Arena besetzt / Auf amol a Streik
Der Österreichische Film
Edition#368

Arena besetzt / Auf amol a Streik

Ruth Beckermann, Josef Aichholzer, Franz Grafl /// 1977/78 /// Dokumentarfilm

100 min • Altersfreigabe: 0 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Englisch, Französisch

Im Sommer 1976 besetzen tausende WienerInnen das Gelände des alten Schlachthofs. Nach ihrem Wunsch soll dort ein Jugend-, Kultur- und Kommunikationszentrum entstehen, doch die Politik verfolgt andere Pläne. ARENA BESETZT ist ein Dokument des zivilen Ungehorsams, das direkt aus dem Protest heraus entstand und heute einen zentralen Markstein für politisches Filmund Videoschaffen darstellt. Semperit Traiskirchen 17.4. – 11.5.1978: In der Reifenfabrik findet im Mai 1978 der einzige mehr als dreiwöchige Streik Österreichs seit Kriegsende statt. Mit Interviews, Fotos, Grafiken und einer Gesprächsrunde von Streikenden zeigt der Film den Verlauf des Streiks; er gibt Einblick in die Haltung der Gewerkschaft zwischen Nähe zu den Beschäftigten und Verpflichtungen gegenüber den Unternehmern. (FLORIAN WIDEGGER)

„Die Arena-Besetzung war eine Kulturbewegung, und sie scheiterte, das zeigt der Film der Videogruppe Arena ganz richtig, an der Uneinsichtigkeit der roten Wiener Kulturbürokratie.“

Regie  

Ruth Beckermann, Josef Aichholzer, Franz Grafl
Drehbuch  

Ruth Beckermann, Josef Aichholzer, Franz Grafl
Kamera  

Ruth Beckermann, Josef Aichholzer, Franz Grafl
ProduzentInnen  

Videogruppe Arena, Filmladen

DVD Box - Ruth Beckermann

Arena besetzt / Auf amol a Streik (1977) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Kräftespiele

Über „Arena besetzt“ und „Auf amol a Streik“

Bert Rebhandl*


Mir gengan nimma fort“, sangen 1976 die Menschen, die sich auf dem Gelände der Wiener Arena zusammengefunden hatten, um ein progressives Österreich auszuprobieren. Sie wandten sich damit auch gegen ein Privatisierungsvorhaben der Wiener Regierung, die das Areal einem Textilkonzern zuspielen wollte, ein typischer Fall städtischer Quasi-Korruption. Die Arena-Besetzung kann man heute als einen Schlüsselmoment auf dem Weg in eine liberalere, weniger autoritäre Gesellschaft in Österreich begreifen.

Unter den vielen Initiativen, die sich auf dem Gelände formierten, war auch eine Videogruppe, der sich ein bedeutendes Dokument verdankt: Arena besetzt. Unter den damaligen Mitwirkenden ist die Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann heute die bekannteste. In verwaschenen Bildern, die auch einen Eindruck von der Frühphase eines neuen Massenmediums geben, kann man sehen, wie in der Arena die Selbstorganisation betrieben wurde.

Zugleich ging es aber auch darum, jeden Abend ein großes Fest zu feiern. Zahlreiche Liedermacher treten auf, viele davon singen „Flugblattlieder“, zum Beispiel über die Chemie-Katastrophe im italienischen Seveso, ein anderer singt einfach eine Hymne auf das Schmusen. Gelegentlich erkennt man eine Figur der späteren Zeit- und Kulturgeschichte wieder, wie den jungen Willi Resetarits. 


„Die Arena-Besetzung kann man heute als einen Schlüsselmoment auf dem Weg in eine liberalere, weniger autoritäre Gesellschaft in Österreich begreifen.“


Die politischen Agenden, die unter den Arena-Besetzern diskutiert wurden (Chile-Solidarität, Gemeineigentum), fanden bald darauf einen Ausdruck in dem Dokumentarfilm Auf amol a Streik, mit dem die Intellektuellen aus der Stadt den Kontakt zu Werktätigen in Traiskirchen suchten. Die Arbeiter der Semperit-Werke machten damals erste Erfahrungen mit einem Phänomen, das später unter dem Begriff der Globalisierung bekannt wurde: Die österreichische verstaatlichte Industrie begann, unter dem Druck der Weltmärkte Fusionen mit internationalen Konzernen wie Michelin einzugehen.

