Angeschwemmt
Der Österreichische Film
Edition#20

Angeschwemmt

Nikolaus Geyrhalter /// 1994 /// Dokumentarfilm

86 min • Altersfreigabe: 6 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Englisch

„Als Dokumentarist stoße ich auf Orte und Systeme, die könnte ich mir gar nicht ausdenken, wenn ich sie nicht finden würde.“ (Nikolaus Geyrhalter) Die Welt an der Donau wird im wesentlichen von zwei Faktoren bestimmt: dem Fluß und den oft seltsamen Eigenheiten der Menschen, die an ihm leben. Und man trifft viele dort: Fischer und Friedhofwärter, buddhistische Mönche, Donauinselkleingärtner, gestrandete Frächter, Sandler und Soldaten. In ruhigen Bildern wird von einer unaufdringlichen Kamera von den unzähligen Wasserleichen, die auf dem Alberner „Friedhof der Namenlosen“ begraben sind, ebenso erzählt wie von dem rumänischen Frächter, der mit seiner Frau in Wien auf seinem Schlepper festsitzt, weil die Donaublockade im ehemaligen Jugoslawien seine Heimreise verhindert. Nikolaus Geyrhalters Kinodebüt Angeschwemmt aus dem Jahr 1994: „Ein unspektakulärer und vor allem nicht aufdringlicher Dokumentarfilm, in dem selbst abgedroschene Klischees wieder neue Facetten preisgeben.“

„Als Dokumentarist stoße ich auf Orte und Systeme, die könnte ich mir gar nicht ausdenken, wenn ich sie nicht finden würde.“ NIKOLAUS GEYRHALTER

Besetzung  

Josef Fuchs, Vickerl Albrecht, Helene Rotaru, Aurel Rotaru u.v.m.

Regie  

Nikolaus Geyrhalter
Drehbuch  

Nikolaus Geyrhalter
Kamera  

Nikolaus Geyrhalter

DVD Edition # 20

Angeschwemmt  (1994) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Die Flussbewohner

Nikolaus Geyrhalters Debüt „Angeschwemmt“

Dominik Kamalzadeh*


Nach Angeschwemmt führten die Reisen in den Filmen des Dokumentaristen Nikolaus Geyrhalter in immer entlegenere Regionen. Das Jahr nach Dayton erstellt in der bosnisch- kroatischen Föderation und in Serbien eine Momentaufnahme des Lebens nach dem Krieg, in Pripyat werden Landschaft und Menschen rund um das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl zwölf Jahre nach dem Unglück wieder aufgesucht. Elsewhere kennzeichnet schließlich eine globale Bewegung, mit Ansichten aus Ländern wie Namibia, Grönland oder Australien.

Angeschwemmt, Geyrhalters Debüt, sucht dagegen einen Ort nicht weit der österreichischen Hauptstadt auf. Die Ufer der Donau und ihre Bewohner stehen im Mittelpunkt des Films, aber schon hier gewinnt man den Eindruck, an einen fremden Ort zu reisen.

Das liegt zum einen an der Auswahl der Protagonisten, die dem Landstrich ein facettenreiches Gesicht verleihen: So findet sich darin ein rumänisches Ehepaar, das seit geraumer Zeit einen Frachter bewohnt, es gibt einen buddhistischen Tempel und den dazugehörigen Mönch, daneben Soldaten, die wie eine Besatzungsmacht durchs Bild marschieren, und einen maulenden Fischer. Selbst Josef Fuchs, der Wärter des Alberner Friedhofs der Namenlosen, des prominentesten Schauplatzes des Films, erscheint wie ein Mensch aus einer längst vergangenen Zeit. Er weiß von vielen zu erzählen, die er aus dem Fluss gefischt, gewaschen und dann begraben hat. Sein Gleichmut gleicht dem des Flusses. 


„Die Ufer der Donau und ihre Bewohner stehen im Mittelpunkt des Films, aber schon hier gewinnt man den Eindruck, an einen fremden Ort zu reisen.“


Wesentlicher aber noch für die spezifische Atmosphäre einer melancholischen Entrücktheit erscheint die Art und Weise, wie in Angeschwemmt Landschaft und Menschen im schön ausbalancierten Rhythmus von langen, ruhigen Einstellungen und Travellings eine harmonische Einheit bilden – die Montage besorgte wie in den darauf folgenden Arbeiten Geyrhalters Wolfgang Widerhofer. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen geben den Dunst und Nebel der Donaulandschaft besonders treffend wieder. Die Feuchtigkeit sickert förmlich in die Bilder ein.

Jeder Schauplatz – von der verästelten Auenlandschaft über Kleingärten bis zu besagtem Friedhof und Tempel – wird an einen Protagonisten gebunden, der oft auch selbst die Aufgabe übernimmt, sein „Revier“ den Gästen mit der Kamera zu präsentieren. Geyrhalter behält auf diese Weise einen unaufdringlichen Gestus bei, dessen Lohn das Vertrauen seiner Figuren ist.

