Bauer unser
Der Österreichische Film
Edition#321

Bauer unser

Robert Schabus /// 2016 /// Dokumentarfilm

88 min • Altersfreigabe: 0 • HD
Sprache: Deutsch / Audiodeskription
UTs: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Robert Schabus’ Dokumentarfilm und Publikumserfolg zeigt gleichermaßen ungeschönt wie unaufgeregt, wie es in der österreichischen Landwirtschaft zugeht. So vielfältig die Bauern, vom Biobauern bis zum konventionellen Agraringenieur, so einhellig der Tenor: So wird es nicht weitergehen. Es läuft etwas falsch. Das Mantra der Industrie — schneller, billiger, mehr — wird zunehmend fragwürdig.

„Es ist weder ethisch vertretbar noch im Sinne weltweiter Ressourcen, wenn ein Liter Mineralwasser mehr kostet als ein Liter Milch. Dieser Film macht es unmöglich, das beim nächsten Einkauf zu ignorieren.“ DER TAGESSPIEGEL

Besetzung  

José Bové, Friedrich Grojer, Ewald Grünzweil, Benedikt Haerlin u.v.m.

Regie  

Robert Schabus
Drehbuch  

Robert Schabus
Kamera  

Lukas Gnaiger

DVD Edition # 321

Bauer unser (2016) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Ihr täglich Brot

Landwirtschaft in Not: die Dokumentation „Bauer unser“

Dorian Waller*


Es mag nicht das älteste Gewerbe der Welt sein, traditionsreich ist das Berufsbild des Bauern aber allemal. Tatsächlich ist die Landwirtschaft – von den ersten Tagen menschlicher Zivilisation bis heute – von so essenzieller Bedeutung für die Menschheit, dass ihre Evolution als beispielhaft für die Entwicklung der industrialisierten und globalisierten Welt gesehen werden kann.

Robert Schabus genügt es für seinen Dokumentarfilm Bauer unser, sich allein auf österreichische Betriebe zu konzentrieren, um dabei doch mehr über unsere Welt zu erzählen, als einem vielleicht lieb sein mag.

Sechs sehr unterschiedliche Bauernhöfe stellt Schabus, der selbst einer Gailtaler Bauernfamilie entstammt, vor. Da ist etwa der junge Milchbauer Friedrich Grojer, auf dessen Hof Melkroboter täglich knapp 4000 Liter Milch von 130 Kühen abzapfen. Schabus’ Interesse an den zunehmend automatisierten Arbeitsprozessen ist spürbar, und tatsächlich könnte man sich den unkommentierten Bildern dieser Hightech-Landwirtschaft noch stundenlang staunend hingeben.

Ganz anders stellt sich der Zwei-Personen-Betrieb von Maria Vogt dar, einer Weinviertler Biobäuerin, die Wein, Gemüse und Schaffleisch noch so produziert, wie man es von den alten Bilderbüchern gewohnt ist – wackliger Schemel beim Melken inklusive. Doch nicht nur ihre Produktionsmethoden, auch ihre Philosophie vom Direktvertrieb und eine Betriebsführung ohne Kredite stellen einen denkbar starken Kontrast zu jenen Bauern dar, die sich mit Krediten in Millionen-Euro-Höhe in eine Wachstumsspirale stürzen, ohne dabei je schwarze Zahlen schreiben zu können.


„Mit zurückhaltender Inszenierung entsteht das Bild einer Welt, die durch nahezu ubiquitäre Markthörigkeit aus den Fugen geraten ist.“


Ans Eingemachte geht es aber nicht nur, wenn die Existenzängste mancher Bäuerinnen und Bauern spürbar werden. Die zurückhaltende, unaufgeregte Inszenierung kommt neben gängiger Beobachtung mit den Wortmeldungen der Landwirte und einzelner Vertreter aus Politik und Handel aus. Wenige Inserts belegen den Industriewandel zusätzlich mit Zahlen. So entsteht das differenzierte Bild einer Welt, die durch eine nahezu ubiquitäre Markthörigkeit völlig aus den Fugen geraten ist.