In der Reifenherstellung in Traiskirchen mussten die „Wickler“ nun ihre gewerkschaftlich hart erkämpften Verbesserungen verteidigen, gegen ein fernes Management, aber auch gegen eine Gewerkschaftsführung in Wien, die sich nicht immer klar auf der Seite der Arbeitenden positionierte. In knapp 25 Minuten gibt Auf amol a Streik einen differenzierten Einblick in das Kräftespiel, das in Österreich unter dem Namen Sozialpartnerschaft lange zur Kernidentität der Zweiten Republik gezählt wurde und das in den späten 70er-Jahren unter Druck geriet.

1983 drehte Ruth Beckermann (noch gemeinsam mit Josef Aichholzer, ihrem Mitstreiter aus diesen Jahren) den Dokumentarfilm Wien retour, mit dem sie Arbeiterkultur und jüdische Geschichte verband. Ihre „linke“ Frühgeschichte muss als integraler Bestandteil ihres Werks betrachtet werden.


*Lebt als Autor und Filmkritiker (Standard, FAZ) in Berlin.




Die Arena-Besetzung war eine Kulturbewegung, und sie scheiterte, das zeigt der Film der Videogruppe Arena ganz richtig, an der Uneinsichtigkeit der roten Wiener Kulturbürokratie.


ARMIN THURNHER

Bilder von Beteiligten

Die Hintergründe von „Arena besetzt“

Gustav Ernst


Der Ausbruch in diesen exterritorialen Bereich der Arena fand in allen Klassen und Schichten und aus allen gesellschaftlichen und persönlichen Bereichen mit gleicher Vehemenz statt. Die Jugend war frech geworden, aufsässig, fordernd, politisch, offensiv und selbstbewusst – eine damals vollkommen neue und empörende Wiener Mischung.

Wie diese Mischung konkret aussah und drei Monate lang funktionierte, zeigt der Arena-Film sehr genau. In einzelnen Kapiteln werden mittels Fotos, Videos und Originalton-Mitschnitten die Forderungen der Arena – kein Abbruch, Kultur- und Kommunikationszentrum, Selbstverwaltung, Gemeindefinanzierung – und die charakteristischen Realitäten und Institutionen der Arena wie Vollversammlung, Veranstaltungen, Kinder- und Frauenhaus, Filmpalast, Öffentlichkeitsarbeit, gemeinsames Putzen, Kochen, Instandsetzen, Malen und Musizieren, Organisieren und Diskutieren und als Höhepunkt am Ende die entscheidenden und sehr erhellenden Verhandlungen mit der Gemeinde optisch und inhaltlich konzentriert und pointiert vorgeführt.

Das damals Neue, das gesellschaftlich und politisch Innovative der Arena-Bewegung, in der keine politische Partei und keine linke politische Gruppierung wie Trotzkisten oder Maoisten maßgeblich Einfluss und Bedeutung erlangten, wird in dieser strengen, analytischen Ordnung des Materials deutlich und klar, wobei die schön grindige Amateurvideoästhetik das charakteristische Arena-Flair, die charakteristische Arena-Lebens-, -Protest- und -Arbeitsstimmung plastisch vermittelt.

Aber der Film endet nicht mit den schockierenden Bildern der Caterpillar, welche die Mauern, in denen gerade noch reges Leben geherrscht hatte, zusammendebschten und wo inmitten des Trümmerfelds noch eine letzte Inschrift zu lesen ist – „Help me“. Sondern der Film endet mit den Bildern einer fröhlichen Demonstration gegen das AKW Zwentendorf: Was in der Arena nicht gelungen war, in Zwentendorf gelang es. Und anderes mehr gelang in der Folge, mit dem, was in der Arena 76 geübt und gelernt wurde ...

Arena besetzt, den Ruth Beckermann, Josef Aichholzer und Franz Grafl aus Amateur-Videoaufnahmen und Privatfotos kompiliert haben, zeigt Protesthaltungen, einen politischen Kampfhabitus und einen künstlerischen Kampfgestus, der heutigen Betrachtern mitunter altmodisch, pathetisch, angestrengt oder einfach naiv erscheinen mag. Es ist nicht nur der Blick aus der zeitlichen Ferne, der das bewirkt. Die einzelnen Einstellungen sind keine Inszenierungen, die den rebellischen Furor der Ereignisse für Außenstehende mit künstlerischen filmischen Mitteln deutlich und einsehbar machen wollten.

Die Bilder sind von Beteiligten gemacht, von Besetzern, von engagierten, von der Sache der Arena überzeugten und von ihrer Stimmung ergriffenen Mitkämpfern. Sie wussten genau, was sie sahen.



Kurzfilme - Ruth Beckermann über Arena besetzt (2007)

Trailer 2022 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"