Licht
Wien 1777. Die früh erblindete 18-jährige Maria Theresia „Resi“ Paradis ist als Klavier-Wunderkind in der Wiener Gesellschaft bekannt. Nach zahllosen medizinischen Fehlbehandlungen wird sie von ihren ehrgeizigen Eltern dem wegen seiner neuartigen Methoden umstrittenen Arzt Franz Anton Mesmer anvertraut. Langsam beginnt Resi in dem offenen Haus der Mesmers, zwischen Rokoko und Aufklärung, im Kreise wundersamer Patienten und dem Stubenmädchen Agnes, das erste Mal in ihrem Leben Freiheit zu spüren. Als Resi infolge der Behandlung erste Bilder wahrzunehmen beginnt, bemerkt sie mit Schrecken, dass ihre musikalische Virtuosität verloren geht ...
„Sinnliches, gefühlvolles historisches Drama!“ VARIETY
Maria Dragus, Devid Striesow, Lukas Miko, Katja Kolm, Maresi Riegner, Johanna Orsini-Rosenberg, Stefanie Reinsperger, Susanne Wuest, Christoph Luser u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Die Last des Sehens
Barbara Alberts Gesellschaftsfilm „Licht“
Katharina Stöger*
Ist es schön, das Sehen?“ – „Kommt darauf an, was man sieht.“ Wird im Film Blindheit thematisiert, stellt dies das Medium vor große Herausforderungen. Muss es doch mit der Figur des Nichtsehenden zwangsläufig auch über sich selbst nachdenken (Stefan Ripplinger hat der Blindheit im Kino ein eigenes Buch gewidmet).
Paradoxerweise wird dabei das Sehen oft als etwas Negatives dargestellt – so auch in Barbara Alberts Spielfilm Licht. Die früh erblindete Resi Paradis ist ein Wunderkind am Klavier. Doch sie wächst in einem Elternhaus auf, in dem soziale Etikette alles ist. Da darf man sich in der Öffentlichkeit nicht kratzen, auch wenn es juckt, und „alles angreifen“, das wird auch nicht gerne gesehen. Ein schlechtes Umfeld für eine Blinde. Es ist eine Welt, in der Krankheit keinen Platz hat.
Selbst im Haus des Arztes Franz Anton Mesmer, von dem man sich nach etlichen erfolglosen Torturen endlich Heilung verspricht, stößt man sich am Anblick eines behinderten Dienstbotenjungen. Alberts Tanzszenen, die in ihren frühen Filmen als Ausdruck von Befreiung und Ekstase wegbereitend für das jüngere österreichische Kino gewesen sind, fungieren in Licht auf einmal als gesellschaftlicher Zwang. Nur kurz beim Tanz mit ihrem Arzt zeugt ein Lächeln auf Resis Gesicht vom Ausdruck jener früheren Ausgelassenheit.
Als dann ihre Augenbewegungen ruhiger werden und sie ihre Sehkraft langsam zurückerlangt, ist das eine Sensation – für das Publikum.
„Nur selten gewährt Albert Einblicke in die Perspektive der Blinden. Aber man sieht, wie sie gesehen wird – spöttische Blicke, Mitleid, Missbrauch.“
Für Resi bedeutet das Sehen Schmerz und den langsamen Kontrollverlust über ihr musikalisches Talent.
Nur selten gewährt Albert Einblicke in die Perspektive der Blinden. Doch man sieht, wie sie gesehen wird – spöttische Blicke, Mitleid, Missbrauch. Resi ist ein Schauobjekt, ein Ausstellungsgegenstand, eine Attraktion. Licht ist auch ein Film über Anerkennung und das Gesehenwerden. Danach strebt vor allem der Arzt Mesmer. Seine Behandlungen mit einem magnetischen Fluid sind nicht sichtbar, woran sich gerade die Sehenden stoßen.
Das Drehbuch nach einem Roman von Alissa Walser stammt von Kathrin Resetarits, die sich bereits in ihrem Kurzfilm Ägypten damit auseinandersetzte, was passiert, wenn eine Sinneswahrnehmung fehlt. Gemeinsam mit Albert begründete sie u. a. die weiblich dominierte Welle des österreichischen Films ab den 1990er-Jahren, die sich auf ein großes weibliches Netzwerk stützte.
