27 Storeys - Alterlaa forever
Der weltberühmte Wohnpark Alterlaa in Wien gilt als ikonisches Monument sozialer Utopie. Die Regisseurin Bianca Gleissinger begibt sich in 27 STOREYS zurück an den Ort ihrer Kindheit, spürt mit viel Humor und Selbstironie den jungen und alten Bewohner*innen dieses Biotops nach und stellt das einstige Glücksversprechen des Architekten auf den Prüfstand.
Otto Peter Zieger, Julius Ehrlich, Inge und Manfred Hüttinger, Hanna Sassarak, Stephan Palecek u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Rückkehr in die Utopie
Die Alterlaa-Doku „27 Storeys“ von Bianca Gleissinger
Susanne Gottlieb*
W
eiß getünchte Wohnkomplexe, zahlreiche begrünte Balkone, ein Schwimmbad, ein Einkaufszentrum, eine Volksschule und sogar ein Museum für den Musiker Freddy Quinn: Das war die Jugend der Regisseurin Bianca Gleissinger, lange bevor es sie nach Berlin zog.
Für ihre Dokumentation 27 Storeys kehrt sie an diesen Ort zurück. Denn ungleich ihrer neuen Heimat, in der sozialer Wohnbau mit Kriminalität und Verarmung konnotiert wird, wähnte sich Gleissinger in Alterlaa im Paradies.
Doch war dem so? Was war das eigentlich für ein Ort, warum funktioniert an anderen Orten das soziale Wohnen nicht, und warum hatte sie als Heranwachsende das Gefühl, reich zu sein? Dass Alterlaa so anders ist, hat auch mit seinem Architekten Harry Glück zu tun, der sein Wohnideal 1966 auf den Punkt brachte: „Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl / Wohnen wie die Reichen für alle.“ 3200 Wohnungen, verteilt auf 240.000 Quadratmeter. 9000 Personen, die im Schnitt 74,5 m² ihr Eigen nennen. Nebenbei gibt es auch noch Ärztezentren, Kindergärten, Spielplätze, Tennisplätze und stadtparkgroße Grünflächen.
Eine Stadt innerhalb einer Stadt, eine Glücksutopie eines Architekten namens Glück. 27 Storeys, also 27 Stockwerke, misst das höchste Gebäude in Alterlaa. Doch wie an einen Ort der Erinnerung zurückkehren? An ein mentales Konstrukt ohne geografische Verankerung? Welche Spuren der Kindheit lassen sich hier noch finden?
„Eine Stadt innerhalb einer Stadt, eine Glücksutopie eines Architekten namens Glück.“
Gleissinger versucht weniger, alte Geister zu beschwören, als eine Rückkehr aus ihrer gegenwärtigen Perspektive zu konstruieren. Sie setzt sich mit der Lebensrealität der Alterlaa-Kinder, den Träumen und Werten ihrer Eltern und den Veränderungen dieses Orts über die Jahrzehnte auseinander. Dieses erneute Sich-Einlassen auf die Bewohner fruchtet: Es führt zu einer Mannigfaltigkeit an Eindrücken und kuriosen Begegnungen. Da sind etwa Edi und Gitti, die Betreiber des Freddy-Quinn-Museums. Julius Ehrlich, der als Bürgermeister des Wohnbaus fungiert. Oder Peter, der zur Fertigstellung Alterlaas in den 1970er-Jahren einzog und wertvolle analoge Super-8-Aufnahmen von der Großbaustelle beisteuert.
Gleichzeitig legt Gleissinger auch die Risse in der Utopie offen. Für die Älteren ist Alterlaa noch eine Lebensphilosophie. Sie wünschen sich möglichst wenig Veränderung. Die Jüngeren scheitern indes oft daran, die Gemeinschaft zu modernisieren, oder sie sind erst gar nicht im Mikrokosmos dieses Soziogefüges vorhanden. Nicht grundlos wird Alterlaa das „größte Altersheim Österreichs“ genannt.
