Jenseits des Krieges
Der Österreichische Film
Edition#47

Jenseits des Krieges

Ruth Beckermann /// 1996 /// Dokumentarfilm

113 min • Altersfreigabe: 12 • SD
Sprache: Deutsch
UTs: Englisch, Französisch

„Während der Ausstellung VERNICHTUNGSKRIEG, die in deutschen und österreichischen Städten gezeigt wurde, sammelte Ruth Beckermann Zeugenaussagen ehemaliger Soldaten der Wehrmacht. Daraus entstand ein kompromissloser Film über Erinnerung und Vergessen. An den Wänden Schwarzweiß-Fotografien von den Verbrechen der deutschen Wehrmacht an der Ostfront während des 2. Weltkriegs. Vor diesem Hintergrund berichten ehemalige Soldaten über ihre Erfahrungen und Erlebnisse jenseits des „normalen“ Krieges. In einer Mischung aus Hilflosigkeit, Ohnmacht, Scham, Opportunismus und ungebrochenem Fanatismus berichten die Zeugen dieser Zeit von Verbrechen wie den Erschießungen russischer Kriegsgefangener, der Ermordung der Juden und der Misshandlung von Frauen. Die verschiedenen Versionen der Ereignisse zeigen, wie selektiv Wahrnehmung selbst im grausamsten Umfeld war.“ BERT REBHANDL

„Wissen Sie, ich weiß nicht mehr, wohin ich mich schämen soll.“

Besetzung  

Hannes Heer, Walter Manoschek u.v.m.

Regie  

Ruth Beckermann
Drehbuch  

Ruth Beckermann
Kamera  

Peter Roehsler

DVD Box - Ruth Beckermann

Jenseits des Krieges (1996) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Was heißt hier „Ehre“?

Ein bedeutendes Dokument: „Jenseits des Krieges“

Bert Rebhandl*


Ein Mann – wie alle Auftretenden in Jenseits des Krieges ein Besucher der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944“, die im Oktober und November 1995 in Wien gezeigt wurde – erinnert sich an ein Erlebnis vor langer Zeit. Er erzählt von Erhängten in Russland, deren gefrorene Körper im Wind aneinanderschlagen. Er war damals dabei, nun denkt er daran zurück. Was er sagt, ist eine Aussage, und zugleich ein Bild. Der Feldzug der Wehrmacht gegen Russland und die im Zuge dessen begangenen Verbrechen sind das mittelbare Thema des Films von Ruth Beckermann. Man sieht die Ausstellung durch die Reaktionen der Besucher. Sie fühlen sich angegriffen, sie wollen persönlich darauf antworten, was ihnen hier als historischer Zusammenhang präsentiert wird. Beckermann filmt Gedächtnisprotokolle, in denen eine Ausstellung ergänzt wird, die vom Hamburger Institut für Sozialforschung gestaltet worden war und auf kontroverse Weise den Unterschied zwischen nationalsozialistischen Gesinnungstätern und Kriegsverbrechern in der Wehrmacht einebnete.

Die Präsentation erwies sich als anfechtbar, sie war ebenso sehr Dokumentation wie Provokation. Größeres Augenmerk als irgendwelchen Objektivitätsdiskussionen in Gruppen widmen Beckermann und ihr Kameramann Peter Roehsler der Geschichte von Einzelnen. Damit ist schon die erste Entscheidung getroffen, diesen Film nicht dadurch „attraktiv“ zu machen, dass man „Täter“ und „Opfer“ aufeinander loslässt. 


„Eine Dramaturgie des Sammelns: Ruhig widmet sich dieser Film seinem Projekt – den Willen zum Wissen zu überprüfen.“


Die Wehrmacht hat an den Verbrechen der Nazis großen Anteil gehabt: Diese These der Ausstellung wird im Film mit neuen Fällen belegt. Einige erzählen, wie sie sich gedrückt haben vor Exekutionen; manche legen Wert darauf, dass Verweigerer in so einem Fall nicht bestraft wurden. „Gewissensqual hab ich nicht gehabt“, bleibt dann ein Soldat „in der sechsten Generation“ hartnäckig, auch auf Nachfragen der Filmemacherin. Hier greift Beckermann zu einem signifikanteren Schnitt, lässt sie eine pointiert andere Position folgen.

Fast immer ist die Montage sonst eher unauffällig. Es steht eher eine Dramaturgie des Sammelns von Indizien im Zentrum als ein Prozess mit Anklage und Rechtfertigung, der sich vor den Bildern der Ausstellung unentwegt abspielt. Jenseits des Krieges vermeidet alle Effekte, die den Duktus stören könnten, und widmet sich ruhig einem Projekt: den Willen zum Wissen zu überprüfen. Am Ende hat man den Eindruck, die Kriegsgeneration wäre gar nicht so stur auf die „Soldatenehre“ versessen, wie sie die Gegner der Ausstellung so schnell besudelt sehen wollten. Hieraus eine soziologische Folgerung zu ziehen, wäre falsch: Die Auswahl, die Beckermann getroffen hat, fügt sich nicht zu einer Vergangenheitsbewältigung. Die Ausstellung musste später überarbeitet werden. Das ändert nichts daran, dass diese Momentaufnahme ein bedeutendes Dokument darstellt.