Auch in Licht liegt der Fokus auf der Frauenfreundschaft, die zwischen dem Stubenmädchen Agnes und Resi entsteht. Beide beneiden in gewisser Weise das Leben der anderen. Ein Schluck von Resis Kakao bedeutet für Agnes schon den Geschmack einer anderen Welt. Albert richtet erneut den Blick auf Frauen, die gegen gesellschaftliche Zwänge aufbegehren. Getragen wird dieser Film von einem großartigen Ensemble, allen voran der Hauptdarstellerin Maria Dragus.
*Lebt als Filmkritikerin in Wien.
Sinnliches, gefühlvolles historisches Drama!
VARIETY
Ein offener Prozess
„Licht“ und die Schatten der Aufklärung
Bert Rebhandl
Vor allem ist es ein Umstand, der Resis Spiel prägt: Sie sieht nichts. Sie verdreht ihre Augen, als könnte sie irgendwo noch einen Rest von Licht erhaschen, aber es hilft alles nichts, sie ist „stockblind“, seit sie eines Tages im Alter von drei Jahren ihr Sehvermögen verloren hat. Einen Grund dafür kann niemand benennen, also weiß auch niemand eine Kur.
Bis auf den Doktor Mesmer vielleicht, einen deutschen Medikus, der in Wien reich geheiratet hat und der in seinem weitläufigen Anwesen eine Art Sanatorium mit allerlei Sorgenkindern unterhält. Die Methoden des Franz Anton Mesmer sind nicht im strengen Sinn wissenschaftlich, auch nicht gemessen an den Ansprüchen einer noch jungen Aufklärung.
In Licht von Barbara Albert wird die Begegnung dieser beiden Welten zu einer Möglichkeit, auf verschiedenen Ebenen von alten und neuen Regimes, von einer verzopften höfischen Gesellschaft und vom Vorschein der Moderne zu erzählen. Resi Paradis (exzellent besetzt mit Maria Dragus) war eine Zeitgenossin von Mozart, aber sie wird nicht so sehr als Wunderkind gesehen, sondern eher als Freak.
Ihre Eltern präsentieren sie auch wie ein Schaustück, denn in einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz und Imposanz basiert, ist jede Besonderheit etwas wert, „n’est ce pas?“. Die Mode der damaligen Zeit, allenthalben französische Satzteile einzuflechten, verleiht den Figuren zusätzlich Affektiertheit, die Albert allerdings kaum einmal richtig in Satire umschlagen lässt.
Das wäre auch zu trivial. Auf Grundlage eines Romans von Alissa Walser (Am Anfang war die Nacht Musik, 2010), aber auch auf Grundlage historischer Tatsachen interessieren sich Albert und Drehbuchautorin Kathrin Resetarits vor allem für die Unsicherheit, die sich aus dem Leib-Seele-Problem ergibt: Die zweifellos konkreten, körperlichen Qualen der Resi haben offensichtlich einen tieferen Sinn, ihre Heilung wird dadurch notwendigerweise zu einem ambivalenten Geschehen, zu einem offenen Prozess, in dem das Subjektive und die schneidende Objektivität einer missgünstigen „besseren“ Gesellschaft nie zur Deckung kommen können.
Mehrfach bezieht Albert bewusst und an einer Stelle ganz zum Schluss dann in einer brillanten Nebenszene die Dienstboten ein – Resi wird damit zu einer Figur, die zugleich „zu ebener Erd und im ersten Stock“ der Kunst daheim ist, also eine große Zerrissene. Dass ihr bei der Ankunft bei Mesmer (Devid Striesow) zuerst einmal ein „Idiot“ entgegenkommt, ist ein Zeichen, das den ganzen Film bestimmt.
Das Licht der Aufklärung drang in Räume, die noch ganz andere Lichtverhältnisse gewöhnt waren als die heutigen. Die Kamera von Christine A. Maier weiß davon, dass wir diese Welt heute vor allem durch Gemälde kennen, durch Ölbilder und Drucke. Diese ästhetische Qualität kann aber auch distanzierend wirken. Resi Paradis bleibt auch für Licht ein Kuriosum, dessen Fluidum sich entzieht.