Die eigene Kindheit findet Bianca Gleissinger vielleicht nicht wieder. Doch letztendlich ist es auch nicht das Ziel, dort hinzugelangen, wo ihre Eltern eine Zeit lang glücklich waren. „Glücklich sein heißt, erst mal alles anders zu machen als deine Eltern“, resümiert sie. Doch um mehr über sich selbst zu lernen, kann ein Blick zurück manchmal nicht schaden.
*Ist Kultur- und Filmjournalistin in Wien.
Eine neue goscherte Stimme im heimischen Film. Ein Debüt als gewitzter Realitäts-Check mit fantastischen Kamerafahrten entlang der Fassaden über 27 Stockwerke.
KLEINE ZEITUNG
„Pools für die Proleten!“
Schlaglichter auf Bianca Gleissingers Glücksutopie Alterlaa
Wojciech Czaja, Architekturkritiker und Fotograf
Architekt Harry Glück hatte 1960 einen revolutionären Traum – den Wohnpark Alterlaa. Denn er forderte das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl.
„Ich bin hier aufgewachsen“, sagt Bianca Gleissinger, Absolventin der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, die mit ihrem Film 27 Storeys – Alterlaa Forever ihr Abschlussprojekt und zugleich ihr 82-minütiges Filmdebüt vorlegt. „Für mich war das Wohnen in Alterlaa mit all seinen Annehmlichkeiten damals ganz normal. Erst später habe ich begriffen, was für ein besonderer Ort das hier ist.“
Ein riesiger Dach-Pool nahm arbeitenden Vätern den Druck des wirtschaftlichen Aufstiegs. Hausfrauen konnten nun auch am Leben teilnehmen, da die Küche erstmals an den Wohnraum angebunden war. „Pools für die Proleten!“, ätzten die Kritiker damals. Ob hier wirklich so viele Proleten wohnen? „Natürlich! Wenn man 3200 Wohnungen für 9000 Menschen baut“, sagt Gleissinger, „dann ist in gewisser Weise alles wahr und unwahr zugleich, denn wo viele Menschen wohnen, da hat das Leben auch viele verschiedene Farben.“
Proleten wie wir! Wir hatten dank Alterlaa alles, was wir brauchten. Wir waren Harry Glücks Glücksutopie. Und als wir ausziehen mussten, habe ich mich weinend an die Dunstabzugshaube geklammert. Bis heute zählt der Wohnpark Alterlaa – der nicht nur für seine Swimmingpools berühmt ist, sondern auch für seine vielen Vereine und exotischen Klubräume wie etwa Bridge-Salon, Schießhalle und Modellbauwerkstatt – zu den beliebtesten Wohnbauten Österreichs. Die Fluktuation ist extrem gering, die Wohnzufriedenheit mit 98 Prozent unschlagbar hoch, der Wohnbau immer wieder Motiv für Studien und Forschungsarbeiten.
Wir hatten 10.000 Nachbarn, darunter weltberühmte Stars und Fußballlegenden. Wer in Alterlaa gewohnt hat, der war wer! Alle anderen fanden das komisch. Und wir fanden alle anderen komisch. Bei aller Sentimentalität, Menschlichkeit und Freddy-Quinn-Skurrilität schafft es der Film, nicht nur in die Geschichte zurückzublicken und die Gegenwart darzustellen, sondern auch die Frage zu stellen, wie wir es schaffen, unsere Wohnutopien zu transformieren und innovative Lebensmodelle für die Zukunft zu entwickeln. Über welche aktuellen Wohn-projekte wird man in 50 Jahren einen Film drehen wollen?
Edi und Gitti suchen noch jemanden, der die Nachfolge für ihr Freddy-Quinn-Museum übernimmt, wenn sie in Pension gehen.
Freddy Quinn. Stationen einer Karriere 1949–2006. Und mittendrin die Filmregisseurin Bianca Gleissinger, die sich immer wieder ins Bild hineinschleicht, die Szenen mit ihrer frechen, „goscherten“, irgendwie immer noch pinken Stimme aus dem Off kommentiert und sich mit ihrer Soziodokumentation auf die Spuren ihrer eigenen Kindheit begibt, auf die Suche nach Fragen und Antworten ihres damals so ungetrübt rosaroten Lebens. Licht aus, Tür zu, und Schnitt












