Archiv der Zukunft
Der Österreichische Film
Edition#400

Archiv der Zukunft

Joerg Burger /// 2023 /// Dokumentarfilm

92 min • Altersfreigabe: 0 • HD
Sprache: Deutsch, Audiodeskription
UTs: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Im Naturhistorischen Museum in Wien wird mit akribischer Energie gesammelt, geforscht, archiviert und reflektiert - mehr als 30 Millionen Objekte sind hier über die Jahrhunderte zusammengetragen worden, um sie immer wieder aufs Neue zu befragen.  ARCHIV DER ZUKUNFT bietet einen Blick hinter die Kulissen des traditionsreichen Museums, abseits der bekannten Schaukästen, und zeigt einen Mikrokosmos institutioneller Forschung, der sich den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen stellt. Eine  filmische Hommage an die Bedeutung der Wissenschaft und ein erkenntnisreiches Nachdenken über das Leben auf der Erde und darüber hinaus.

„Liebevolle Hommage an eine altehrwürdige, quicklebendige Institution.“ RAY FILMMAGAZIN

Besetzung  

MitarbeiterInnen des Naturhistorischen Museums Wien

Regie  

Joerg Burger
Drehbuch  

Joerg Burger
Kamera  

Joerg Burger

DVD EDITION #400

Archiv der Zukunft (2023) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Kaiserliche Sammlung

Joerg Burgers Museumsdoku „Archiv der Zukunft“

Susanne Gottlieb*


Grundlagenforschung für „all das, was da draußen vorhanden ist“, hat sich das Naturhistorische Museum (NHM) in Wien auf seine Fahne geschrieben. Es ist ein prestigeträchtiges Gebäude und zugleich ein kurioses Kabinett voller ausgestopfter Tiere, imposanter, auf Stahlstangen balancierender Dinosaurierskelette, mannigfaltiger farbiger Fossilien sowie kunstvoller frühgeschichtlicher Alltagsgegenstände.

Doch Grundlagenforschung, die keiner unmittelbaren Forschungsfrage dient, ist schwer zu legitimieren. Und so befinden sich die Angestellten des Museums, die Historikerinnen, Archäologen, Paläontologinnen, Geologen, Taxidermisten sowie Archivarinnen, die vom Filmemacher Joerg Burger bei ihrer Arbeit beobachtet werden, in einem stetigen Spannungsfeld zwischen der Mission, Wissen für die Nachwelt zu archivieren, und dem Mangel an Finanzierung.

Erstmals eröffnet im August 1889 im Auftrag von Kaiser Franz Joseph I. als k. k. naturhistorisches Hof-Museum, diente das NHM zunächst als Aufbewahrungsort für die kaiserlichen Sammlungen der Hof-Naturalienkabinette. Dieses kaiserliche Sammeln, das Mitbringen von Artefakten aus aller Welt, spiegelt sich in einer umfangreichen Sammlung von rund 30 Millionen Objekten. Das macht das NHM zu einem der bedeutendsten Naturmuseen der Welt und zum einzigen Evolutionsmuseum Europas.

Die Artenvielfalt der Objekte ist so ausgeprägt, dass zu Erkenntnissen über die Entwicklung und Selektion der Gattungen geforscht werden kann. 


„Die Artenvielfalt der Objekte ist so ausgeprägt, dass zu Erkenntnissen über die Entwicklung und Selektion der Gattungen geforscht werden kann.“


Von der alten, gediegenen Sammel- und Ordnungstradition im Geiste Carl von Linnés bis hin zu kritischen Fragen zur Kolonialität der Artefakte und der Komplizenschaft in nationalsozialistischer Eugenik-Pseudowissenschaft spannt sich hier ein weiter Bogen auf.

Stets mit respektvollem Abstand, jedoch immer mitten im Geschehen beobachtet Burger die Arbeitsprozesse: das Eingliedern von Schenkungen, wie etwa der Wildtiersammlung des verstorbenen Schullehrers Fritz Kincels, die DNA-Analyse jahrhundertealter Arten, wissenschaftliche Exkursionen in die Flora und Fauna Österreichs sowie wissenschaftliche Bohrungen rund um Hallstatt. Das energiegeladene, von Begeisterung geprägte Aufbauen neuer Skelette oder Präparate sowie die Frustration in den Archiven, wie viel Schlamperei sich nach all den Jahrhunderten in der Evidenz, also der schriftlichen Nachverfolgung der Lagerung der Exponate, noch findet.

