1. April 2000
Science Fiction made 1952 im Auftrag der österreichischen Regierung, mit einem Spitzenensemble von Hans Moser bis Josef Meinrad: Im Jahr 2000 sind noch immer Besatzungstruppen im Land stationiert und noch kein Staatsvertrag in Sicht. Am 1. April erklärt der Ministerpräsident Österreich für unabhängig, was die Weltöffentlichkeit ziemlich empört. Einzigartig in Österreichs Filmgeschichte! UFOs über Schönbrunn: Wahnsinn!
„Ein Aprilscherz, ein in die Zukunft projizierter Witz...“ MICHAEL FREUND
Hilde Krahl, Josef Meinrad, Waltraut Haas, Judith Holzmeister, Elisabeth Stemberger, Ulrich Bettac, Karl Ehmann, Peter Gerhard, Curd Jürgens, Robert Michal, Heinz Moog, Guido Wieland, Paul Hörbiger, Hans Moser u.v.m
ÜBER DEN FILM

Die Entlastungsrevue
Satire auf Geschichtsrevisionismus: „1. April 2000“
Peter Hörmanseder*
Wir schreiben das Jahr 2000. Die Klubchefs von FPÖ und ÖVP stellen eine „Mängelliste” des ORF-Journalismus zusammen. Erster Punkt: Erst nach nachdrücklichem Hinweis sei der ORF bereit gewesen, von „Sanktionen gegen Österreich” zu berichten und nicht von „Sanktionen gegen die Bundesregierung”. Na, das war ein Bahö im österreichischen Volke! Der nationale Schulterschluss ward geboren, und schnell kam der nach Österreich entsandte Weisenrat zum Schluss, die Sanktionen mögen bittschön zurückgezogen werden. Einzig dem Charme der zipfelmützentragenden Außenministerin Ferrero-Waldner sei dieser Befreiungsschlag zu verdanken gewesen. Wie anno dazumal nur die Trinkfestigkeit des seligen Figl den Russen zuerst unter den Tisch und dann des Landes verweisen konnte.
Nach welch heimlichen Drehbuch agiert die österreichische Spitzenpolitik, wenn es um das Bewältigen allumfassender Staatskrisen geht? Die Antwort liefert ein Film aus dem Jahre 1952. Im Auftrag der Bundesregierung inszenierte Wolfgang Liebeneiner unter Mithilfe der damaligen Film- und Theaterelite den offiziellen Österreichfilm 1. April 2000. Nach 55-jähriger Besatzungszeit erklärt der neue Ministerpräsident die Aberkennung des Viermächtestatus. Die Weltschutzkommission fliegt – via Australien (zu blöd, diese Ausländer) – nach Tu felix Austria, um dort den Regierungschef zur Verantwortung zu ziehen.
„Seinen Reiz bezieht der Film heute noch aus dem Mimikrywechselspiel von tatsächlicher und fiktiver Bundesregierung.“
Es folgt eine entlastende Revue der Geschichte des friedlichen Österreich, perfekt in Szene gesetzt von den größten Künstlern des fiktiven wie realen Österreich. Am Ende haben alle einen Rausch, Herzen tanzen im Dreivierteltakt, und Österreich ist endlich frei.
Schon von Beginn an macht der Film ein Grundproblem klar. Die Vorspanntitel müssen für die realen Besatzer in deren jeweilige Landessprache übersetzt werden. Da wimmelt es von kuriosen Übersetzungen, und Herr und Frau Österreicher sehen sich mit John/Jean Moser oder Conrad Juergens konfrontiert. Und dazu noch behördliche Stempel sonder Zahl. Österreich in den 50ern, ein vom Ausland dirigierter Beamtenstaat. Der schöne Abschlusstitel des Vorspanns: „Dieser Film entstand mit großzügigster Unterstützung der staatlichen und kirchlichen Behörden sowie unter breitester Anteilnahme des Volkes von Österreich“. STIMMT (Letzteres ein frecher Stempel, wohl ohne behördliche Einflussnahme).
Seinen Reiz bezieht der Film heute noch aus dem Mimikrywechselspiel, von tatsächlicher und fiktiver Bundesregierung. Da im Jahr 2000 des Films die NS-Zeit kein Thema mehr ist – nach 50 Jahren sollte diese Zeit vergessen sein – fräst sich unverholen die Botschaft der echten Regierung ins Gehirn: Schwamm über die blöde Nazigschicht, es wird nicht wieder vorkommen, außerdem war das doch nichts im Vergleich zu den 1000 Jahren davor – könnt ihr euch jetzt endlich schleichen . . .
