Waldheims Walzer
WALDHEIMS WALZER ist ein Film über Lüge und Wahrheit. Über „alternative Fakten“. Über individuelles und kollektives Bewusstsein. Eine Analyse der Entlarvung des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim durch den Jüdischen Weltkongress. Und ein Lehrstück über den erfolgreichen Einsatz von antisemitischen Parolen und populistischer Propaganda während eines Wahlkampfes. DER FALTER
„Als ich das Material, das ich vor 30 Jahren bei Demonstrationen gegen Waldheim gedreht hatte, wieder sah, war ich schockiert. Hatte ich vergessen, wie leicht Emotionen gegen andere geschürt und von populistischen Politikern benutzt werden können?“ RUTH BECKERMAN
Berlinale (Internationale Filmfestspiele Berlin) 2018 - Dokumentarfilmpreis
Kurt Waldheim, Ruth Beckermann
MONTAGE: Dieter Pichler
BILDBEARBEITUNG: Kurt Hennrich
TON: Manuel Grandpierre, Rudi Pototschnig
KONZEPTUELLE MITARBEIT: Sebastian Brameshuber
KOORDINATION POSTPRODUKTION: Rebecca Hirneise
PRODUKTIONSLEITUNG: Hanne Lassl
ÜBER DEN FILM

Kein schöner Land
Ruth Beckermanns „Waldheims Walzer“
David Auer*
Die Szene ist kurz, aber, wie so vieles in Ruth Beckermanns Dokumentarfilm, höchst einprägsam: Kurt Waldheim steigt aus einer Limousine und wird von einem älteren Herrn geohrfeigt. Bevor es ihm gelingt, den Mann wegzustoßen, mutet der unspektakuläre Kampf an wie ein Tanz. Auf die Watschn folgt ein kleiner Walzer. Anzunehmen, dass es nicht dieser Moment war, der die Regisseurin zum Filmtitel inspirierte, sondern der Name des österreichischen Traditionstanzes: „walzen“ bedeutet „drehen“.
Österreicher wissen nämlich, wie man sich dreht, aber auch, wie man die Wahrheit verdreht. Lange hielt sich der Mythos, sie seien das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen. Als Waldheim Mitte der 1980er für die Bundespräsidentschaft kandidierte, begann dieser Mythos aber zu bröckeln. Profil lancierte einen Artikel über die SA-Vergangenheit des Anwärters fürs höchste Amt des kleinen Landes, für das sich auf einmal die halbe Welt zu interessieren begann.
Furios montieren Beckermann und Cutter Dieter Pichler (inter)nationale News-Clips, Interviews, Pressekonferenzen zur „Affäre“ mit privatem Material: Videos aus dem Archiv der Regisseurin, u. a. selbst gedreht auf dem Stephansplatz mitten unter den Protestierenden – zu denen auch sie gehörte –, die sich mit dem antisemitischen Volksmund fetzen. Im subjektiv-parteiischen bis ironisch-distanzierten Voiceover vermutet sie einmal, das Wiederauftauchen (wohl um 2017/18 herum) dieser verschollen geglaubten Aufnahmen sei kein Zufall gewesen. Was sie damit wohl meinen könnte? Etwa die Koinzidenz einer Neuauflage der schwarz-blauen Regierung um diese Zeit? Oder den ungebrochenen Antisemitismus von allen Seiten?
„Ein roter – postnazistischer – Faden zieht sich durch „Waldheims Walzer“ und die steile Karriere des Opportinisten, der kein Nazi gewesen sein wollte.“
Die plötzliche „Verleumdungscampaign“, so Waldheim, ginge auf eine „kleine, auf die Medien sehr einflussreiche Gruppe“ zurück. ÖVP-Generalsekretär Michael Graff bezeichnete diese als „ehrlose Gesellen des jüdischen Weltkongresses“, welche, so Waldheims Sohn wiederum, noch alte Rechnungen aus der Zeit offen hätten, als sein Vater Vorsitzender der UNO war, die unverhältnismäßig viele Resolutionen gegen Israel verabschiedete.
Ein roter – postnazistischer – Faden zieht sich durch Waldheims Walzer und die steile Karriere des opportunistischen Politikers, der partout kein Nazi gewesen sein wollte, sondern nur einer von so vielen „Anständigen“, die bloß ihre Pflicht taten, an deren läppische Details (Deportationen von Jüdinnen und Juden in Thessaloniki etc.) er sich aber nicht so recht erinnern konnte (die berühmte Waldheim-Krankheit).