Der Schnittpunkt zwischen unrühmlicher Vergangenheit und Ausblick auf die Zukunft, zwischen dem komplizierten Gedächtnis eines Museums und seiner Bedeutung als biodiverses Archiv für die Zukunft spiegelt sich wohl am besten in dem Moment, als die Venus von Willendorf ihren ersten Scan in hoher Auflösung erhält. In der berühmten steinzeitlichen Figur werden Muschelschalenreste entdeckt, geologische Analysen geben Aufschluss über die Herkunft der Figur. Ein Blick zurück, gepaart mit Erkenntnissen für die Zukunft. 


*Ist Kultur- und Filmjournalistin in Wien.




Liebevolle Hommage an eine altehrwürdige, quicklebendige Institution.


RAY FILMMAGAZIN

Evolution hinter Glas

„Archiv der Zukunft“ enthüllt das Naturhistorische Museum

Jakob Thaller


So einen 220 Millionen Jahre alten Plateosaurus aus der Obertriaszeit zusammenzubauen, ist kein einfaches Unterfangen. Behutsam muss man Wirbelknochen ineinanderfügen, Mittelhandknochen richtig positionieren, hämmern, schrauben und einfädeln.

„Der Dinosaurier wirkt zu känguruartig, mit seinem Schweif nach unten“, sagt jemand. Bis vor ein paar Jahrzehnten dachte man sowieso, der Plateosaurus sei ein Vierbeiner gewesen. Heute weiß man: Er ist auf zwei Beinen gelaufen. Morgen kann das die Wissenschaft schon wieder anders sehen.

Joerg Burgers Dokumentarfilm Archiv der Zukunft wirft einen Blick hinter die Kulissen des Naturhistorischen Museums in Wien, in dem über Jahrhunderte hinweg mehr als 30 Millionen Objekte aus den verschiedensten Zeiten und Orten angesammelt wurden. Da gibt es aufgespießte Käfer mit imposanten Geweihen in allen Farben und Formen, bunte Reptilien und Vögel sowie Glasbehältnisse, gefüllt mit konservierenden Flüssigkeiten und drachenartigen, längst ausgestorbenen Leguanarten.

Das Naturhistorische Museum hat sich der Grundlagenforschung verschrieben, die keinen Anwendungsbereich hat, außer Wissen zu kumulieren – und welches Wissen wir in Zukunft brauchen können, lässt sich nicht voraussagen. Der liebevolle Blick, den Joerg Burger auf diesen Mikrokosmos institutioneller Forschung wirft, ist ein ungewöhnlicher: Alles, was man sieht, ist tot. Als Mensch wird man damit konfrontiert, in welchem Verhältnis wir selbst zur Natur stehen, wie eingebunden wir in Prozesse sind, die größer sind als die Menschheit selbst. Das gesamte Haus spiegelt die Evolution wider. Weil die Naturwissenschaften dafür nicht ausreichen, muss man auch die Geisteswissenschaften ins Boot holen, um sich existenziellen Sinn- und Bedeutungsfragen anzunähern.

Archiv der Zukunft beschäftigt sich aber auch kritisch mit der Geschichte des Museums. Teile der Sammlung wurden in kolonialen Zeiten durch gewaltvolle Prozesse akquiriert. Diese Berge an Daten und Exponaten systematisch zu kategorisieren und zu archivieren, scheint ein nie endender Prozess zu sein. „Egal, wie viel Arbeit ich reinstecke, ich werde es nie schaffen“, sagt ein Museumsmitarbeiter an einer Stelle. Hier werden nicht nur prähistorische Arten konserviert, sondern auch Wissen – und das scheint ein nie endender, langwieriger und schwer verständlicher Prozess zu sein.

Dem Regisseur Joerg Burger ist ein Film gelungen, der das Vergängliche für die Nachwelt eindrucksvoll dokumentiert. Burger schafft es, mit seinem präzisen Blick auf das Museum, eine fast schon kindliche Begeisterung zu entfachen. Bei seiner Observierung des Konservierten hilft dem Regisseur von Dokumentarfilmen wie Elfie Semotan, Photographer seine Vergangenheit als künstlerischer Fotograf.

Die Sammlung des Museums wird wohl auch noch da sein, wenn wir längst verschwunden sind. Und wer weiß: Vielleicht wird der Mensch dann auch ausgestopft und in Schaukästen präsentiert. 



Trailer 2024 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"