*Mediensatiriker und –arbeiter (www.maschek.org), lebt in Wien.
Seinen Reiz bezieht der Film heute noch aus dem Mimikrywechselspiel von tatsächlicher und fiktiver Bundesregierung.
MICHAEL FREUND
Alle Welt gegen uns
„1. April 2000“ erzählt von den Hoffnungen und blinden Flecken der Besatzungszeit.
Michael Freund
Nach vielen Wirrnissen und Umwegen liegt die Weltpräsidentin endlich in den Armen des Ministerpräsidenten. Walzerklänge setzen ein. Das Volk jubelt und weiß:
Es wird alles gut. Jetzt. Es hätte wirklich alles gut werden können, damals, 1952. Der Film, der so glücklich endete, wie er düster begann, hatte einiges für sich: Stars, ein hohes Budget, landesweite Unterstützung bei den Dreharbeiten. Und ein magisches Datum als Titel: 1. April 2000 – ein utopisch ferner Tag, weiter weg noch als jenes 1984, das ein britischer Schriftsteller als Romantitel gewählt hatte. Zugleich ein Aprilscherz. Zusammen also ein in die Zukunft projizierter Witz, ein Erfolgsrezept für Kinounterhaltung.
Ob der größte je von der Republik Österreich in Auftrag gegebene Film aber vor allem unterhalten sollte oder Meinung machen, ob er die Wirklichkeit überhöhen oder übertünchen wollte, darüber gingen schon bei den Vorbereitungen die Ansichten auseinander. Hinter dem von der Zersetzung bedrohten (aber längst in Videos hinübergeretteten) Zelluloid werden nun die Konturen einer aufwändigen Staatsaktion sichtbar. Sie war symptomatisch für die Lage der Nation (Nation?! Das war bereits eines der Anliegen) nach dem Zweiten Weltkrieg, für die Sehnsüchte der besetzten Republik.
Alle Welt gegen uns: 1948, am Beginn des Wiederaufbaus, befand der Ministerrat, dass es an der Zeit war, in Österreich eine Wochenschau einzuführen und einen „repräsentativen Propagandafilm“ zu drehen. Ein Beamtenkomitee wurde gebildet und ein Preisausschreiben veranstaltet, das nach Filmideen suchte: Insbesondere für die Vorführung im Ausland, so der Ausschreibungstext, sollten die kulturellen und landschaftlichen Schönheiten des Landes und seine Aufbauleistungen gezeigt werden. Es gab nicht einen Gewinner, sondern vier, und keiner ihrer Vorschläge wurde angenommen. Stattdessen wurden – proporzgemäß – Ernst Marboe vom Beamtenkomitee und der Schriftsteller Rudolf Brunngraber mit dem Verfassen eines Drehbuchs beauftragt. Für eine „dokumentarische Spielfilmkomödie“ schlug Bundeskanzler Figl den deutschen Regisseur Wolfgang Liebeneiner vor. Er wurde genommen (statt G.W. Pabst oder Willi Forst, die man auch in Erwägung gezogen hatte), obwohl er für seine Nazi-Propagandafilme bekannt gewesen war.
Das aber war kein Thema. Wie im Österreich der beginnenden Fünfziger, so war auch bei den Vorbereitungen zum 1. April 2000 der Blick nur nach vorn gerichtet. Der Krieg und die jüngste Vergangenheit insgesamt wurden ausgeblendet zugunsten des einen Anliegens, das die Produktion bewegte: wie Österreich wieder ein souveräner Staat werden könnte. Das geht teils recht komisch über die Bühne. Der Film spielt mit den formalen Ebenen und mischt Revue mit Dramatik. Doch er holpert. In kürzester Zeit wurde der Film tatsächlich abgedreht, hatte im November 1952 Premiere und, bis auf die kommunistische Presse, ein freundliches Kritiker-Echo. Die Hoffnungen auf internationale Vermarktung waren überzogen. Zwar lief der „1. April“ in mehreren Ländern an und hatte Achtungserfolge. Der amerikanische Markt aber blieb verschlossen. Hollywood seinerseits zeigte bald danach, wie man mit „österreichischem“ Material sowohl düster wie propagandistisch reüssieren kann: mit dem Dritten Mann und dem Sound of Music.
Der (hier gekürzte) Text erschien – im Zuge der damaligen Wende- und Sanktionen-gegen-Österreich-Debatte am 18. 3. 2000 im Standard-ALBUM.









