Inland
Der Österreichische Film
Edition#334

Inland

Ulli Gladik /// 2019 /// Dokumentarfilm

94 min • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Englisch

INLAND begleitet drei FPÖ-Fans vor und nach der Nationalratswahl 2017 in Österreich: eine Kellnerin, einen Arbeitslosen und einen kleinen Beamten. In roten Arbeiterfamilien sozialisiert, setzen sie jetzt ihre Hoffnungen auf die FPÖ. Alle drei haben großes Unbehagen gegenüber „den Ausländern“. Gleichzeitig sehnen sie sich nach einem besseren Leben für die „kleinen Leute“. Die Dokumentarfilmerin Ulli Gladik gibt intime Einblicke in ihre Probleme, Ängste und Gesinnungen und zeichnet so ein Bild einer sich im Umbruch befindenden Gesellschaft.

„Ein tiefer Blick in die Seele der Enttäuschten.“ KLEINE ZEITUNG

Österreichischer Filmpreis 2020 - Bester Dokumentarfilm

Besetzung  

Brigitte Beyer, Christian Chalupecky, Alexander Steinhofer u.v.m

Regie  

Ulli Gladik
Drehbuch  

Ulli Gladik
Kamera  

Judith Benedikt, Elke Groen, Ulli Gladik

DVD Edition # 334

Inland (2019) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Einspruch aus Favoriten

Ulli Gladiks Dokumentarfilm „Inland“

Bert Rebhandl*


In der Espressobar Florida auf der Balkanmeile im 17. Bezirk herrscht Demokratie. Am Stammtisch wird intensiv über Politik diskutiert. Am Ende steht sogar die Gründung einer neuen Partei im Raum. Was wäre ein passender Name? Marille? Die Wahnsinnigen? Man sieht an diesen Vorschlägen, dass es um die Demokratie nicht zum Besten bestellt ist. Sosehr die Leute sich Gedanken machen über Pensionsalter, Sozialabbau, Zuwanderung und über die Politiker, die ihnen dazu Versprechen machen, sosehr scheint etwas grundsätzlicher nicht zu passen.

Es ist nicht leicht zu benennen, deswegen muss man eher drumherumreden. Beim Reden kommen die Leute zusammen, und sie kommen auch manchmal auf etwas drauf. Bei der Politik aber scheint es diesen grünen Zweig nicht mehr zu geben.

Ulli Gladik hat rund um die Nationalratswahlen 2017, nach denen sich eine schwarz-blaue Regierungskoalition bildete, drei Menschen in Wien über einen längeren Zeitraum begleitet. Eine davon ist Brigitte, die Kellnerin im Florida; außerdem noch Christian, ein Stadtbediensteter aus Favoriten, und Alexander, der am Rennbahnweg aufgewachsen ist und nach einigen Schwierigkeiten gerade einen Lehrabschluss als Betriebslogistikkaufmann anstrebt. Alle drei haben etwas gemeinsam: Sie wählen die Freiheitlichen – oder noch genauer: Sie wählen „den Strache“. Ihre Gründe sind unterschiedlich, aber ein Faktor spielt immer eine Rolle: die Ausländer. 


„Menschen sind widersprüchlich, die Politik ist es auch. Gladik begibt sich auf die Spur dieser Widersprüche. Sie will hören, was die Menschen denken.“


Es ist dabei aber nicht immer ganz leicht, das Ausländische zu bestimmen: Der Friseur, der Christian um 13 Euro die Haare schneidet, ist in Wien geboren, gilt aber als Türke. Man müsste ihn vielleicht nach seinen Essgewohnheiten befragen, denn für Christian zeigt sich das Österreichische im Verzehr von Schweinsstelzen. Die sind nicht halal und damit eine Demonstration von Hiesigkeit. Dass Christian selbst aus einer Familie von „Ziegelböhm“ kommt und früher auch erlebt hat, was es heißt, in Wien ein Ausländer zu sein, ändert nichts an seiner Einstellung.

Menschen sind widersprüchlich, und die Politik ist es auch. Gladik begibt sich auf die Spur dieser Widersprüche, aus denen sich Meinungen und politische Gefolgschaft ergeben. Sie hebt mit ihren Nach- und Zwischenfragen nicht so auf die Widersprüche ab, dass sie ihre Gesprächspartner damit aufplattelt. Sie will einfach hören und darüber reden, was diese drei beispielhaften Menschen so denken.