*Ständiger Mitarbeiter des Standard, lebt und arbeitet in Berlin.




„Wissen Sie, ich weiß nicht mehr, wohin ich mich schämen soll."



„Keine Illusionen“

„Ich wollte normale Österreicher filmen“: Ruth Beckermann im Gespräch.*


Es stimmt nicht in der Welt“: Dieser Schluss, den eine Frau vor laufender Kamera aus der Wehrmachtsausstellung „Vernichtungskrieg“ zieht, ist die redlichste Konsequenz aus einer Konfrontation, die die Gemüter nicht nur der Kriegsgeneration erhitzt.

Als die vom Hamburger Institut für Sozialforschung, einem Projekt von Jan Philipp Reemtsma, ausgerichtete Wehrmachtsausstellung erstmals in Wien zu sehen war, begann die Autorin und Filmemacherin Ruth Beckermann (Die Mazzesinsel, Nach Jerusalem, Die papierene Brücke) – ziemlich kurzfristig, wie sie im Interview erzählt –, mit kleinem Equipment (Peter Roehsler bediente eine Hi8-Kamera) die Besucher und deren Reaktionen zu filmen. Das Ergebnis waren 46 Stunden Material – eine Fortsetzung der Ausstellung mit filmischen Mitteln? „Ich sehe es eher als Fortsetzung meiner früheren Arbeiten, die sich mit der Kriegszeit von der Seite der Opfer aus beschäftigen. Ich hatte schon lange das Interesse, einmal die Geschichte, in der ich den Holocaust – für Europa – als zentrales Ereignis in diesem Jahrhundert erachte, von der anderen Seite zu sehen. Ich wollte normale Österreicher filmen.“

Knapp zwei Stunden dauert nun Jenseits des Krieges, eine Montage aus Interviews und Gruppenszenen, aus nur selten heftigeren Debatten und einigen sehr bewegenden Momenten von Erinnerung. „Die Dynamik der Ausstellung hat sich selbst verändert. Die erste Woche war sehr aufregend, auch durch die Medien. Ich wollte ruhige Gespräche haben. Wir haben dann einen Tisch aufgestellt, das ist eine andere Konzentration. Man spürt das Neonlicht, die Spitalsatmosphäre.“

Die Sache, die in dieser „Anhörung“ verhandelt wird, ist nicht so sehr das Ausmaß der Wehrmachtsverbrechen vor allem im Russlandfeldzug als vielmehr die heutige Reaktion auf die Wiederkehr des Verdrängten: „Wir haben vier Versionen geschnitten, aber sofort war mir klar: Jeder kommt einmal dran. Es ging mir um ein Serienprinzip, nicht um individuelle Geschichten. Ich habe mir das vorgestellt wie einen Gemeindebau der 50er-Jahre. Die Fotos der Ausstellung wollten wir nicht als Illustration, während der Montage hat sich das herauskristallisiert. Wir sind vom ersten Moment im Raum, sogar die Titel sind, was ich zuvor noch nie gemacht habe, über die Szene drübergelegt.“

Selten lässt sich die Filmemacherin auf eine Diskussion ein, etwa, wenn ein Mann aus einer „Soldatenfamilie in der sechsten Generation“ allzu selbstgerecht auf seine professionelle Nüchternheit pocht („Gewissensqualen habe ich nicht gehabt“). Beckermann schneidet auf dieses vielleicht kälteste Statement im Film einen Mann, der immer wieder für Momente von seinen Erinnerungen überwältigt wird. Und wenn wieder einmal ein besonderer Blödsinn aus der historischen Literatur kolportiert wird, dann fragt eine Besucherin aus dem Off leise dazwischen, wie es denn um die Seriosität dieser „Dokumente“ bestellt sei.

„Das Interessante ist die Überraschung: Auftritt, Abtritt. Man sieht einen Menschen und hat sofort eine Meinung, der Zuschauer und ich in der Ausstellung. Das war für mich sehr schwierig, weil mich manche Aussagen als Frau, als Mensch, als Jüdin beleidigt haben. In der ersten Woche war ich irrsinnig aggressiv, ich habe aber dann gemerkt, dass es zu spät ist für ein Verhör. Ich bin in dieser Stadt geboren, ich habe keine Illusionen über die Österreicher.“


*Das Interview, geführt von Bert Rebhandl, hier leicht gekürzt, erschien am 19. Oktober 1996 anlässlich der Viennale- Präsentation von Ruth Beckermanns Film im Standard.



Trailer 2006 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"