Darwin’s Nightmare
Der Österreichische Film
Edition#40

Darwin’s Nightmare

Hubert Sauper /// 2004 /// Dokumentarfilm

105 min • Altersfreigabe: 6 • SD
UTs: Deutsch

Irgendwann in den 1960er Jahren wurde als wissenschaftliches Experiment in Afrika ein gefräßiger Raubfisch ausgesetzt: der Viktoriabarsch. Während der schmackhafte Speisefisch zu Höchstpreisen um die Welt geht, versinkt die einheimische Bevölkerung im Elend. Doch damit nicht genug. Die Flugzeuge, die uns mit edlen Fischfilets versorgen, transportieren auf ihrem Rückweg Waffen in die Krisenherde Afrikas. Ein profitabler Kreislauf des Hungers und der Gewalt. Das Elend Vieler als Voraussetzung für den Wohlstand Weniger – ein Lehrstück über Ökologie und Ökonomie.

Der mehrfach preisgekrönte Film des österreichischen Regisseurs Hubert Sauper wurde 2004 unter anderem mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet und 2006 für den Oscar nominiert.

„Darwin’s Nightmare könnte ich in Sierra Leone erzählen, nur wäre der Fisch ein Diamant, in Honduras eine Banane, und in Angola, Nigeria oder Irak schwarzes Öl.“ HUBERT SAUPER

Europäischer Filmpreis 2004 - Bester Dokumentarfilm

Regie  

Hubert Sauper
Kamera  

Hubert Sauper, Alexander Riede
ProduzentInnen  

Antonin Svoboda, Martin Gschlacht, Eduard Mauriat, Hubert Toint
Schnitt  

Denise Vindevogel, Hubert Sauper

DVD Edition # 40

Darwin’s Nightmare (2004) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Aus dem Lot

Fressen und gefressen werden: „Darwin’s Nightmare“

Dietmar Kammerer*


So sieht Globalisierung in Ostafrika aus: Die Flugzeuge und die Piloten stammen aus Russland, die Hilfsgelder aus Europa, genauso wie die Waffenlieferungen im Innern der riesigen Transportmaschinen. Noch nicht einmal der Fisch, der als Delikatesse verpackt und tiefgefroren dann den Rückflug in die Industrieländer des Nordens antritt, hatte ursprünglich hier seine Heimat.

Ein ausgewachsener Nilbarsch kann größer werden als ein Mensch. Irgendwann in den 1960er-Jahren zu Versuchszwecken im Viktoriasee ausgesetzt, hat das schwimmende Raubtier es in nur drei Jahrzehnten geschafft, praktisch den gesamten Bestand der sonstigen Fischpopulation auszurotten. Jetzt droht ihm selbst der Untergang, da das ökologische Gleichgewicht des Sees völlig aus den Fugen geraten ist.

Die Fressmaschine, die an ihrem eigenen Erfolg erstickt, stellt gleichermaßen den Gegenstand, das Sinnbild und die erklärende Folie von Darwin’s Nightmare dar: Darin verschränken sich Krieg und Handel, Reichtum und Ausbeutung. Während in den klimatisierten Büros der Vorstandsetagen das Loblied vom tansanischen Wirtschaftswunder dank des Exports hochpreisiger Fischfilets gesungen wird, herrschen auf den Straßen Armut, Prostitution und Drogenmissbrauch. Aids ist die häufigste Todesursache unter den einheimischen Fischern. Während eine einzelne Fabrik 500 Tonnen Barschfleisch täglich ausschließlich zur Ausfuhr produziert, bricht unter der Bevölkerung eine Hungersnot aus. 


„Die Fressmaschine, die an ihrem eigenen Erfolg erstickt, stellt gleichermaßen Gegenstand, Sinnbild und erklärende Folie des Films dar.“


Und so sieht Resteverwertung in einem globalisierten Land aus: Nach dem Filetieren werden Fischköpfe und Gräten auf Müllhalden verfrachtet und mitsamt der Maden in rostigen Kesseln ausgekocht. Das bittere Ende der Verwertungskette ist damit noch nicht erreicht. Die Plastikverpackungen werden von Straßenkindern eingeschmolzen – sie inhalieren den Klebstoff, um ihr Hungergefühl zu betäuben.

Hubert Saupers Dokumentarfilm, die erste lange Kinoarbeit des in Frankreich lebenden Tirolers, ist rückhaltlos in seiner Anklage. Was er zeigt und wovon er spricht, lässt keinen Raum für Zweifel an den schuldhaften Verstrickungen der Ersten gegenüber der Dritten Welt. Für die Herren in sauberen Hemden, die von weither kommen und Konferenzen auf Englisch abhalten, interessiert er sich nur aus der Distanz. Folgt er hingegen den Betroffenen, ist der Film stets mitten im Geschehen und schreckt auch vor schwer erträglichen Bildern nicht zurück.

