Die beste aller Welten
Der Österreichische Film
Edition#311

Die beste aller Welten

Adrian Goiginger /// 2017 /// Drama

99 min • Altersfreigabe: 12 • HD
Sprache: Deutsch / Audiodeskription
UTs: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Die wahre Geschichte einer drogenabhängigen jungen Frau, der abenteuerlichen Welt ihres Kindes und ihrer Liebe zueinander. Regisseur Adrian Goiginger erzählt in seinem Debütfilm seine eigene Geschichte und schafft damit eine Hommage an seine Mutter, trotz aller widrigen Umstände. DIE BESTE ALLER WELTEN wurde als bester österreichischer Film ausgezeichnet, Shootingstar Verena Altenberger als beste österreichische Schauspielerin.

„Ein vortreffliches Beispiel, dass Drama und Publikums-Liebling einander nicht ausschließen müssen.“ WIENER ZEITUNG

Besetzung  

Verena Altenberger, Jeremy Miliker, Lukas Miko, Michael Pink, Reinhold G. Moritz, Philipp Stix, Michael Fuith, Fritz Egger u.v.m.

Regie  

Adrian Goiginger
Drehbuch  

Adrian Goiginger
Kamera  

Yoshi Heimrath, Paul Sprinz

DVD Edition # 311

Die beste aller Welten (2017) - Drama | watchAUT Film

Im Herzen des Chaos

Adrian Goigingers „Die beste aller Welten“

Bert Rebhandl*


Geh in dein Zimmer und spiel irgendwas, ich komm gleich“. Diese Aufforderung, die die Mutter an den kleinen Adrian richtet, ist so etwas wie der Refrain seines Lebens. Denn immer wieder steht er gleichsam in den Kulissen, wenn sich in der Wohnung, in der Adrian aufwächst, die schlimmsten Dinge abspielen. Denn die alleinerziehende Helga Wachter ist schwer drogensüchtig, und als ob das nicht schon genug wäre, ist die Wohnung auch immer wieder voll mit Freunden und Bekannten, die gar nicht erst versuchen, ihren Drogenkonsum vor dem Jungen zu verheimlichen. Und als dann auch der Vater wieder auftaucht, ist die unheile Familie komplett.

Als Sozialarbeiter würde man für Adrian auf jeden Fall keine gute Prognose stellen, aber die Perspektive, die Adrian Goiginger mit seinem Film einnimmt, ist keine von außen, sondern führt mitten in dieses gefährliche Leben. Schon mit der Wahl der Namen der Figuren lässt Goiginger erkennen, dass er von Dingen erzählt, die er selbst erlebt hat. Er ist und er war dieser Adrian, der mit großen Augen den Erwachsenen dabei zusehen musste, wie sie ihr Leben zerstören – oder doch im letzten Moment noch auf die Reihe bekommen.

Die beste aller Welten ist dabei als Titel beim Wort zu nehmen – und durchaus in diesem absoluten Sinn. Für Adrian (ganz großartig gespielt von Jeremy Miliker) ist die beste aller Welten die, in der er bei seiner Mutter Helga (Verena Altenberger) sein kann. Die beiden bilden so etwas wie ein verschworenes Team im Herzen des Chaos. 


„Adrians Mantra ist: „Die Mutter hat mi g’rettet.“ Der Film erzählt von einem Wunder, für das man nicht an Gott glauben muss, sondern an ein Kind.“


Die Mutter gibt dem Sohn einen erzählerischen Schlüssel, mit dem er die Schwierigkeiten deuten und bestehen kann: Alles ist ein „Abenteuer“ mit den richtigen Einstellungen wird man es bestehen.

Adrian lässt sich – notgedrungen, aber mit der überragenden Überlebensintelligenz eines hellwachen Kindes – auf die Schutzerzählung ein, er nimmt es mit den Dämonen auf, die sein Leben bevölkern. Was bei einem anderen Kind in seinem Alter wie eine ganz normale Dummheit wirken würde (die erste Zigarette, mit der sich Buben beweisen, dass sie wie die Großen rauchen können, und dann beinhart auch einen Asthmatiker zum Inhalieren zwingen), steht bei ihm im Zeichen einer Destruktivität, die auch sein Leben prägen könnte.

