Womit haben wir das verdient?
Der Österreichische Film
Edition#330

Womit haben wir das verdient?

Eva Spreitzhofer /// 2018 /// Komödie

88 min • Altersfreigabe: 0 • HD
Sprache: Deutsch / Audiodeskription
UTs: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Die atheistische, feministische Ärztin Wanda (Caroline Peters) fällt aus allen Wolken, als ihre pubertierende Tochter Nina (Chantal Zitzenbacher) ihr eröffnet, sie sei zum Islam übergetreten. Die Weltoffenheit der liberalen Patchwork-Familie steht nun auf dem Prüfstand. Weltanschauungen prallen aufeinander, Sichtweisen verändern sich. Eine Komödie über die Suche nach Erklärungen, nach Zugehörigkeit, nach Identität, nach Zusammenhalt und paradiesischen Zuständen.

„So einen Film erwartet man nicht aus Österreich. Er fühlt sich an wie eine französische Komödie – genau das wollte ich.“ EVA SPREITZHOFER

Besetzung  

Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher, Simon Schwarz, Marcel Mohab, Hilde Dalik, Anna Laimanee, Duygu Arslan, Alev Irmak, Pia Hierzegger, Christopher Schärf u.v.m.

Regie  

Eva Spreitzhofer
Drehbuch  

Eva Spreitzhofer
Kamera  

Andreas Thalhammer, Xiaosu Han

DVD Edition # 330

Womit haben wir das verdient? (2018) - Komödie | watchAUT Film

Glatteis für Bornierte

„Womit haben wir das verdient?“ von Eva Spreitzhofer

Dorian Waller*


Wenigstens kifft sie nicht mehr und droht auch nicht, von der Schule zu fliegen. Wobei, mit der einen oder anderen Spaßzigarette hätte Wanda, die aufgeklärte Mutter der pubertierenden Nina, vermutlich gar nicht so ein Problem. Nun muss sie aber damit fertigwerden, dass ihre streng atheistisch erzogene Tochter zum Islam konvertiert ist. Das geht, wie die bass erstaunten Eltern lernen, mittlerweile ganz einfach per Internet. Von einem Tag auf den anderen sitzt Nina nun im Hidschab vor ihnen und will fortan nur noch mit Fatima angesprochen werden. Gummibärchen sind jetzt plötzlich haram, und zum Schwimmen braucht es einen Burkini.

Wer jetzt in Erwartung der hundertsten Toleranzkomödie mit den Augen rollt, darf bei Eva Spreitzhofers Womit haben wir das verdient? aber durchaus weiterschauen. Rasch zeigt sich nämlich, dass Spreitzhofer (Buch und Regie) nicht einfach die fünf beliebtesten Islam- und Bobo-Klischees der Reihe nach vorführt, sondern ihre Figuren ein ums andere Mal kunstvoll auf das Glatteis der eigenen Selbstgerechtigkeit führt.

Nina/Fatima (Chantal Zitzenbacher) stürzt sich mit jenem großen Eifer in ihre Religion, der nur durch das Zusammenwirken von adoleszentem Hormonüberschuss und unbegrenztem Internetzugang zu erklären ist. Dass ihre Youtube-gestählte Religionsauslegung auch ihren muslimischen Mitschülern zu streng erscheint, scheint sie kein bisschen zu irritieren. 


„Eva Spreitzhofers Spielfilmdebüt überzeugt mit einer Leichtigkeit, wie man sie aus französischen Komödien kennt, und hoher Pointendichte.“


Im Zentrum des Films steht jedoch nicht die junge Konvertitin, sondern ihre Mutter Wanda (Caroline Peters). Dem töchterlichen Rat folgend, informiert auch sie sich über Ninas neue Religion zunächst im Internet – dabei wäre ein Blick in den sozialen Medienwahnsinn für einen standesgemäßen mütterlichen Auszucker gar nicht notwendig gewesen.

Für die Patchwork-Matriarchin scheint der Islam doch all ihren gern gepredigten Grundsätzen von Toleranz zu widersprechen. Anders als ihrer Tochter gelingt es Wanda durch den Kontakt mit der muslimischen Mutter Hanife (Alev Irmak) jedoch, zumindest ein wenig an ihren Scheuklappen vorbeizulugen.

Letzten Endes sind es freilich die zahlreichen Momente, in denen die Figuren dann doch wieder gegen das Brett vor dem eigenen Kopf donnern, in denen Womit haben wir das verdient? seine hervorstechende Qualität offenbart, um mit lustvoller Präzision Bigotterie und Doppelmoral nicht nur bei der sogenannten Islamdebatte offenzulegen.

