Weiyena - Ein Heimatfilm
Der Österreichische Film
Edition#382

Weiyena - Ein Heimatfilm

Weina Zhao, Judith Benedikt /// 2020 /// Dokumentarfilm

96 min • Altersfreigabe: 0 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Deutsch

Daheim ist Weina Zhao in Wien, ihre Eltern benannten sie sogar nach dieser Stadt. Doch hat es sie schon immer nach China und in die Vergangenheit ihrer Familie gezogen, in der die gegensätzlichen Lebensrealitäten des 20. Jahrhunderts vereint sind. Die einen Filmemacher*innen im glamourösen Shanghai der 1930er Jahre, die anderen arme Bauern im Norden. In den Biografien der beiden Familien verdichtet sich die Entwicklung Chinas von Maos langem Marsch über die Tragödien der Kulturrevolution bis in die Moderne. Damit wird der Film auch zu einem einzigartigen Zeugnis dieses Kapitels der Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Weinas Reise beginnt in einer zaghaften Annäherung an ihre Familie. Bald stößt sie auf traumatische Erinnerungen – von der japanischen Besatzung bis hin zur jahrelangen Gefangenschaft während der Kulturrevolution. Immer mehr Wunden werden aufgerissen und sie sieht sich konfrontiert mit ihrem eigenen Umgang mit der Vergangenheit und ihrer entwurzelten Identität.

Besetzung  

Zhao Tiewang, Huang Zimin, Liu Shuzhen, Zhao Shimin, Huang Minghua, Ying Ping u.v.m.

Regie  

Weina Zhao, Judith Benedikt
Drehbuch  

Weina Zhao
Kamera  

Judith Benedikt

DVD Edition #382

Weiyena - Ein Heimatfilm (2020) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Heimat und Migration

„Weiyena – ein Heimatfilm“ befragt Zugehörigkeiten

Bianca Jasmina Rauch*


Auf Chinesisch kann man das Zuhause gar nicht von der Familie trennen, beides steckt in einem Wort“, erklärt uns die Filmemacherin zu Beginn aus dem Off. Ab ihrem vierten Lebensjahr in Wien aufgewachsen, nimmt sie einen vertrauten und zugleich distanzierten Blick auf das Herkunftsland ihrer Eltern ein. Ihre Gedanken begleiten uns auf ihrer Suche von Wien nach Peking und Schanghai, vom Ende der 2010er-Jahre bis zurück zu den 1930er-Jahren und zu mehreren Jahrzehnten der Geschichte ihrer Familie.

Wie sehr bestimmt die Vergangenheit unserer Vorfahren unser eigenes Leben? Welche Traumata der Eltern wirken in ihren Kindern als transgenerationale Narben nach? Wie würde ihr Leben aussehen, wenn sie in Peking aufgewachsen wäre?

Die vor Jahrzehnten lebendigen Utopien, Hoffnungen und Träume ihrer (Ur-)Großeltern wurden von den Millionen Opfern, die die Kulturrevolution unter Mao mit sich brachte, begraben. In Gesprächen erzählen die Verwandten von den Gräueltaten, die sie erlebten und die als Erinnerungen zurückbleiben. Das Verhältnis der Filmemacherin zu den Mitgliedern ihrer Familie verändert sich durch ihre Position als Regisseurin: Nach Jahrzehnten des Schweigens öffnen sie sich auf einmal vor der Kamera und werden zu Zeitzeug:innen.

Kann man überhaupt nach vorn blicken, wenn man nicht erinnert? Dass sich Erinnern nicht zugleich Aufarbeiten bedeutet, wird etwa in jenem Moment evident, als die Großmutter von einem Mao-Anstecker erzählt, den sie sorgfältig aufbewahrt. 


„Wie sehr bestimmt die Vergangenheit unserer Vorfahren unser eigenes Leben? Wie würde ihr Leben aussehen, wenn sie in Peking aufgewachsen wäre?“


Der Anstecker wird repräsentativ für die unüberwindbare Kluft zwischen ihrem Innenleben und dem Blick der Enkeltochter – genauso auch das Singen von Revolutionsliedern der Großmutter, das Zhao aus dem Off humorvoll als „aktuellen Trendsport für Pensionistinnen“ kommentiert.

Zhaos angeregte Diskussion über die heutige chinesische Datenverarbeitung als Einschränkung der Freiheit prallt am Großvater ab – ohne Kontrolle hielten sich doch die Leute nicht an Regeln, in Wirklichkeit gebe es nirgendwo eine freie Welt. Generationengap, Culture Clash oder weder noch?