Ruth Beckermanns eindrucksvoller Film sensibilisiert für solche rhetorischen Strategien und plädiert dafür, genau diese Erinnerung und das Bewusstsein von Kontinuitäten wachzuhalten: Antisemitismus ist keine Angelegenheit der Vergangenheit, sondern bis heute weltweit salonfähig.
* Lebt als freier Autor und Filmkritiker in Wien.
Als ich das Material, das ich vor 30 Jahren bei Demonstrationen gegen Waldheim gedreht hatte, wieder sah, war ich schockiert. Hatte ich vergessen, wie leicht Emotionen gegen andere geschürt und von populistischen Politikern benutzt werden können?
RUTH BECKERMANN
Gegen das offizielle Bild
Dominik Kamalzadeh sprach mit Ruth Beckermann über Waldheim und die Medien.
ZUR PERSON: Ruth Beckermann beschäftigte sich in ihren Filmen u. a. mit jüdischer Identität und österreichischer Nachkriegsgeschichte.
©Filmladen
Standard: Können Sie sich noch erinnern, warum Sie die Szenen der Anti-Waldheim-Demonstration auf dem Stephansplatz gedreht haben?
Beckermann: Das kam daher, dass wir, die gegen Waldheim waren, medial nicht vorgekommen sind. Schon aus der Zeit der Arena-Bewegung gab es aber dieses Bewusstsein dafür, dass wir unsere eigenen Medien gründen müssen. Ich weiß gar nicht mehr, von wem ich die Kamera bekam. Ich drehte einfach. Es wurde nur im Profil und in der AZ kritisch über Waldheim geschrieben. Bei den Öffentlich-Rechtlichen, in der bürgerlichen Öffentlichkeit fand sich nichts. In der Recherche haben wir zum Beispiel kein einziges TV-Interview mit Hubertus Czernin gefunden.
Standard: Der Aufdecker Czernin wurde in der ganzen Zeit tatsächlich niemals interviewt?
Beckermann: Nein, der Mann, der Waldheims Wehrstammkarte gefunden hatte, wurde nie interviewt. Wir mussten dann eines von einem US-Sender verwenden.
Standard: Gab es einen bestimmten Auslöser, das eigene Material gerade jetzt wieder zu sichten und zu Waldheim zurückzukehren?
Beckermann: Eigentlich nicht. Zuerst war es eher Abwehr, dann kam aber die Lust, sich eine Zeit, die man selbst erlebt hat und von der man ja immer nur einen Ausschnitt kennt, in einem größeren Kontext anzuschauen. Vor allem die Bilder in einen internationalen Kontext zu fügen, war sehr interessant. In Österreich gab es sehr lange nur eine einseitige Sicht.
Standard: Im Film sagen Sie, Sie hätten zwischen der Rolle der Dokumentaristin und jener der Aktivistin geschwankt.
Beckermann: Ich war vor allem Aktivistin. Eigentlich tut es mir heute leid, dass ich nicht öfter gedreht habe. Es gab unglaublich viele Treffen wie jenes im Landtmann, das im Film zu sehen ist.
Standard: Waldheim sprach immer von einer Medienkampagne. Besonders interessant ist dieses BBC-Interview im Film, bei dem er starke Emotionen zeigt.
Beckermann: Ja, da regt er sich auf. Und zugleich ist es sehr österreichisch, alles mit solchen Floskeln zuzuschmieren. Die Briten haben Waldheim auch anders behandelt. Die österreichischen Journalisten sind vor ihm gekniet. Geändert hat sich das erst nach der Watchlist und der Wahl. Die richtig harten Interviews, wie von Peter Rabl und Hans Benedict, kamen erst 1988. Man konnte bei der Materialsichtung richtig gut erkennen, ab wann österreichische Journalisten begonnen haben, ausländische Zeitungen zu lesen.
Standard: Die Waldheim-Affäre hat dazu beigetragen, dass der Opfermythos nicht mehr tragbar war. Was hat dies im rechten Lager bewirkt?
Beckermann: Die Opferlüge war eine Mainstreamgeschichte. Die war sehr praktisch bei der Gründung der Zweiten Republik. Sie hat die ganze Welt betört, in Zusammenhang mit den schönen Landschaften in Österreich erschien das wie ein stimmiges Bild. Wir haben vor allem gegen dieses offizielle Österreich angekämpft. Die FPÖ hat diese Lüge nie vertreten. Es gibt ein Interview mit Haider, wo er sagt, wir hätten wie die Deutschen den Krieg verloren. Das rechte Lager hielt seit 1945 mehr oder weniger unbeirrt an seinem NS-Geschichtsbild fest.




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