geld zu machen und scheitern. Denn diese Art von „Ficktion“ ist eben ein hartes Geschäft. Das bemerken die Grazer Freunde Johann (Raimund Wallisch), der mit wenig Begeisterung bei der Post arbeitet und seine einsame Freude im Schreiben anonymer erotischer Briefe an Hausfrauen findet, Max (Ostrowski), der seine Umgebung manisch mit immer neuen, aber niemals realisierten Werbeideen nervt und Mao (Pia Hierzegger), die sich mit kleinen Drogendeals über Wasser hält, schon beim ersten Casting für ihren Studentenporno. Vor allem Freaks und allzu „ernsthafte“ Möchtegern- Mimen sprechen bei ihnen vor.
Als man sich dann endlich mit zwei Darstellern in das leer stehende Haus von Maos Eltern, zwei wohlhabenden gerade urlaubenden Althippies (Mike Supancic und Brigitte Kren) einquartiert, um mit Geld vom cholerischen Zuhälter und Auftraggeber Schorsch (Georg Friedrich) ans Werk zu gehen, produziert man nur Frustration.
„Das Sinnbild einer verbummelten Generation: „Sie sind eine Plage für den bürgerlichen Garten, sind nackt und bringen nix weiter““
Technische Pannen, das Unvermögen, sich vor laufender Kamera auf Knopfdruck zu paaren und Gezanke zwischen den Darstellerinnen lassen das Projekt – sehr unterhaltsam – scheitern.
Regisseur Michael Glawogger schuf mit den knalligen Bildern von Kameramann Wolfgang Thaler, die immer wieder von kitschigen Tierszenen konterkariert werden, ein Porträt einer verbummelten Studentengeneration in ihren späten 20ern, die mittlerweile vom Aussterben bedroht ist. Sie wird dem Sinnbild der Nacktschnecken gerecht: „Sie sind eine Plage für den bürgerlichen Garten, nackt und bringen nix weiter“, so Glawogger, der nach vielen Dokumentarfilmen seine Freude am Spielfilm mit „Nacktschnecken“ wiederentdeckte.
Die Schuld daran gibt er dem Grazer „Theater im Bahnhof“, wo der gebürtige Grazer den „Ton und den Humor, in dem ich daheim bin“ fand. Nicht nur der Humor, auch neun Schauspieler und Ausstatterin Maria Gruber drückten dem Film den Stempel des besagten Theaters auf. Ostrowskis Dialoge strotzen von witzigen Banalitäten aus dem Alltagsgeschwafel von Grazer Kiffern, die auch philosophisch sein wollen und dabei vor allem komisch bleiben.
„Wir haben nämlich nicht den regelmäßigen Geschlechtsverkehr, der uns eigentlich zusteht. Dabei müssten wir uns ganz andere Gedanken machen. Wie wir uns zum Beispiel davor schützen, dass wir im nächsten Leben wieder nur als wir selber auf die Welt kommen”, erkennt einer der Akteure weise.
*Standard-Redakteurin, lebt und arbeitet in Graz.
Ursprünglich wollte ich diesen Film sogar Gunther Philipp widmen: Eine Sexklamotte. Oder noch besser: eine Post-Hippie-Sexklamotte.
MICHAEL GLAWOGGER
Vom einfachen Vergnügen
Michael Glawogger über „Nacktschnecken“
Isabella Reicher
Wie macht man ein einfaches Vergnügen kompliziert? Zum Beispiel, indem man sich – nach dem Reglement eines beliebten Gesellschaftsspiels – erst eine Mütze und eine Skibrille aufsetzt, dicke Handschuhe anzieht und dann noch zu Messer und Gabel greift, wenn man Schokolade essen will.
Was gleich zu Beginn von Nacktschnecken fürs Schokoladeessen gilt, lässt sich auch auf andere Genüsse übertragen: Und so ergreifen zwei in finanzieller wie sexueller Hinsicht unbefriedigte Grazer Studenten, deren Ideen für grenzgeniale Werbespots ebenso wenig zünden wie die Aufrissversuche in der Disco, eine vordergründige Gelegenheit, das Angenehme mit dem Einträglichen zu verbinden und einen Pornofilm zu drehen. „Einschalten, draufhalten“ heißt das Motto. Die Rahmenhandlung: Man nehme ein paar Intellektuelle, die „treffen sich, reden g’scheit und pudern“. Es darf gelacht werden.
Nacktschnecken von Michael Glawogger (Megacities) ist also eine Ausnahmeerscheinung im gegenwärtigen heimischen (Spiel-)Filmschaffen: Eine „angenehm leichtgewichtige“ Komödie, die ihre Vorbilder, so der Regisseur im Gespräch mit dem Standard, eher im US-Independent-Kino sieht und ihren eigenwilligen Humor aus der Handlung, aus einem spezifischen – im heimischen Kino weit gehend nicht vorhandenen – Milieu und Lebensgefühl heraus entwickelt.
Eine Mischung aus „Quasselfilm“ (Glawogger) und Slapstick: „Lachen als Befreiung funktioniert meist über haptischen Humor: etwas angreifen, etwas fallen lassen, wo drüberstolpern. Deshalb haben wir uns zunehmend getraut, auch albern zu sein und auch einmal jemanden gegen eine Glastür rennen zu lassen.“ Voll daneben also, und damit gerade richtig in Sachen beherzter Dilettantismus, schönste Peinlichkeit und mit viel Sinn für komische Größe in der herrlichsten Armseligkeit.
Vor allem die Herren exponieren sich ohne Rücksicht auf Verluste, um endlich mit der Playboy-Ästhetik aufzuräumen, nach der „eine nackte Frau einfach schöner ist als ein Mann“. Schließlich wohnt dem Unernst auch ein wenig ernste Weltsicht inne: „Die Spaßkultur behauptet immer noch, es gibt was umsonst. Das ist alles eine große, bunte Lüge. Im Endeffekt wird doch auch bei ‚Starmania‘ bloß das Scheitern vermarktet. Es geht nicht um jemanden, der wirklich Popstar wird, sondern darum, was aus all den Losern nicht geworden ist.“
Was wünschenswerte Folgeerscheinungen von Nacktschnecken betrifft, so sieht Glawogger den bisherigen Mangel an vergleichbaren Filmen eher pragmatisch: „Wenn es gewisse Filme in Österreich nicht gibt, dann ist das nicht von oben verhindert, sondern es ist das kreative Bedürfnis noch nicht da. Mit dem viel geschmähten Kabarettfilm ist es immerhin so, dass man sehr genau weiß, wo der hingeht, wie der funktioniert. Das ist nicht aus dem Ärmel geschüttelt, der hat sich das erarbeitet.“









