Moneyboys
Der Österreichische Film
Edition#381

Moneyboys

C.B. Yi /// 2021 /// Drama

120 min • HD
Sprache: Mandarin
UTs: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Der junge Fei lebt in der chinesischen Großstadt und verdient sein Geld als illegaler Sexarbeiter, um seine Familie am Land zu unterstützen. Als ihm klar wird, dass seine Familie zwar sein Geld, nicht aber seine Homosexualität akzeptiert, stürzt er in eine tiefe Krise. Nun sieht er sich gezwungen, sein Leben neu zu ordnen, sich zur Liebe zu bekennen und Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für die Menschen, die ihm nahestehen.

“MONEYBOYS ist ein existenzieller, queerer und zugleich universaler Film über Liebe, der politische Bedeutung nicht verfolgt, aber sie erzeugt. Er zeigt nicht nur ein auf allen Ebenen unglaublich sauberes, für einen Debütfilm überraschend reifes, filmisches Handwerk. Von der präzisen Kamera, die so intelligent ihr Cinemascope nutzt, über die präzise Figurenzeichnung, die selbst in den Nebenfiguren komplexe, vielschichtige Welten erzählt, über das bewusst gesetzte, aber gleichzeitig nicht laute Szenenbild und die Kostüme, die eins werden mit ihren Charakteren, bis hin zu diesem unglaublich nahen Schauspiel. Sondern er schafft es auch, dass dieses Handwerk nicht zu Sterilität führt. Ganz im Gegenteil: C.B. Yi erzählt seine Geschichte mit einer tiefen Herzlichkeit. Dabei definiert er trotz der harten Umstände seine Figuren nicht über Mitleid. Stattdessen gibt C.B. Yi den Charakteren und dem gesamten Film eine außergewöhnliche Würde.” (Jurybegründung, Festival Max Ophüls Preis 2022)

Besetzung  

Kai Ko, Lin Zhengxi, Chloe Maayan u.v.m.

Regie  

C.B. Yi
Drehbuch  

C.B. Yi
Kamera  

Jean-Louis Vialard

DVD Edition #381

Moneyboys (2021) - Drama | watchAUT Film

Grassierende Schwermut

C.B. Yis „Moneyboys“ zeigt Sexarbeiter in China

Sulgi Lie*


Ernst Bloch hat angesichts der Existenz verschiedener historischer Schichten, die anachronistisch in die Jetztzeit der kapitalistischen Gegenwart hineinragen, einmal von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ gesprochen. Entgegen einer Geschichtsauffassung, die Modernität als Traditionszersetzung durch Fortschritt begreift, verweist Bloch auf die Nachträglichkeit historischer Formationen, die nicht aufhören zu verschwinden, auch wenn sie längst obsolet geworden sind.

Auch wenn Blochs Beispiel für diese ungleichzeitige Gleichzeitigkeit der deutsche Faschismus ist, so lässt sich sein Modell auch auf jene asiatischen Länder übertragen, in denen sich die kapitalistische Modernisierung nicht über Jahrhunderte vollzog, sondern in der kurzen Zeitspanne einiger Jahrzehnte exekutiert wurde. „Komprimierte Modernisierung“ wird das in den Sozialwissenschaften genannt.

Steht die chinesische Variante der komprimierten Modernisierung im Zentrum der meisten Filme der sogenannten sechsten Generation chinesischer Filmemacher:innen von Jia Zhangke bis Wang Bing, so fügt sich auch C.B. Yi mit seinem Debütfilm in diese Reihe ein: Moneyboys erzählt von dem jungen Fei (Kai Ko), der sich in einer unbenannten chinesischen Großstadt als schwuler Sexarbeiter der gehobenen Escortklasse verdingt und das verdiente Geld an seine Familie schickt, die den ärmlichen Verhältnissen ihres Dorfes nie entkommen ist. 


„Feis Schwermut entspringt der gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit von Stadt und Land, Moderne und Tradition, schwulem Sex und Familienwerten.“