Das zeigt sich auch in den Gesprächen, in denen alle auf ihre besondere Affinität zum Fluss zu sprechen kommen. Sie wurden angeschwemmt, sind geblieben und betrachten bevorstehende Änderungen – wie die Umwidmung der Au zu einem Nationalpark – als Bedrohung. Früher war auch hier alles ein wenig besser. So unterschiedlich die Menschen sind, der Fluss eint sie zu einer imaginären Gemeinschaft.


*Filmkritiker und Kulturjournalist (der Standard), Redakteur von „kolik.film“.




Als Dokumentarist stoße ich auf Orte und Systeme, die könnte ich mir gar nicht ausdenken, wenn ich sie nicht finden würde.


NIKOLAUS GEYRHALTER

Großzügige Donau

„Friedhof der Namenlosen“: Ein Eintrag aus Ilse Aichingers „Journal des Verschwindens“


Every night as I gazed up at the window I said softly to myself the word paralysis“ (James Joyce, Dubliners): Dieser Einsicht kann man nichts hinzufügen. Außer vielleicht den Eindruck von Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm Angeschwemmt, vorgestern, bei sonst extrem dürftigem Kinoprogramm, im Westbahnhof, in einem provisorischen, bald wieder verschwindenden Kino. In der zugigen offenen Halle sind gerade noch zwei Plätze in der ersten Reihe frei. Der Platz links von mir bleibt frei, rechts unterhalten sich zwei Strizzis, einer davon spricht durchgehend, er unterbricht sich kaum, behält aber aggressiv und sprungbereit die Leinwand im Auge.

Die Personen dieses Films sind keine Darsteller, auch keine Laiendarsteller. Es sind auch nicht viele, zwei oder drei Hilfsarbeiter, ein Fischer, ein Leichenbestatter, ein Nationalparkwächter und Vielredner, der den Friedhof der Namenlosen in Albern und die Au niemandem gönnt, am wenigsten den Wienern, die ihn in Wut bringen. Dieser Wächter weiß, wozu es bei ihnen reicht, sie kommen von weit her (eben aus Wien), zerstampfen die Wiesen, durchbrechen den Auwald, reißen aus dem Boden, was er hergibt. Zurück bleiben verschreckte Vögel, Butterbrotpapiere und Verwüstung. Die armseligen Blumen sind ausgerissen und verstreut, Albern wird sich nie mehr erholen, liegt da wie nach einem schlechten Traum.

Aber da hat er Unrecht. Albern kann mit Träumen besser umgehen als Grinzing oder Kaltenleutgeben, es ist von Träumen erfunden. Der Leichenbestatter, weißhaarig und barhäuptig, im langen Mantel, spricht von den Toten wie von heranwachsenden Kindern, denen man zu einer halbwegs möglichen Zukunft verhelfen sollte. Er hat sie aus dem Wasser geholt, gewaschen, getrocknet und begraben. Die Donau ist großzügig wie er, nimmt jeden und gibt ihn wieder her, auch wenn keiner nach ihm verlangt. Die Eltern eines 34-jährigen Selbstmörders haben die üblichen Blumen gebracht und sind ratlos, wie sie gekommen sind, wieder gegangen.

Josef Fuchs, der Leichenbestatter, spricht von einem seiner Schützlinge, der sich, ehe er in die Donau ging, von der Schwedenbrücke stürzte und am Kopf verletzte. Fuchs begräbt genug aus der Landschaft, aber Umwege, hastige Versuche quittiert er mit Kopfschütteln. Sobald er ins Bild kommt, hält sogar der rechts von mir einen Augenblick lang den Mund, ehe er wieder loslegt: „War ma zu koit, des Wossa“, und: „Hat eh Glück, wann er koa Oide hot, die wos eam zruckhoit.“

Ein rumänisches Wohnboot taucht auf (“Zülln sogt ma“, bemerkt er kritisch). Es ist ein langes solides Boot, blank gescheuert wie U-Boote, ehe sie torpediert werden. Von den beiden an Deck spricht nur die Frau: „Vier Kinder in Rumänien, sieben Enkel, was soll man tun?“ Der Mann sagt nichts, er ist der Captain, aber kein Wort von „O Captain, mein Captain“. Stattdessen und ohne die Frage abzuwarten die Frau: „Wovon wir leben? Nicht vom Geld, wir leben von den Hühnern.“ Die sind auch an Bord, ratlos wie auf dem Bauernhof. „Manchmal gibt’s Hühnerschnitzel, sonst nur Eier.“ Sie ist zufrieden. „Soi se a Tussi nehmen, der Captain, die Oide losst eam net aus“, sagt der neben mir gegen Ende des Films. Die Pulkauer Weinstuben schräg gegenüber, die jeden begrüßen, der aus Saalfelden oder Paris kommt, wirken trüb, halb verdunkelt, sie stellen sich tot. Man sollte sie nicht wecken, auch wenn es dem Film gemäß wäre, den man eben für immer verlassen hat. Aber er bleibt im Kopf.

Dieser (leicht gekürzte) Text erschien am 24. 11. 2000 in der Kolumne „Journal des Verschwindens“, die die Dichterin Ilse Aichinger für den Standard verfasste.



Trailer 2006 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"