Shirley - Visions of Reality
Shirley ist eine Frau im Amerika der 1930er-, 40er-, 50er- und frühen 60er-Jahre. Eine Frau, die in ihrem beruflichen und gesellschaftspolitischen Engagement den Lauf der Geschichte mitbestimmen möchte. Eine Frau, für die die Wirklichkeit der Depressionsjahre, des Weltkriegs, der McCarthy-Ära, der Rassenkonflikte und Bürgerrechtsbewegungen nie eine Gegebenheit ist, sondern gemacht und veränderbar. In 13 durch den Film zum Leben erweckten Gemälden von Edward Hopper wird die Geschichte einer Frau erzählt, die uns durch ihre Gedanken, Gefühle und Reflexionen eine Epoche der amerikanischen Geschichte betrachten lässt.
„Ich möchte das, was Edward Hoppers Malerei ausmacht, auf die Leinwand tragen.“ GUSTAV DEUTSCH
Stephanie Cumming, Christoph Bach, Florentin Groll, Elfriede Irrall, Tom Hanslmaier, Yarina Gurtner Vargas, Jim Libby
ÜBER DEN FILM

Lebendige Bilder
Gustav Deutschs Edward-Hopper-Film „Shirley“
Bert Rebhandl*
Die Bilder des Malers Edward Hopper haben von Beginn an eine große Faszination auf das Kino ausgeübt. Regisseure wie Ridley Scott oder Wim Wenders ließen sich von der Stimmung inspirieren, die Hopper mit seinen einsamen Figuren, seinem eigentümlich verschatteten Licht und seinen starken Farben verbreitet. Nie zuvor aber hat jemand einen Versuch unternommen wie Gustav Deutsch mit Shirley – Visions of Reality: ein Film, in dem die Bilder lebendig werden, in dem sie eine Geschichte bekommen und in dem das Kino zu einer Form von Malerei in der Zeit wird.
Gemeinsam mit Hanna Schimek, die maßgeblich für die Ausstattung war, und mit Christian Fennesz und David Sylvian, die für den Soundtrack verantwortlich zeichnen, lässt Deutsch dreizehn Gemälde von Hopper aus den Jahren 1931 bis 1965 gleichsam erwachen.
Eine Frau namens Shirley, die in dem ersten Bild in einem Eisenbahnwaggon sitzt und ein Buch von Emily Dickinson liest, dient dabei als verbindende Figur. Sie wird zur Protagonistin und durchläuft dabei nicht nur die verschiedenen Bilder von Hopper, sondern auch die Geschichte dieser Jahre, die Deutsch durch die Stimme eines Radiosprechers Revue passieren lässt. Dabei tauchen Kuriosa (ein steirischer Schuldirektor überquert 1931 auf Wasserskiern den Ärmelkanal) genauso auf wie Weltereignisse (Martin Luther Kings Rede „I have a dream“). Da Shirley eine Schauspielerin ist, die immer wieder mit dem berühmten Group Theatre arbeitet, gilt der amerikanischen künstlerischen Linken und deren Erfahrungen während der McCarthy-Paranoia ein kleiner Schwerpunkt. Und auch die Geschichte des Kinos ist sorgfältig in die Textur dieses Laufbildtongemäldes verwoben: Vom klassischen Hollywood bis an die Schwelle der Nouvelle Vague führt der Weg von Shirley.
„‚Seeing was never the same again‘, heißt es an einer Stelle in ‚Shirley‘. Der Satz gilt für die Wirkung von Edward Hopper wie auch für den Film.“
Die kanadische, in Wien lebende Tänzerin Stephanie Cumming ist eine ideale Besetzung für die Rolle der Shirley, die wie eine Figur in einem Gemälde kaum spricht, sondern von der eher ein innerer Monolog zu vernehmen ist, wenn sie nicht einfach genau die Grenze zwischen Stille, Stillstand und Bewegung vermisst, um die es dem Film insgesamt geht. Subtil werden dabei immer wieder medienhistorische Hinweise eingestreut, und Deutsch greift auch reflexive Anregungen auf, die sich bei Hopper ausdrücklich finden:
Das Bild Excursion into Philosophy (1959) mit seiner ans Tageslicht geholten Variation des Höhlengleichnisses kann als einer der Schlüssel gelten. So souverän geht Gustav Deutsch mit dem verehrten Maler um, dass er schließlich sogar auf dessen berühmtestes Bild, die Bar in Nighthawks, verzichten kann. „Seeing was never the same again“, heißt es an einer Stelle in Shirley – Visions of Reality. Der Satz gilt für die Wirkung von Edward Hopper wie auch für den Film, der dieser Wirkung neue Dimensionen verleiht.