Man kann den Film fast nicht anders sehen, als dass man mit der Energie mitgeht, wie hier ein Zusammenleben in einer meist übel verqualmten Wohnhöhle gegen die Rationalitäten der zuständigen Institutionen verteidigt wird. Jedes Mal, wenn jemand klingelt, könnte es die Polizei sein, und wenn der Sozialarbeiter Adrian auf dem Heimweg von der Schule wie zufällig begegnet, dann könnte das auch eine Falle sein.

Adrians Mantra lautet: „Die Mutter hat mi g’rettet.“ Der Film erzählt von einem Wunder, für das man nicht an Gott glauben muss, sondern an ein Kind. 


*Lebt als Journalist, Autor und Übersetzer in Berlin.




Ein vortreffliches Beispiel, dass Drama und Publikums- Liebling einander nicht ausschließen müssen.


WIENER ZEITUNG

Mit haltloser Empathie

Über die emotionale Wucht von „Die beste aller Welten“

Dominik Kamalzadeh


Das eigene Leben mag genügend Material für künstlerische Auseinandersetzungen anbieten, einfach ist ein solcher autobiografischer Zugang jedoch nie. Um es kurz zu sagen: Man steht sich schnell einmal selbst im Weg. Die richtige Distanz zu den Erfahrungen aus der Vergangenheit zu finden ist eine der Hürden, die es zu bewältigen gilt; sich für die adäquate Form zu entscheiden, die das eigene Erleben auch anderen öffnet, es universell werden lässt, eine andere.

Der Salzburger Filmemacher Adrian Goiginger (26) ist dieses Wagnis in seinem Langfilmdebüt Die beste aller Welten eingegangen und hat es auf bewundernswerte Weise gemeistert. Dabei weist die Geschichte seiner Kindheit eine ganze Serie an Fallstricken auf, denn es handelt sich um keine von jenen, die man unter wohlbehütet subsumiert. Adrian wuchs mit einer drogensüchtigen Mutter auf. Das bedeutete, dass vieles, was für andere Kinder eine Selbstverständlichkeit ist – ein Heim mit der dazugehörigen Geborgenheit –, für ihn beständig bedroht war.

Nun könnte eine Coming-of-Age-Story unter solchen Vorzeichen nur allzu leicht in einem Film enden, der sich mit vordergründigen Elendsbeschreibungen begnügt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn Goiginger will demonstrieren, dass es das Idyll genauso wenig wie dessen Kehrseite gibt. Ein Kind nimmt seine Umwelt zunächst einmal als gegeben an, so es zumindest die liebende Umarmung seiner Mutter verspürt. Die Drogen sind in Die beste aller Welten die Kraft, die diese Umarmung zeitweise aufhebt oder lockert. Aber die Welt verliert deswegen nicht gleich all ihren Glanz, weil es auch Gelegenheiten für Intimitäten und Ausgelassenheit gibt. Für Momente, in denen das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn als außergewöhnliches greifbar wird.

Für beides, die bangen Situationen und die vergnügteren, beweist Goiginger eine erstaunlich sichere Hand. Die Perspektive des Films ist oft auf den Blick Adrians (Jeremy Miliker) ausgerichtet, wenn dieser aus der Distanz eines Türbogens wieder einmal eine Auseinandersetzung seiner Mutter Helga (Verena Altenberger) mit ihrem Lebensgefährten Günter (Lukas Miko), dem Dealer namens „der Grieche“ (Michael Pink) oder anderen Junkie-Kumpels verfolgt. Es ist kein kalter, nüchterner Blick, wie man ihn aus heimischen Spielfilmen bis zum Überdruss kennt, sondern einer der haltlosen Empathie. Wenn geschrien wird, dann meist auch aus Verzweiflung über die eigenen Unzulänglichkeiten.

Gerade in diesen zugespitzten Momenten muss ein Film überzeugen, will er seine melodramatische Wucht bewahren. Das gelingt auch durch eine Schauspielführung, die keine Scheu vor Nachdruck hat und zugleich stimmige Milieuakzente setzt. Verena Altenberger verkörpert die Mutter, die das eigene Ausgeliefertsein an die Sucht irgendwann nicht mehr erträgt. Bis es so weit kommt, kann man sich von ihrem meist wortlosen Kampf bewegen lassen. 



Trailer 2019 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"