Speak Easy
„Glanzpunkte des heimischen Kurzfilmschaffens der Jahre 1992 - 2001 versammelt diese Zusammenstellung: SONNENFLECKEN (1998) von Barbara Albert, ÄGYPTEN (1997) von Kathrin Resetarits, AUTOMATIC (2002) von Josef Dabernig/G.R.A.M., DIE SCHWARZE SONNE (1992) von Johannes Hammel, FLORA (1996) von Jessica Hausner, SPEAK EASY (1997) von Mirjam Unger, und – für den Kurzfilm-Oscar nominiert – Virgil Widrichs COPY SHOP (2001). „Die jungen Regisseurinnen erkunden jugendliche Lebenswelten, ihre männlichen Kollegen steuern Spielarten von Sciencefiction und Roadmovie bei.“ (Isabella Reicher) An dieser Stelle übrigens herzlichen Dank an Brigitta Burger-Utzer und sixpackfilm für die Unterstützung und Beratung bei Erkundungen und der Auswahl im Kurz- und Avantgardefilm.“ CLAUS PHILLIP
„Sieben Filme aus zehn Jahren. Ein kleiner Ausschnitt österreichischer Filmgeschichte, der die bestechende Vielfalt der ,kleinen Form‘ abbildet.“ ISABELLA REICHER
Victor Tremmel, Nina Proll, Kathrin Resetarits, Una Wipplinger, Eva Maria Klauser, Hakan Baykal, Elisabeth Ebner-Haid, Johannes Silberschneider u.v.m.
- Barbara Albert: SONNENFLECKEN - 1998 (25 min.)
- Kathrin Resetarits: ÄGYPTEN - 1997 (10 min.)
- Josef Dabernig/G.R.A.M.: AUTOMATIC - 2002 (7 min.)
- Johannes Hammel: DIE SCHWARZE SONNE - 1992 (26 min.)
- Jessica Hausner: FLORA - 1996 (25 min.)
- Mirjam Unger: SPEAK EASY - 1997 (20 min.)
- Virgil Widrich: COPY SHOP - 2001 (12 min.)
ÜBER DEN FILM

Bildgeschichten
Sieben Kurzfilme aus Österreich
Isabella Reicher*
Sieben Filme aus zehn Jahren. Ein kleiner Ausschnitt österreichischer Filmgeschichte, der in manchen Fällen die Anfänge späterer Entwicklung in Richtung Kinofilm markiert und in jedem Fall die bestechende Vielfalt der „kleinen Form“ abbildet.
Vier der sieben Arbeiten sind an der Wiener Filmakademie entstanden: Als ab 1996 Barbara Albert, Jessica Hausner, Kathrin Resetarits und Mirjam Unger ihre Filme vorstellen, werden diese ungeachtet aller individuellen Unterschiede zunächst breit als Zeichen eines Aufbruchs rezipiert. Die spätere Rede von einer von Filmemacherinnen geprägten „Nouvelle Vague viennoise“ ist unter anderem hier begründet. Die Filme experimentieren mit den Möglichkeiten filmischen Erzählens: Nicht das gesprochene Wort stiftet den narrativen Zusammenhang, vielmehr steht zunächst die visuelle Aussage im Vordergrund.
Die Kurzspielfilme von Albert, Hausner und Unger handeln von (weiblichen) Heranwachsenden, von jungen Frauen: In Sonnenflecken (1998) – Alberts letztem Kurzfilm bevor sie mit Nordrand verwandte Themen in die große Form überführt – überlagern einander in fragmentarisch gehaltenen Szenen Träume, Sehnsüchte und die Lebensrealität zweier junger Frauen und eines kleinen Mädchens.
Flora erzählt – ein wenig an Aki Kaurismäki gemahnend – vom Ausbruch der jungen, still entschlossenen Titelheldin aus dem Elternhaus und aus kleinbürgerlichen Glücksmodellen.
„Nicht das gesprochene Wort stiftet den Narrativen Zusammenhang, vielmehr steht die visuelle Aussage im Vordergrund.“
Speak Easy inszeniert Teenager und junge Erwachsene am Telefon und entwickelt daraus eine vielstimmige Erzählung von Freundschaft und Einsamkeit, Liebe und Verrat, Gruppendynamik und Zeitvertreib (im inzwischen ausgebrochenen Handyzeitalter ist er überdies auch schon ein kleines Dokument der Festnetztelefonie, der Apparate und an sie geknüpften Verhaltensweisen und Gesten).
Resetarits dagegen überträgt in Ägypten ihre dokumentarischen Beobachtungen von beredten Gehörlosen stimmig ins Register des Stummfilms: nicht nur die expressiven Gebärden erinnern ans frühe Kino.
Zu diesen vier Arbeiten kommen drei weitere: Josef Dabernigs Filme sind an der Schnittstelle zur bildenden Kunst verortet. In automatic versetzt er, gemeinsam mit G.R.A.M., Männer und ihre stillgestellten fahrbaren Untersätze zum treibenden Score von Binder & Krieglstein in filmische Bewegung. Die schwarze Sonne vom Regisseur und Kameramann Johannes Hammel ist ein schöner Beleg dafür, wie eine einfache Verfremdung – wir sehen solarisierte Bilder – berückende Sciencefiction produziert.