*Lebt als Autor und Journalist (u. a. „FAZ“) in Berlin.
Ich möchte das, was Edward Hoppers Malerei ausmacht, auf die Leinwand tragen.
GUSTAV DEUTSCH
Sinnliche Leinwand
Malerei wird Kino: Gustav Deutschs „Shirley“
Isabella Reich
Die Momentaufnahme einer Kinovorführung in einem erkennbar historischen Ambiente: Das Bildzentrum wird von der seitlichen Wand und einem mächtigen Säulenrelief dominiert. Links davon, in der dunkleren Bildhälfte, sind im Anschnitt Zuschauerreihen und ein Stück Leinwand zu sehen. Rechts außen, im Schein einer Wandlampe, lehnt etwas in sich versunken eine livrierte blonde Platzanweiserin neben dem Ausgang.
Das Sujet kennt man als Gemälde des US-Künstlers Edward Hopper, es trägt den Titel New York Movie und stammt aus dem Jahr 1939. Dieses Bild eines Kinosaals, eine gemalte Momentaufnahme, ist jetzt ins Kino zurückgekehrt. Auf der Leinwand beginnt die Frau sich leicht zu bewegen, den Dialog des Films, der gerade läuft, kann sie auswendig mitsprechen. Sie „spielt die Rolle der Platzanweiserin“ und sagt, sie ziehe diese einem Engagement in Hollywood jederzeit vor. Im Stück Dead End, dessen Verfilmung gerade läuft, hat sie als Teil des politischen New Yorker Group Theatre früher selbst mitgewirkt.
Während der (innere) Monolog der Frau aus dem Off ertönt, wird die Szene filmisch erfasst, aus der Gesamtansicht werden Details in Großaufnahmen hervorgehoben: die schlichten Schuhe der Frau auf dem grünen Spannteppich mit seinem ornamentalen Muster.
Das Close-up des weiblichen Fußes wiederum ist ein Standard im Bilderrepertoire des frühen Kinos. Dies ist nur eine von vielen Spiegelungen, Rückkopplungen, Verschiebungen, die hier vor sich gehen: New York Movie ist eines von insgesamt dreizehn Gemälden Hoppers, die der Wiener Experimentalfilmer Gustav Deutsch für seinen ersten Kinospielfilm Shirley – Visions of Reality belebt hat. Das wiederum sorgt auf der Kinoleinwand für eine äußerst sinnliche Erfahrung von Farben und Materialien (Deutschs Lebensgefährtin Hanna Schimek fungierte als „master of colour“ und war für die Sets verantwortlich) und verbreitet zugleich Präzision und (angenehme) Kühle.
Das Sammeln und Ordnen, die Montage, Um- und Neudeutung von existierendem Material waren bereits bei Gustav Deutschs Found-Footage-Arbeiten konstitutiv. Die letzte Ausführung seiner Arbeit mit historischen Filmbildern, Film ist. A Girl & a Gun drehte sich 2009 bereits um die Aufladung von (Archiv-)Bildern mit Erzählung und Emotion.
Das Unterfangen, künstlich hergestellte Wirklichkeit und Emotionalität zusammenzubringen, erzählte Deutsch bei der Österreich-Premiere von Shirley im Rahmen der Viennale, habe aber letztlich nach selbst gedrehtem Material und nach Schauspielern verlangt.
Eine überragende solche hat er in der extrem nuanciert agierenden Tänzerin Stephanie Cumming gefunden. Sie verkörpert die Titelheldin Shirley, eine Schauspielerin, deren Leben der Film Shirley vom 28. August 1931 bis ins Jahr 1963 entlang der 13 Sujets begleitet.