Das führt dann aber auch manchmal an einen Punkt, an dem man meint anzustehen: Alexander, der den damals neuen Bundeskanzler Kurz als „Ohrwaschelkaktus“ bezeichnet, sind die Ausländer so zuwider, dass ihm sogar eine Politik lieber wäre, die sowohl ihnen als auch ihm schadet, als eine andere, in der beiden geholfen würde. „Brutal ausgedrückt, ja.“ So brutal ist die Politik, von der Ulli Gladik sich ganz höflich und in bester Absicht ein Bild macht.


*Lebt als Autor und Journalist (u. a. „FAZ“) in Berlin.




Ein tiefer Blick in die Seele der Enttäuschten.


KLEINE ZEITUNG

Verstehen statt verachten

Warum man mit FPÖ-Wählern reden sollte

Zitiert nach einem Gastkommentar von Ulli Gladik und dem Soziologen Manfred Krenn ( Standard, 8. 6. 2019).


Wien, Hernals, Café Florida. Der Film Inland trifft hier auf Menschen, die vom Arbeitsmarkt zu früh aussortiert wurden oder trotz Arbeit Altersarmut fürchten müssen. Im Café Florida hat man früher rot gewählt. Heute wählt man blau. Der Rechtspopulismus hat seine Chance. Er gibt vor, die Menschen zu verstehen, und füllt die Lücke mit rassistischen und nationalistischen Inhalten.

Jene, die sich durch die hier geschilderten Entwicklungen bedrängt fühlen und sich in Ermangelung politischer Alternativen den Rechtspopulisten zuwenden, werden von den anderen als Rassisten abgestempelt. Letztere reproduzieren damit nicht nur auf der symbolischen Ebene die soziale Spaltung der Gesellschaft, die sie zu bekämpfen vorgeben, sondern vertiefen sie. „Wie kann man nur mit diesen Leuten reden? Das sind unsere Feinde!“ – diese Reaktion auf Inland bestätigt die Diagnose. Doch es braucht einen anderen Umgang mit dem Rechtspopulismus. Wir plädieren für eine Diskussion, die nicht rechthaberisch nur die eigenen Positionen bestätigt, sondern neue Wege auftut. Dies schließt den Dialog mit FPÖ-Wählern ein. Man erinnere sich an das Motto des Soziologen Pierre Bourdieu: „Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen.“

Um nicht missverstanden zu werden: Diesen Dialog zu führen heißt nicht, Zugeständnisse an rassistische Deutungsmuster oder dehumanisierende Migrationspolitiken zu machen. Es heißt zunächst einmal nichts anderes, als den Dialog nicht bei der ersten fremdenfeindlichen Äußerung abzubrechen, das Visier runterzuklappen und die moralische Keule auszupacken.

Wir halten die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus für die entscheidende Frage des vor uns liegenden Jahrzehnts. Es geht darum, die darunterliegende Geschichte zu verstehen. Denn sie bleibt trotz der FPÖ-Skandale bestehen. Wenn wir an den ressentimentgeladenen Denunzierungsdiskursen festhalten, werden wir nicht nur die Anbindung dieser Wählerinnen und Wähler an die FPÖ verstärken. Die reale Gefahr besteht darin, dass wir über kurz oder lang in einem politischen System aufwachen, das auch konservative Politiker wie die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright beim Namen nennen: Faschismus.

Es braucht also nicht nur eine Politik, die die Auswirkungen des Globalisierungskapitalismus ins Visier nimmt und bekämpft, sondern auch einen Dialog quer zu den segmentierten rechten und linksliberalen Enklaven unserer Gesellschaft. Sind wir dazu bereit? Das ist eine der entscheidenden Fragen dieser Zeit.

Auch uns ist klar: Das Phänomen des Rechtspopulismus kann man nicht ausschließlich auf soziale Lagen und die „Abgehängten“ reduzieren. Aber sicher ist: Ohne die Lösung sozialer Fragen werden wir den Rechtspopulismus weder eindämmen noch loswerden.



Kurator Claus Philipp über "Inland"

Trailer 2020 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"