Dennoch verfällt Darwin’s Nightmare nicht in globalisierungskritische Schwarz-Weiß-Malerei. Die Menschen sind nicht nur Opfer, sondern selbst Täter, sie halten den Teufelskreis, der sie stetig vernichtet, selbst in Gang. Ausgerechnet ein Unternehmer darf diese Wahrheit aussprechen: „Jeder hier ist abhängig von der Fischindustrie.“ Sind die Dinge einmal aus dem Lot, geraten alle ins Rutschen.


*Journalist und Filmkritiker („taz“, „Spex“, „kolik.film“, u. a.).




Darwin’s Nightmare könnte ich in Sierra Leone erzählen, nur wäre der Fisch ein Diamant, in Honduras eine Banane, und in Angola, Nigeria oder Irak schwarzes Öl.


HUBERT SAUPER

Film – „eine innere Reise“

Der österreichische Dokumentarist Hubert Sauper*

Claus Philipp


Wenn Hubert Sauper am Abend des 5. März im luxuriösen Ambiente des Kodak Theatre als einer von fünf für den Oscar nominierten Dokumentaristen zugegen sein wird – dann ist dies wohl der bis dato härteste Kontrast zur entbehrungsreichen Produktionsgeschichte seines Filmessays Darwin’s Nightmare.

Jahrelang hatte sich der Regisseur, oft am Rand des Existenzminimums, auf sein ambitioniertes Projekt der Darstellung eines kollabierenden biologischen Gleichgewichts vorbereitet. Monatelang hatte er ab 2000, gemeinsam mit dem Kameramann Alexander Rieder, am Victoriasee in Ostafrika studiert und dokumentiert, was geschah, als eine neue Fischart innerhalb von drei Jahrzehnten alle anderen Fische ausrottete – und gleichzeitig zum fragwürdig erfolgreichen Lebensmittelexportartikel wurde.

Zum damaligen Zeitpunkt mit einem großen Kinoerfolg zu spekulieren, schien müßig. Dass Darwin’s Nightmare international und in den heimischen Kinos alle Austro-Spielfilme in den Schatten stellen sollte, war nicht absehbar. Hubert Sauper, 1966 als Sohn einer Kärntner Hoteliersfamilie in Kitzbühel geboren, blieb dennoch beharrlich (manche würden sagen: stur) und blieb bei seinem Projekt. Schon 1997 hatte er mit Kisangani Diary ähnlich besessen das Schicksal von Flüchtlingen aus Ruanda dokumentiert. Essenziellen Krisen begegnet er als Filmemacher mit existenzieller Hingabe.

Als er 2004 zuerst mit einem Spezialpreis in Venedig und dann mit dem Wiener Filmpreis der Viennale prämiert wurde, eröffnete sich ihm ein relativ neues „Universum“: In den letzten Monaten reiste Sauper von Festival zu Festival, von Präsentation zu Präsentation seines Films, den er unter dem Schlagwort „Globalisierungskritik“ etwas zu simpel interpretiert sieht.

„Ich weiß nicht, wie viele Konsumentenorganisationen auf Darwin’s Nightmare hin dazu aufgerufen haben, Fisch zu boykottieren. Das ist doch ein völliger Schmarren“, sagte er einmal in einem Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger. „Da könnte man ja alles boykottieren, was es im Supermarkt zu kaufen gibt! Für mich ist es ein fast beleidigendes Missverständnis, wenn man meinen Film darauf reduziert. Zu sagen, was man darf und was nicht, was gut oder böse ist, wäre so ungefähr das Gegenteil von dem, was ich will. Natürlich ist es gut, wenn man zu Weihnachten nicht chilenische Weintrauben auf den Tisch stellt, solange es heimische Äpfel gibt. Aber es ist nicht mein Beruf, das rüberzubringen. Ich hab ja nicht Aufklärung studiert, sondern Filmregie.“

Und Film, das ist für Hubert Sauper eine „innere Reise, auf der man mehr findet, als man sucht“. Gut möglich, dass ihm bei der Oscar-Gala diesbezüglich einiges an neuen Fundstücken angeboten wird.


*Kopf des Tages“ im Standard vom 1. 2. 2006 anlässlich der Oscar-Nominierung von „Darwin’s Nightmare“.



Trailer 2006 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"