Neben den Gesprächen verfolgen Weina Zhao und Judith Benedikt auch anhand von Archivmaterialien die Spuren der Geschichte Chinas. Dabei entdeckt Zhao, dass ihr Urgroßvater Ying Yunwei beim ersten abendfüllenden chinesischen Tonfilm Taoli jie im Jahr 1934 Regie führte und seine Hoffnungen in einer kommunistischen Gesellschaftsform lagen.

Bereits eine Generation später traf die Kulturrevolution die Familie Zhao schwer. Statt Zhaos Großmutter als Regisseurin und Editorin im staatlichen Nachrichtenfilmstudio nachzufolgen, wuchs die Mutter als Waise auf und musste die Arbeit in der Fabrik aufnehmen. Was wäre gewesen, wenn ...? 


*Filmwissenschaftlerin und -kritikerin, Co-Host des feministischen Filmpodcasts „Ned Wuascht“. Dissertation über Coming-of-Age-Filme.




Ein universeller Film zur Frage der Gerechtigkeit, Geschichte, Hoffnung des Traums und der Enttäuschung.


LOJZE WIESER

Geschichten wie unsere

Weina Zhao sucht nach den Spuren ihrer Identität

Valerie Dirk


Sowohl Österreich als auch China blicken auf eine lange Heimatfilmtradition zurück. Doch wo man sich im Alpenfilm der 1950er an k. u. k. Traditionen orientiert hat, um sich der österreichischen Identität und Unschuld zu vergewissern, wurde im maoistischen China ein neuer Menschentypus geboren: in Kollektivwirtschaft redlich vereinte Bauern und Arbeiter. Das bedeutete das Karriere-Aus für den Regisseur Ying Yunwei, der 1934 den ersten chinesischen Tonfilm drehte und, obwohl vom kommunistischen Wandel überzeugt, während der maoistischen Kulturrevolution von Studentenkorps erschlagen wurde.

Ying Yunwei ist der Urgroßvater der Filmemacherin Weina Zhao, die gemeinsam mit Co-Regisseurin Judith Benedikt eine Familiengeschichte vorlegt, wie sie nur selten zu sehen ist. Weina Zhao ist nach Wien benannt, wo sie aufgewachsen ist. Im Gespräch mit dem Standard reflektiert sie über ihre chinesische Herkunft und das Anliegen, das sie mit ihrem Film hatte:

„Als wir 2014 mit der Arbeit am Film begannen, hatte ich mich kaum mit meiner Identität als asiatisch gelesene Frau in Österreich auseinandergesetzt. Das kam alles erst später, etwa zeitgleich zu den Debatten in den USA, über das Thema ‚Asian representation‘ durch Filme wie Crazy Rich Asians. Mir ist erst in den letzten Jahren des Filmemachens klar geworden, dass es auch darum geht, den Leuten in der Gegenwart zu zeigen: Es gibt Geschichten wie unsere – und wir können diese Geschichten selbst erzählen.“

Weina Zhaos Mutter stammt aus einer Pekinger Intellektuellen-, der Vater aus einer nordchinesischen Bauernfamilie. Weiyena – Ein Heimatfilm spürt den beiden konträren Familiensträngen in berührenden und amüsanten Gesprächen mit den Großeltern und Eltern nach. Die Kamera half dabei: „Sobald die Kamera präsent war, spürten alle eine Art Berechtigung, über die Dinge zu reden – als Erbe an die nächsten Generationen, für das Bewahren der Erinnerung.“

So entfaltet sich ein facettenreiches Bild der Geschichte Chinas, vom wilden Peking der 1930er über die japanische Besatzung der 1940er zur wirtschaftlichen Öffnung der 1980er. Das Schweigen über das Traumatische der chinesischen Geschichte ist dabei immer präsent: „Die Kulturrevolution ist nach wie vor ein Thema, über das in China nicht offen diskutiert wird“, beobachtet Zhao.

Unterlegt sind die Reisen ins gegenwärtige und vergangene China mit dokumentarischen und Archivaufnahmen – teilweise aus den Filmen und Wochenschauen des Urgroßvaters und der Großmutter mütterlicherseits – sowie mit einem Offkommentar, in dem Zhao Chinas Geschichte kontextualisiert und ihre eigene Identitätssuche befragt.

Auf der Suche nach Heimat trifft man so nicht auf stabile Grenzen, sondern auf fragmentierte Erzählungen, die den Blick auf größere Zusammenhänge öffnen.



Regisseurinnen Weina Zhao & Judith Benedikt über "Weiyena - Ein Heimatfilm"

Trailer 2023 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"