Eva Spreitzhofer gelingt dies in ihrem Spielfilmdebüt mit einer Leichtigkeit, wie man sie aus französischen Komödien kennt, hoher Pointendichte und einem von Caroline Peters überzeugend angeführten Ensemble. Und da es Gummibärchen auch halal gibt, muss man kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass alles für ein korrektes Filmvergnügen angerichtet ist.


*Lebt als Autor und Filmkritiker in Purkersdorf




So einen Film erwartet man nicht aus Österreich. Er fühlt sich an wie eine französische Komödie – genau das wollte ich.


EVA SPREITZHOFER

„All das gibt es wirklich“

Karin Schiefer sprach mit Eva Spreitzhofer über Komik und Tabugrenzen.


ZUR PERSON: Eva Spreitzhofer ist Schauspielerin und Autorin, „Womit haben wir das verdient?“ ist ihr Regiedebüt.


Lag für Sie ein gewisses Unbehagen im Wiener Alltag in der Luft, dass Sie diese neue Aktualität der Religionen als Thema für Ihren Film aufgegriffen haben?

Spreitzhofer: Gar kein Unbehagen. Wir saßen in einer Runde von Eltern zusammen, unsere Kinder waren gerade am Beginn der Pubertät, und wir haben uns unterhalten, was jetzt alles auf uns zukommen wird. Alle haben die für sie schlimmsten Dinge aufgezählt: Drogen, Schwangerschaft, Schule abbrechen, dass das Kind rechtsradikal werden könnte. Ich habe gesagt, das Schlimmste für mich wäre, wenn meine Tochter plötzlich mit Kopftuch vor mir stehen und mir erklären würde, sie ist jetzt voll religiös geworden. Das fanden alle sehr lustig, dass mir Hardcore-Feministin und Atheistin so was passieren könnte. Und das war der Ausgangspunkt, eine Komödie zu machen.

Ist es bei einem so sensiblen Thema, wo man ständig an Tabugrenzen stößt, leichter oder heikler, eine Komödie zu verfassen?

Spreitzhofer: Es ist eindeutig leichter, weil man immer an die Grenze gehen kann. Manchmal hab ich überlegt: „Darf ich das so erzählen? Darf ich mich darüber lustig machen?“, und dann hab ich an Monty Pythons Das Leben des Brian gedacht, einen meiner Lieblingsfilme, und dann hab ich’s gemacht. Alles, was in meinem Film vorkommt, gibt es in Wirklichkeit. Für jedes einzelne Youtube-Video im Film gibt es eine Vorlage, wir haben es nur nachgedreht bzw. so verändert, dass wir keine Rechte-Probleme bekommen. Alles, was gesagt wird, habe ich auch in Wirklichkeit gehört. Ich habe sehr aufgepasst, keine Codes zu verletzen – aus inhaltlichen Gründen, weil ich wollte, dass alles stimmt, und die Realität ist sowieso immer lustiger als das, was man sich ausdenkt. Und natürlich auch, weil ich überleben wollte.

Hatten Sie das Gefühl, bei diesem Drehbuch anders zu schreiben, wissend, dass Sie es selbst umsetzen würden?

Spreitzhofer: Nein. Das Drehbuch ist ja die Arbeitsgrundlage nicht nur für die Regie, sondern auch für alle anderen Departments am Set. Je genauer etwas beschrieben ist, umso klarer wissen alle, was ich will. Aber es war natürlich großartig, dass ich dann am Set auf alles reagieren konnte, wenn ich bemerkt habe, dass irgendwas nicht funktioniert, oder wenn ich gesehen habe, dass etwas, was im Buch lustig ist, beim Drehen anders sein muss.

Warum haben Sie sich für eine Patchwork-Familienkonstellation entschieden?

Spreitzhofer: Zum einen habe ich immer selbst so gelebt. Und die bürgerliche Kleinfamilie kommt ohnehin oft genug im Kino vor. Ein Film, den ich sehr mag, ist Monsieur Claude und seine Töchter, wo aus einer sehr katholischen Position heraus andere Religionszugehörigkeiten, Vorurteile, Hautfarben witzig aufeinanderprallen. Für unser Thema ist eine liberale Patchworkfamilie deshalb lustig, weil hier Menschen mit Offenheit und Toleranz plötzlich nicht mehr weiterkommen, wenn sie auf Leute treffen, die gar nicht tolerant sind und finden, dass Toleranz das Schlimmste ist, was es gibt. Patchwork-Situationen eignen sich außerdem hervorragend für Komödien, weil sie so kompliziert sind und man sich damit identifizieren kann, auch wenn man es nicht lebt. Alle Familien funktionieren ja im Prinzip ähnlich, auch in der Kleinfamilie entstehen immer wieder Situationen, die einen überfordern.



Kurator Dominik Kamalzadeh über "Womit haben wir das verdient"

Trailer 2020 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"