B wie Bartleby
B wie Bartleby greift Herman Melvilles legendäre Erzählung auf und verwandelt sie in einen Filmessay über Erinnerung, Sprache und Widerstand. Ausgehend von Dialogen mit einem verstorbenen Gefährten lebt der berühmte Satz I would prefer not to in Stimmen und Gesten von Performer:innen, Jugendlichen, Rap-Musikern, Passant:innen und Gestrandeten neu auf – leise, beharrlich, zeitlos.
Beatrice Frey, Maxi Blaha, Anna Mendelssohn, Leopold von Verschuer, Alex Deutinger, Florian Tröbinger, Kevin Dooley u.v.m.
ÜBER DEN FILM
Bonus Track: Regisseurin Angela Summereder über "B wie Bartleby"
Kurator Florian Widegger über "B wie Bartleby"

Ein unlösbares Rätsel
Zum persönlichen Filmessay B wie Bartleby von Angela Summereder
Esther Buss*
Im Herman Melville House in Pittsfield, Massachusetts, ist vom Hausherrn nichts zu sehen, die Besucher und Besucherinnen werden von Elisabeth Melville empfangen. Wie so viele Freilichtmuseen in den USA vermittelt auch das Wohnhaus des berühmten Schriftstellers – Entstehungsort von Moby Dick und der Erzählung Bartleby, the Scrivener – Geschichte als „living history“. Das heißt, eine sogenannte „Interpreter“ versucht in der Rolle der Ehefrau Melvilles den historischen Kontext in die Gegenwart zu übersetzen. Zu erfahren ist etwa, dass Melville maßgeblich von seiner Frau und seinen Schwestern unterstützt wurde: Unzählige Stunden sollen sie als Kopistinnen verbracht haben. Schwer vorstellbar, was passiert wäre, hätten sie sich der passiven Widerstandsformel Bartlebys angeschlossen. Mit den Worten „Ich möchte lieber nicht“ („I would prefer not to“) lehnt der in einem Büro in der Wall Street angestellte Kanzleischreiber jede Tätigkeit ab.
Das „nicht ja und nicht nein“ Bartlebys bleibt bis heute ein Rätsel. In der Vergangenheit beschäftigte es zahlreiche denkende Menschen, darunter Gilles Deleuze, Slavoj Žižek – und Benedikt Zulauf. Sein ganzes Leben lang wollte der mittlerweile verstorbene Partner der Filmemacherin Angela Summereder Melvilles Erzählung verfilmen. Als eine Krankheit den Plan unmöglich machte, hinterließ er ihr die Realisierung als Erbe. Tonbandaufnahmen protokollieren den gemeinsamen Austausch über den Text. Für Summereder ist Zulaufs Ansatz zu viel „Denke“, zu sehr auf die Funktion des Fertigen gerichtet. „Aber was zeige ich, was sieht man?“, fragt sie, nun schon etwas ungeduldig. Filmemachen sei doch ein offener Prozess.
Summereder also versucht sich auf ihre Weise als „Interpreter“, ihre Adaption ist multidirektional und dabei auf dezente Weise feministisch perspektiviert. Ihr Ausgangsmaterial: 16 mm, Federkiel und Papier, die Erzählung als Sprechtext. Richtungsoffen driftet B wie Bartleby zwischen dokumentarischer Form, spielfilmhaften Miniaturen und Probenszenen, in denen Melvilles Text zwischen drei Schauspielerinnen zirkuliert.
Was sieht man? Eine Filmemacherin, die mit dem Auto zum Melville Museum fährt, parallel montiert mit einer anderen Autofahrt (Zulauf in Geschichtsunterricht von Straub-Huillet). Melvilles Schreibtisch mit dem Blick auf den Mount Greylock, Wald, Wildblumen und eine Eule. Stumme Kopisten in einem Bibliotheksraum und die frontal ins Bild gesetzten Schauspielerinnen beim Sprechen. Allmählich wandert der Text in andere Schichten sozialer Wirklichkeit. Junge Mädchen bringen Bartlebys Negation mit eigenen Erfahrungen zusammen, ehemalige Wohnungslose fragen nach dem Warum, zwei jugendliche Rapper bauen um die Hookline ihre eigene Geschichte. Summereders Film sucht nach Spuren und Widerhall und erkundet so, Bartleby nicht unähnlich, einen Zwischenraum. Er entscheidet sich dafür, das Rätsel lieber nicht zu lösen.
