Bewegungen eines nahen Bergs
Der Österreichische Film
Edition#332

Bewegungen eines nahen Bergs

Sebastian Brameshuber /// 2019 /// Dokumentarfilm

86 min • HD
Sprache: Igbo, Deutsch, Englisch
UTs: Deutsch, Englisch

Ein aufgelassenes Industriegelände unweit einer jahrhundertealten Erzmine in den steirischen Alpen: Hier führt ein selbstgelernter Mechaniker einen Handel mit gebrauchten Autos und Ersatzteilen zwischen Österreich und seiner alten Heimat Nigeria. Während er für sich allein und mit wundersamer Gelassenheit sein Tagwerk verrichtet, beginnen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu überlagern. Ein mysteriöses Versprechen ewiger Ressourcen trifft auf Erinnerungen an eine verloren geglaubte Freundschaft.

„Sebastian Brameshuber ist etwas wundervoll Einfaches gelungen. Man muss nichts weiter tun, als dem Geschehen auf der Leinwand zuzuschauen, zu sehen und zu hören, um einem anderen Menschen näher zu kommen – wo alles sichtbar wird und doch geheimnisvoll bleibt.“ DAVID PERRIN, MUBI

Besetzung  

Clifford Agu, Magnus Ogbonna u.v.m.

Regie  

Sebastian Brameshuber
Drehbuch  

Sebastian Brameshuber
Kamera  

Klemens Hufnagl, Jenny Lou Ziegel

DVD Edition # 332

Bewegungen eines nahen Bergs (2019) - Dokumentarfilm  | watchAUT Film

Nichts hält ewig

Parabel des Recycelns: „Bewegungen eines nahen Bergs“

David Auer*


Cliff heißt übersetzt Klippe, und in Bewegungen eines nahen Bergs ist das auch der Name des Protagonisten. Wer sich ihm unbedarft nähert, droht in einen Abgrund zu fallen – etwa den zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Cliff(ord Agu) ist auch in echt Mechaniker, der mit Gebrauchtwagen und Autoteilen handelt. Schon 2014 hat Regisseur Sebastian Brameshuber (Muezzin; Und in der Mitte, da sind wir) mit Of Stains, Scrap & Tires einen Kurzfilm über und mit dem gebürtigen Nigerianer inszeniert: Echos davon hallen in Bewegungen nach, ja, eine Handvoll Bilder und Geräusche daraus werden regelrecht recycelt. Das passt gut zu einem Film übers Wiederverwerten und auch Neubewerten.

Neu bewertet wird etwa eine Sage aus dem sogenannten Rostgürtel Österreichs. Ihr zufolge haben Steirer am Erzberg einen Wassermann gefangen genommen. Um freizukommen, verriet er ihnen das Vorhandensein eines nahe gelegenen Eisenvorkommens, das ewig währen soll. Auch wenn sie hier zweimal erzählt (also recycelt) wird, begibt sich der Film nicht in deren mythische „Tiefe“, sondern nimmt die Sage – wie Cliff Autos – auseinander.

Behaupteter Ewigkeit wird mit Bildern von Vergänglichkeit begegnet: Bei der Werkstatt handelt es sich um eine ausrangierte Industriehalle aus der einstigen Stahlverwertungshochzeit (Stichwort Deindustrialisierung). Sie steht mitten im Wald, in der Nähe des Tagebaus, der vielleicht noch fünfzig Jahre Eisen abwirft. Wiederholt verhandelt Cliff hier mit feilschenden Kundinnen und Kunden, kocht, rasiert sich, raucht und quatscht mit einem geisterhaften Buddy und Kollegen. 


„Aus den immanenten Zirkeln der europäischen Einöde führt der Weg in die afrikanische – allerdings nicht heraus aus der Ausbeutung.“


Angesichts des dicht inszenierten, gemächlich-unheilvollen Alltags-Loops könnte man fast meinen, es ginge ewig so weiter. Der Film setzt aus Prinzip auf Entschleunigung – dafür hat sich auch der Begriff „Slow Cinema“ eingebürgert – und beschränkt sich größtenteils auf einen Ort und eine Figur. Es passiert nicht wirklich viel, aber alles voller Andeutungen und durch Cliff (hindurch).

Er ist Medium, also Message, und als solche auch Passage – sie führt über einen Abgrund, der, ruft man in ihn hinein, ein ambivalentes Echo zurückwirft. Funktionieren Autos einmal nicht mehr rein mechanisch, ist’s vorbei mit der fröhlichen Ausschlachterei – zumindest für Cliff, den es am Schluss des Films nach Nigeria verschlägt, wo er seine Teile ebenfalls feilbietet.