Fei wird immer mehr von einer Herkunft heimgesucht, die er glaubte, hinter sich gelassen zu haben. Die Welt der Moneyboys ist dabei ganz wörtlich von der totalen Dominanz monetärer Zeichen bestimmt: durchgestylte Wohnungen, Designerkleidung und fancy Partys. Ist liberalisierte Sexualität die Bedingung dieser transaktionalen Ökonomie, so wird sie von Feis Großfamilie als pervers denunziert, obwohl sie von seinen Geldsendungen abhängig ist. Feis grassierende Schwermut entspringt der gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit von Stadt und Land, Moderne und Tradition, schwulem Sex und Familienwerten, die sich nicht miteinander versöhnen lassen. Auch der Stil des Films wird immer melancholischer, wenn C.B. Yi mit leicht schlingernden langen Einstellungen und eleganter Lichtsetzung der Poetik von Hou Hsiao-Hsien huldigt. Wenn Fei mit seinem ersten Freund Xiaolai in einer Bauruine sitzend vergeblich Liebeserinnerungen heraufbeschwört, denkt man unwillkürlich an die vielleicht schönste Einstellung von Hou Hsiao-Hsiens The Boys from Fengkuei, in der die drei Schulfreunde aus dem Dorf von einer Hochhausruine aus hinab auf die große, Glück verheißende Stadt schauen: Die Boys von Fengkuei sollen nicht die Moneyboys werden, zu denen Fei und seine Freunde geworden sind. Dass sie es vielleicht doch geworden sein könnten, ist der Schmerz, von dem C.B. Yis Film erzählt. .


*Ist Autor und Filmwissenschaftler und lebt in Berlin. 




Der österreichisch-chinesische Regisseur C.B. Yi zeigt in seinem klugen Debütfilm ‚Moneyboys’ ein Leben zwischen Träumen und harter Wirklichkeit, zwischen käuflichem Sex und einem Weg aus der Einsamkeit.


TAZ

Fortschritt und Rückzug

„Moneyboys“ erzählt auch eine Migrationsgeschichte

Bert Rebhandl


In dem Film Moneyboys von C.B. Yi fallen keine Ortsnamen, aber die wesentliche Information ist klar: Er spielt in China. Ein junger Mann namens Liang Fei hat sich auch aus einem persönlichen Grund in eine große Stadt aufgemacht. Er ist schwul. Als Moneyboy verdient er gutes Geld, er trifft reiche Männer und steht ihnen sexuell zur Verfügung.

Als er dann doch wieder einmal in sein Dorf fährt, um am Grab seiner Mutter Geld zu verbrennen (ein ortstypisches Ritual), gibt es ein großes Essen für ihn. Ein paar Onkel kommen dazu, anfangs ist der Ton aufgekratzt, allmählich wird er gereizter. Denn Fei ist nun bald 30 Jahre alt, und noch ist nicht erkennbar, dass er schon eine Frau gefunden hätte.

Moneyboys hatte im Juli des Vorjahrs seine Weltpremiere in der Reihe „Un Certain Regard“ in Cannes. Auf den ersten Blick ein typischer Autorenfilm aus China, hinter dem allerdings eine besondere Geschichte steckt. Denn der Regisseur C.B. Yi ist Österreicher. Als Teenager folgte er seinem Vater in das damals noch fremde Land. Eine Wiederbegegnung mit seiner Heimat suchte er über ein Sinologiestudium an der Uni Wien, seine Berufung fand er aber an der Filmakademie. Bei Michael Haneke (Regie) und Christian Berger (Kamera) eignete er sich die Kunst des Kinos an.

Es dauerte dann noch eine beträchtliche Zeit, bis er mit Moneyboys seinen ersten Langfilm drehen konnte. Und er musste dafür aus praktischen Gründen nach Taiwan ausweichen, in das kleine, unabhängige, demokratische Land vor der Küste Festlandchinas also.

Wer mit dem südostasiatischen Kino ein wenig vertraut ist, wird vielleicht die besondere Atmosphäre von Taipeh spüren können. „Auf dem Festland wird es mit queeren Themen immer schwieriger“, sagt C.B. Yi im Gespräch mit dem Standard. „Homosexualität ist zwar nicht verboten, wird aber als Tabu behandelt. Und generell hat das Land in den letzten Jahren in fast allen Bereichen die Zügel stark angezogen, auch für das unabhängige Kino werden die Freiräume immer enger.“

Einmal sitzen Fei und Long mit ein paar Freunden in einem schicken Restaurant. Ein junger Mann und seine Frau verkünden, dass sie umziehen wollen, in eine andere Stadt, in ein traditionelleres Leben: Kinder bekommen, den Eltern den großen Wunsch erfüllen, dass alles so weitergeht, wie es vorgesehen ist. Die sechs Jahre aber, die hinter ihnen liegen, das freie Leben in der Anonymität einer Stadt, das war für ihn die größte Zeit seines Lebens, sagt der künftige Vater.

Von dieser Spannung lebt Moneyboys und findet dafür eine schöne, unaufdringliche ästhetische Form. Den Übergang zwischen den Welten markiert eine Fähre, die ein junger Mann mithilfe eines Seils steuert – ein fast schon kontemplativer Akt, mit dem der Grundton des Films gut getroffen wird: Fortschritt und Rückzug, Aufbruch und Distanzierung in einer komplexen Bewegung. 



Trailer 2023 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"