Virgil Widrichs Copy Shop schließlich verbindet auf sprechende Weise zwei Techniken der künstlichen Reproduktion, das „Original“ verliert sich inmitten von Doppelgängern. Der Film ist auch ein Stück heimischer Kinoerfolgsgeschichte: 2001 war diese 12-minütige Miniatur für den Oscar nominiert.
*Filmkritikerin des Standard; Redakteurin von kolik.film.
Sieben Filme aus zehn Jahren. Ein kleiner Ausschnitt österreichischer Filmgeschichte, der die bestechende Vielfalt der ,kleinen Form‘ abbildet.
ISABELLA REICHER
Schwerkraft. Schwerelos.
Erstmals auf einer DVD: Wesentliche Kurzfilme der jüngeren Generation.
Barbara Albert Sonnenflecken (1998, 25 min)
Eine junge Frau und ein kleines Mädchen spielen Fußball. Wenn der Ball in die Luft fliegt, geht die Schwarzweiß-Sequenz in das Rot des Abendhimmels über, in dem hoch oben ein Vogel fliegt. Der Vogel gehört in einen Traum. Dieser Anfang ist programmatisch: Die verschiedenen Erlebnisebenen fließen nahtlos ineinander und erzählen von den Unwägbarkeiten des Erwachsenwerdens.
(Birgit Flos)
Kathrin Resetarits Ägypten (1997, 10 min, stumm)
Kathrin Resetarits hat einen ganz besonderen Stummfilm gedreht, der aus reichen gestischen Erzählungen in Gebärdensprache besteht. Deren Übersetzung übernehmen abwechselnd Schrift, Spielfilm-Bilder, Off-Stimmen und Musik. Ohne weiterreichende Erklärung, ohne irgendeinen „Relevanz-Vorwand“ wird hier, in einer geglückten Reminiszenz an die Expressivität des frühen Kinos, ganz einfach etwas festgehalten, das gleichzeitig alltäglich und doch für die meisten fremd ist.
(Isabella Reicher)
Josef Dabernig, G.R.A.M. automatic (2002, 7 min)
Drei Männer, drei Autos, drei Obsessionen. Eine in der ländlichen Garage angesiedelte Studie über die Getriebenheit, ein Roadmovie in Schwarz-Weiß, ohne Asphalt und heulende Motoren. Abseits narrativer Schlüssigkeit werden Genres wie Film Noir oder Nouvelle Vague zitiert.
(J. D. + G.R.A.M.)
Johannes Hammel Die schwarze Sonne (1992, 26 min)
Die schwarze Sonne basiert auf einer Kurzgeschichte des amerikanischen Sciencefiction-Autors Samuel R. Delany und erzählt von der Begegnung eines „Spacer“ mit einem „Frelk“. „Spacer“ sind androgyne Wesen, geschaffen für technische Arbeiten auf den umliegenden Planeten und deren Monden. Aufgrund ihrer Fähigkeit, sich auf die jeweiligen Schwereverhältnisse einstellen zu können, werden sie für die an die Schwerkraft der Erde gebundenen „Frelks“ zur Obsession und zu käuflichen Objekten der Begierde.
(J.H.)
Jessica Hausner Flora (1996, 25 min)
Die Titelheldin wird erwachsen. Zurücksetzungen, Tanzschule, ein Kino der Blicke, zarten Momente, trivialen Schlager, das sich Zeit nimmt, genau hinschaut und für Einsamkeit und Ausbruchsversuche sinnfällige Bilderfolgen (er-)findet. (Christian Cargnelli)
Mirjam Unger Speak Easy (1997, 20 min)
Ein ganz normaler Tag in der Stadt. 11 Jugendliche bei einer ebenso normalen Tätigkeit. Sie telefonieren. Sie reden über nichts Besonderes: über Langeweile, Zusammensein oder Nicht-Zusammensein, Ziele und Ziellosigkeit, Sex, Unsicherheit und ihren vagen Wunsch nach mehr. In dieser scheinbaren Trivialität gewähren sie Einblick in ihr Befinden, das sie sonst nur unter sich preisgeben.
(M.U.)
Virgil Widrich Copy Shop (2001, 12 min)
Merkwürdige Irritationen wie Eselsohren an den Bildkanten oder Schlieren erregen den Verdacht, dass in Virgil Widrichs Copy Shop der Inhalt die Form nicht recht zu bändigen weiß. Dabei herrscht anfangs trügerische Konvention vor: Ein Mann (Alfred Kager) erwacht, richtet sein Haar vor dem Spiegel, tritt auf die Straße, um seinen vertrauten Weg zur Arbeitsstätte anzutreten. Erst dort, am Kopierer, gerät die Welt aus den Fugen.
(D. Kamalzadeh)








