Angst
Der Österreichische Film
Edition#404

Angst

Gerald Kargl /// 1983 /// Thriller

80 min • Altersfreigabe: 16 • HD
Sprache: Deutsch

Gerade aus der Haft entlassen, wird ein Mann schon wieder von Mordgelüsten geplagt. In einem Haus am Waldrand findet er seine nächsten Opfer … Bei der Uraufführung ein Skandal, danach lange unter Verschluss, inzwischen ein Kultfilm und jetzt – pünktlich zum 40. Jubiläum – wieder in neuem Glanz verfügbar. Effizient erzählt, erlaubt der kompromisslose Abstieg in die Psyche eines Mörders kaum Atempausen, verblüfft mit seiner Kameraarbeit und eisig elektronischen Soundscapes, während in Erwin Leders Gesicht größte Verzweiflung und unbarmherzige Brutalität sichtbar werden. Ein Film, wie es ihn in Österreich davor und danach nie gab – nach einer wahren Begebenheit.

(Florian Widegger)

„Auch gut 40 Jahre nach seiner Entstehung hat dieses Ausnahmewerk, das psychologische Einfühlung mit einer distanzierten, fast mechanischen Bildsprache verbindet, nichts von seiner Radikalität verloren.“

Lukas Foerster

Besetzung  

Erwin Leder, Silvia Rabenreither, uvm.

Regie  

Gerald Kargl
Drehbuch  

Gerald Kargl, Zbigniew Rybczyński
Kamera  

Zbigniew Rybczyński

Bonus Track: Regisseur Gerald Kargl & Schauspieler Erwin Lederer über "Angst" (Publikumsgespräch Viennale 2023)

Kurator Florian Widegger über "Angst"

Aus dem Herzen keine Mördergrube machen

Gerald Kargls Kultfilm Angst über einen Mörder wirkt auch heute noch verstörend.

Florian Widegger*


Im Jänner 1980 erschüttert ein Dreifachmord in St. Pölten ganz Österreich. Der unter anderem wegen zweifachen Mordversuchs eingesperrte Werner Kniesek dringt während eines Haftfreigangs in ein Einfamilienhaus ein, wo er Mutter, Tochter, Sohn und Katze auf brutale Art und Weise umbringt. Sein Motiv ist die pure Lust am Töten. Ein Stoff, aus dem damals reißerische Schlagzeilen und heute True-Crime-Podcasts entstehen – ebenso wie ein Film, der 1983 in die Kinos kommt und mit nichts vergleichbar ist, was der österreichische Film bis dahin fabriziert hat: Angst.

Regie führte der damals 30-jährige Gerald Kargl, es ist sein erster und bis heute einziger Langfilm. Danach wechselte Kargl in die Werbung, auch um die Schulden, die ihm sein ohne jegliche öffentliche Förderung finanziertes Debüt eingebracht hatte, abzubezahlen. Später einmal wird er sagen: „Meine Bemühungen, wieder Kinofilme zu machen, wichen inhaltlich und formal von dem ab, was damals als österreichischer Film definiert oder als Gremienfilm kritisiert wurde. Deshalb habe ich mich auch nie als Teil der österreichischen Filmszene gefühlt.“ (Interview mit Florian Widegger, November 2023)

Bei Erscheinen stößt Angst auf teilweise wohlwollende Kritik, mehrfach aber auf Unverständnis und Ablehnung, was auch dazu führt, dass der Film lange Zeit auf offiziellem Wege nicht zu sehen ist. Inzwischen genießt er Kultstatus – nicht zuletzt dank prominenter Fürsprecher wie dem französischen Regisseur Gaspar Noé längst über die Genrekinoszene hinaus.