* ist Filmkritikerin und Autorin aus Berlin.
Ein subtiles Meisterstück.
DER STANDARD
Das Zuschneiden eines Gänsekiels
Angela Summereders B wie Bartleby spürt einem nach, der lieber nicht möchte.
Wer sich für das Schreiben im 19. Jahrhundert interessiert, beginnt am besten mit dem Zuschneiden eines Gänsekiels. Denn sehr viel weiter war man technologisch damals noch nicht, und riesige Meisterwerke der Epoche entstanden in einem Vorgang, in dem ein Tintenfass, ein Blatt Papier, eine Hand und eben eine Feder zusammenkamen. Moby Dick von Herman Melville zählt zu den berühmtesten dieser Wälzer, ein Buch wie ein Wal, wie es ja auch im Untertitel heißt: Moby Dick, the Whale. Deutlich kürzer ist dagegen seine Erzählung von Bartleby, dem Schreiber. Sie ist jedoch nicht minder substanziell. Viele halten sie für das zweite Hauptwerk von Herman Melville: Bartleby, the Scrivener.
„Das seh i no net“
Angela Summereder hat das Projekt einer Verfilmung dieser Geschichte quasi geerbt. Ihr früherer Lebenspartner, der 2017 verstorbene Benedikt Zulauf, hatte bis zuletzt Pläne für eine Adaption gewälzt. In seinem Kopf gab es wohl mehr als einen fertigen Bartleby-Film, in der äußeren Wirklichkeit aber blieb so etwas wie ein Auftrag. Summereder hat ihn angenommen, wenngleich auf ihre eigene Weise. Sie lässt in ihrem Film eine Tonbandaufnahme hören, aus der man schließen kann, dass Zulauf sich den Text von Melville auf eine sehr eigenwillige Weise passend gemacht hat. Ihr Kommentar dazu ist von bezwingender Lakonik: „Das seh i no net.“
Auch Bücher, die als schwer oder unmöglich verfilmbar gelten, lösen beim Lesen so etwas wie Bilder aus. Und Bartleby, der Schreiber stellt für Bearbeitungen eine beträchtliche Herausforderung dar. Denn die Geschichte ist spröde. Eine Bürogemeinschaft im 19. Jahrhundert, eine monotone Tätigkeit – das Erstellen von Dokumenten durch Abschrift –, und dann dieser eine Satz, mit dem Bartleby sich aus der Routine herausnimmt: „Ich möchte lieber nicht.“ Im Original: „I would prefer not to.“
Raum für Deutung und Philosophie
Das ist es im Wesentlichen. Und damit bleibt enorm viel Raum für Deutung und Philosophie. In diesen Raum geht Angela Summereder aber nur sehr langsam und mit Bedacht. Sie fährt zuerst einmal nach Amerika und sieht sich in Massachusetts das Haus von Melville an. Sie schaut auch bei dem Fenster hinaus, durch das der Autor von seinem Schreibtisch auf den Mount Greylock blickte. Und sie probiert aus, wie man mit einem Federkiel schreibt. Sie versetzt sich also so gut wie möglich in das schwierige Genie hinein, das Melville wohl war.
Dann aber macht sie sich frei von diesen Realien und zeigt das, was sie bei der Lektüre sieht. Angela Summereder, die erst vor wenigen Wochen – ausgehend von der Restaurierung von Zechmeister (1981) – auf der Viennale als große österreichische Filmemacherin wiederentdeckt oder bestätigt wurde, zeigt sich im Umgang mit der Autorität des Texts (und des Auftrags von Benedikt Zulauf) auf eine diskrete Weise souverän.
(Bert Rebhandl, 7.1.2026)