Dort werden Rohstoffe für die Vollcomputerisierung der Autos, seltene Erden, unter grausigen Bedingungen aus den Bergen und Böden gewonnen. Aber keine Sorge: Als gefährlicher Elektroschrott finden sie wieder zurück nach Nigeria und anderswohin und werden „recycelt“. Aus den immanenten Zirkeln der europäischen Einöde führt der Weg in die afrikanische, allerdings nicht heraus aus der Ausbeutung und ihrer scheinbaren Permanenz. Aus Klippen werden Passagen, weil Berge sich bewegen – nichts hält ewig, auch wenn es ganz so scheint.


*Lebt als freier Autor in Wien.




Sebastian Brameshuber ist etwas wundervoll Einfaches gelungen. Man muss nichts weiter tun, als dem Geschehen auf der Leinwand zuzuschauen, zu sehen und zu hören, um einem anderen Menschen näher zu kommen – wo alles sichtbar wird und doch geheimnisvoll bleibt.


DAVID PERRIN, MUBI

Herunterschrauben

Sebastian Brameshubers stilisierter Realismus

Dominik Kamalzadeh


Autobesitzer kennen diese Karten, die im Fenster stecken und einen zum Verkauf des Wagens überreden wollen. Dahinter versteckt sich eine Verwertungskette, die auch von einer gegenläufigen Richtung der Weltwirtschaft erzählt: Die angekauften Pkws werden in ihre Einzelteile zerlegt und auf weit entfernten Märkten, zum Teil in Afrika, wieder verkauft.

Sebastian Brameshubers Dokumentarfilm Bewegungen eines nahen Bergs rückt einen Mechaniker in den Mittelpunkt, der sich innerhalb dieser eher verborgenen Recyclingwirtschaft ein Standbein aufgebaut hat. Der Nigerianer Cliff betreibt unweit des steirischen Erzbergs eine Autowerkstatt, die mehr wie ein Autofriedhof wirkt. Für den 38-jährigen Filmemacher ist das der Ausgangspunkt eines „Berufsporträts“: Anders als handelsübliche „Globalisierungsdokus“, die in alle möglichen Richtungen ausfransen, konzentriert sich der Film auf Cliffs Präsenz – auf dessen Handgriffe in der Garage, ein unermüdliches Schrauben, Ruckeln und Löten. Dazwischen: Momente des Feilschens und Argumentierens – und der Ruhe.

„Die Konzentration auf die Halle fand ich am passendsten: weil durch die Fokussierung auf einen Ort auch äußere Aspekte mitschwingen“, sagt Brameshuber über seinen reduktionistischen Ansatz. Mit dem Filmkritiker Manny Farber ließe er sich termitenhaft nennen: Man ackert so lange beharrlich auf einem Feld, bis darauf die Fundamente einer größeren Welt aufscheinen. Der nahe Erzberg liefert dazu eine mythische Dimension, bei der Wassermann-Sage ist vom Eisen die Rede, das niemals versiegt.

Bewegungen eines nahen Bergs bedeutet für Brameshuber eine Art Aufbruch: Er arbeitet assoziativer als früher, lässt poetisierende Mittel zu und vertraut darauf, dass die Dauer der Einstellungen über eine eigene Logik des Sichtbarmachens verfügt. Die „Sachlichkeit“, die er mit maßgebenden heimischen Dokumentaristen wie Ulrich Seidl, Nikolaus Geyrhalter und – schon weniger – mit Michael Glawogger verbindet, habe Brameshuber durch ein Studium an der französischen Kunsthochschule Le Fresnoy überwinden gelernt. Dort galt Stilisierung nicht als Frevel. Im Gegenteil: Lehrende wie der Brite Ben Rivers werden gerade für ihre Gestaltungslust bewundert.

„Mein Misstrauen gegenüber der Möglichkeit, Realität unmittelbar abzubilden, wurde von Film zu Film größer“, sagt Brameshuber heute rückblickend. Dass er seinen Stil beständig verfeinert und inszenatorische Herangehensweisen erweitert, führt er auf sein Interesse am Avantgardefilm zurück. Thomas Draschans Metropolen des Leichtsinns war einer der Filme, die bei ihm noch im Heimatort Gmunden die Lust am Experiment geweckt haben. Einen elitären Anspruch hegt sein Kino nicht: „Wenn mir etwas gefällt, gehe ich davon aus, dass es auch andere interessiert. In letzter Konsequenz bin ich ein recht durchschnittlicher Mensch.“



Kuratoren Florian Widegger & Dominik Kamalzadeh über "Bewegungen eines nahen Bergs"

Trailer 2020 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"