Dabei ist Angst keine Rekonstruktion des Falls Kniesek und schon gar kein klassischer Thriller. Kargl interessiert sich kaum für die Vorgeschichte des Täters und schon gar nicht für Ermittlungen. Der Film macht aus seinem Protagonisten, der namenlos bleibt wie seine Opfer, kein psychologisches Rätsel, das es zu lösen gilt und auch keine tragische Figur, deren Biografie seine Verbrechen erklären könnte. Stattdessen zwingt der Fluss aus Bildern, Musik und Off-Kommentar das Publikum zur Auseinandersetzung mit den Taten und der Gedankenwelt eines Gewaltverbrechers, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Einerseits ist der Film enorm stilisiert, mit wilden Kamerafahrten und visuellem Einfallsreichtum, andererseits erzählt er nahezu dokumentarisch genau und lässt sein Publikum so näher an das Geschehen heranrücken, als ihm lieb sein kann. 


Auch gut 40 Jahre nach seiner Entstehung hat dieses Ausnahmewerk, das psychologische Einfühlung mit einer distanzierten, fast mechanischen Bildsprache verbindet, nichts von seiner Radikalität verloren.


LUKAS FOERSTER

Zu Beginn des Films sitzt sein Protagonist noch hinter Gittern, doch kaum in die Freiheit entlassen, überkommt ihn wieder der Drang zu morden. Eine resche Taxifahrerin schlägt ihn noch in die Flucht – was in einem gefühlt minutenlangen, atemlosen Tracking-Shot durch den Wald mündet, dem die Ankunft beim etwas abgelegenen Anwesen seiner zukünftigen Opfer folgt. Dieser Weg ist mehr als eine spektakuläre Kamerafahrt: Er macht den Bewegungsdrang des Protagonisten körperlich spürbar und die Kamera zu seinem unmittelbaren Begleiter. Kargl und der polnische Kameramann Zbigniew Rybczyński, der kurz zuvor für seinen animierten Kurzfilm Tango einen Oscar erhalten hatte, entwickeln dafür eine Sprache, die zwischen entfesselter Dynamik und beklemmender Präzision changiert. Die Bilder gleiten, rasen und kreisen, während Elektronik-Pionier Klaus Schulze mit seinem Soundtrack eine eigentümlich entrückte, pulsierende Atmosphäre schafft.

Gerade darin liegt ein Widerspruch, der Angst so einzigartig macht. Die Form ist virtuos und stellenweise fast berauschend, während das, was sie zeigt, abstoßend und kaum auszuhalten ist. Erwin Leder, der kurz zuvor als Obermaschinist Johann („Das Gespenst“) in Wolfgang Petersens Das Boot seinen Durchbruch gefeiert hatte, verkörpert den namenlosen Psychopathen mit einer beeindruckenden Mischung aus nervöser Energie und fast kindlicher Verzweiflung. Er redet, denkt, fantasiert und handelt – und zwischen diesen Ebenen zieht der Film kaum eine Grenze. Seine Taten erscheinen dadurch nicht als einzelne Höhepunkte einer Dramaturgie, sondern als Konsequenzen eines Gedankengangs, der sich immer weiter zuspitzt.

„This is as close as you’re likely to get to a real serial killer and survive“, heißt es in einer Besprechung des Films. Das Unheimliche an dieser Nähe liegt nicht ausschließlich in der gezeigten Gewalt. Kargl macht die Perspektive des Täters zur Perspektive des Films, ohne ihn dabei zu erklären, geschweige denn zu glorifizieren. Stattdessen lässt er die Frage nach Schuld und freiem Willen fast schon unangenehm offen. Diese Konsequenz macht Angst schwer erträglich. Heute sagt Kargl, er würde manches weniger deutlich zeigen, um die Vorstellungskraft des Publikums stärker zu beanspruchen. Dass der Film deshalb weniger verstören würde, darf bezweifelt werden. Seine Radikalität liegt nämlich woanders: Er bindet uns so nah an den Täter, dass zwischen Denken, Wollen und Handeln kaum noch Distanz bleibt.

 

* ist Programmleiter und Kurator im Filmarchiv Austria/METRO Kinokulturhaus.



Trailer 2026 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"