Vieles, was hier vom stetig steigenden Preisdruck über die Abhängigkeit von südamerikanischem Sojafutter bis zur Zerstörung der Landwirtschaft in Entwicklungsländern zutage tritt, mag man schon gewusst oder zumindest geahnt haben. Zugleich ist das Thema aber von einer derart hohen Brisanz und Aktualität, dass es gar nicht oft genug – und eben auch bildlich – vor Augen geführt werden kann.

Es ist dieses Sichtbarmachen nicht nur von gern ausgeblendeten Produktionsprozessen, sondern auch von den größeren ökonomischen Zusammenhängen, die unsere Nahrung und schließlich auch unsere Gesellschaft formen, das Bauer unser zu einem wichtigen Film macht.


*Lebt als Autor und Kritiker in Wien.




Es ist weder ethisch vertretbar noch im Sinne weltweiter Ressourcen, wenn ein Liter Mineralwasser mehr kostet als ein Liter Milch. Dieser Film macht es unmöglich, das beim nächsten Einkauf zu ignorieren.


DER TAGESSPIEGEL

Leid auf dem Land

Regisseur Robert Schabus über „Bauer unser“

Robert Schabus


Ich bin auf einem Bauernhof in Oberkärnten aufgewachsen, den seit vielen Jahren mein jüngerer Bruder mit seiner Frau bewirtschaftet. Familiär war das zwar manchmal ein enges Feld, aber voll von den unterschiedlichsten beruflichen Tätigkeiten und auch Möglichkeiten im bäuerlichen Mikrokosmos. Es gibt wenige Berufe, die ein ähnliches Maß an Kreativität und Vielseitigkeit bieten. Bis heute hat sich mein Bruder mit seiner Familie diese so reiche Welt erhalten. Mittlerweile gehört er da aber zu den Ausnahmen.

Die Landwirtschaft heute ist geprägt von Spezialisierung und Intensivierung. Das vielfältige Universum wurde in den letzten Jahrzehnten in vielen Fällen auf einen straff geführten Wirtschaftsbetrieb reduziert, nur noch ein Betriebszweig und auch dabei nur noch ein Teil der jeweiligen Lebensspanne der Tiere – entweder Aufzuchtbetrieb oder Mastbetrieb. Zusammen mit der dafür scheinbar notwendigen Investition und dem Wachsen sind viele Bauernhöfe heute in einem sich immer weiter intensivierenden Kreislauf gefangen. Der internationale Freihandel mit Lebensmitteln findet immer jemanden, der noch billiger produzieren kann.

Der Film Bauer unser ist für mich eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit, weil es nicht nur um landwirtschaftliche Produkte geht, sondern vielmehr um soziale und ökologische Zusammenhänge.


Eine der schlimmsten Folgen dieser neoliberalen Politik ist das Leid der Landbevölkerung im globalen Süden, das natürlich auch die Migrationsbewegungen über das Mittelmeer nach Europa ausgelöst hat.

Die Verantwortung dafür liegt ganz offensichtlich bei uns im globalen Norden. Aber auch die Bauern hier in Europa können nicht mehr von ihren Produkten leben, und unsere Gesellschaft verliert mit der kleinstrukturierten Landwirtschaft viel mehr als nur die Bauern selbst.

Artenvielfalt, Arbeitsplätze auf dem Land, das soziale Netz im ländlichen Raum, Selbstversorgung – das sind alles Dinge, die nicht am freien Markt gehandelt werden können und damit auch keinen Preis haben.

Die neoliberale Gesinnung wird uns dagegen ähnlich einem Naturgesetz als etwas Unabdingbares verkauft. Im Zuge der Herstellung dieses Filmes habe ich in vielen Interviews den Satz „In den Markt darf man keinesfalls eingreifen!“ zu hören bekommen.

In Wahrheit ist also die heutige politische Strategie eine gezielte Politik der Entpolitisierung von Wirtschaft und damit natürlich auch von Gesellschaft. Das ist eine erschreckende Entwicklung. Wohin eine solche Deregulierung wirtschaftlich führen kann, haben wir im Zuge der Finanzkrise gesehen.

Niemand ist glücklich in diesem System der Ausbeutung in alle Richtungen. Fast. Die wenigen Profiteure sind international agierende Konzerne, die Industrie, die großen Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger nimmt.



Trailer 2019 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"