Beatrix
Es ist nicht ungewöhnlich, wenn von Filmen behauptet wird, dass sie einen intimen Einblick in das Leben ihrer ProtagonistInnen geben würden. Damit ist oft eine psychologische oder körperliche Nähe gemeint. Im Fall von BEATRIX wird Intimität weitergeführt, sie wird so weit gedacht, dass man sich fragen muss, was Intimität eigentlich ist. BEATRIX zeigt einen weiblichen Körper. Es ist der Körper einer jungen Frau, die einige Zeit allein in einem Haus verbringt. Mehr erfährt man nicht. Sie kümmert sich ein bisschen um das Haus, langweilt sich, telefoniert und bekommt Besuch. Man denkt an die frühen Filme von Chantal Akerman und spürt eine ähnliche Fremdheit im Privaten. Es geht um nicht weniger als das unsichere Gefühl, lebendig zu sein. (PATRICK HOLZAPFEL)
„Von Nichtstun und ruhelosem Begehren: Ein bemerkenswertes Filmdebüt.“ DOMINIK KAMALZADEH, DER STANDARD
Eva Sommer, Katharina Farnleitner, Marthe de Crouy-Chanel u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Verweigerungstaktik
„Beatrix“ von Milena Czernovsky und Lilith Kraxner
Esther Buss*
Der Sinn eines Gymnastikballs liegt üblicherweise in seinem Gebrauch als Fitnessgerät oder auch Sitzgelegenheit, sehr effizient kann man damit an seiner Haltung arbeiten, an Beweglichkeit und Koordination. Sinn, Effizienz, Arbeit und Haltung sind nun aber genau die Begriffe, die der Existenzweise von Beatrix gänzlich fremd sind. Einen roten Ball, den sie beim Durchstöbern findet, benutzt sie wie ein träges Kleinkind die Rassel. Sie rollt damit durch den Garten, trommelt ein bisschen mit den Füßen darauf herum. All das tut sie mit einer Mischung aus Langeweile und verhaltener Neugierde.
Beatrix ist das Porträt einer jungen Frau oder vielmehr: das Porträt einer Serie von Handlungen, die diese Frau verrichtet, die meiste Zeit allein, unbeobachtet, mit sich. Zu den Umständen, die sie in dieses Einfamilienhaus in Wien mitten im heißen Sommer geführt haben, ist wenig bekannt. Sie hütet das Haus, ist irgendwo ausgezogen, hat aber noch keine neue Wohnung. Den im Raum stehenden gesellschaftlichen Erwartungen – „man kann sich (hier) total gut konzentrieren“, behauptet sie einmal am Telefon – begegnet Beatrix mit einem Rückfall in ein annähernd vegetatives Dasein.
Dabei ist Beatrix den ganzen Film über unentwegt beschäftigt. Sie schaut fern, liest Videotextnachrichten, testet die Dunstabzugshaube, probiert Kleider, putzt Backrohr und Klo, untersucht minutiös den Inhalt des Staubsaugerbeutels – und vernichtet Zeit.
„In leichtem Tonfall zeichnen Czernovsky und Kraxner eine Person, die nur wenig vom Abgrund entfernt ist und deren Tätigkeiten keinen Mehrwert bringen.“
Immer wieder auch stellt sie Dinge mit ihrem Körper an: Weintrauben in den Bauchnabel stecken oder Senf aus der Tube auf jeden einzelnen Finger drücken und anschließend abschlecken. Mitunter erinnert ihr sonderbares Tun an die Aufführungspraxis einer Performancekünstlerin, die von ihrem Gestaltungsreichtum selbst noch gar nichts weiß.
Ihr Debüt haben die jungen Filmemacherinnen Milena Czernovsky und Lilith Kraxner analog gedreht, auf 16 mm und im Bildformat 4:3. Durch den beengten Bildkader wird die Figur buchstäblich aus dem Kontext eines Gemeinwesens geschnitten. Dieses aber tritt im Laufe des Films in immer nachdrücklicherer Form in den vor Urteilen geschützten Lebensraum wieder ein: ein lästiger Anruf der Eltern, erwünschter und unerwünschter Besuch, eine Mitbewohnerin, zu der sie unbeholfen Kontakt sucht. Unsicherheiten scheinen durch, auch der Wunsch nach Verbindung und Nähe.
In leichtem Tonfall zeichnen Czernovsky und Kraxner eine Person, die immer nur wenige Schritte vom Abgrund entfernt ist und deren Tätigkeiten keinerlei Mehrwert abwerfen. Als Antwort auf die Anforderungen einer Leistungsgesellschaft lässt sich Beatrix jedoch ebenso wenig in den Dienst nehmen wie als feministisches Role-Model, das sich (männlichen) Erwartungen bewusst entzieht. Auch darin ist sie ganz Verweigerungskünstlerin.
*Lebt als Filmkritikerin und Autorin in Berlin.
Von Nichtstun und ruhelosem Begehren: Ein bemerkenswertes Filmdebüt.
DOMINIK KAMALZADEH, DER STANDARD
Trotzig prokrastinieren
Auf keine Rolle festlegbar: Über „Beatrix“
Dominik Kamalzadeh
Wer sich allein langweilt, entwickelt wunderliche Routinen. Der Raum füllt sich mit den Zeichen vergangener Tätigkeiten. Auf dem Couchtisch im Wohnzimmer bleibt zum Beispiel der Toaster stehen. Den braucht man am nächsten Morgen ja wieder. Daneben lümmelt Beatrix zu allen möglichen Zeiten, der Schlaf überwältigt sie wiederholt – es ist schließlich Sommer. Die Fernbedienung ist nur dazu da, das Gerät an- und auszustellen. Das Programm, von dem sich die junge Frau höchstens berieseln lässt, passt trotzdem gut dazu: eine Dokumentation über Wildtiere. Also noch ein „Naturzustand“.
Beatrix ist die Titelheldin von Milena Czernovskys und Lilith Kraxners bemerkenswertem Filmdebüt. Die beiden heimischen Filmemacherinnen erzählen von einer jungen Frau, die sich einen Sommer lang in einem Haus mit Garten einquartiert. Sie ist die meiste Zeit allein, ganz unbeobachtet. Sie lässt sich nicht gehen, rafft sich aber auch zu keiner besonderen Aktivität auf. Sie existiert, und Schluss.
Nicht einmal das Nichtstun folgt einem Zweck: Das ist keine Gegenreaktion auf unsere so eng getaktete Lebensrealität, kein Akt der Dekompression, der wieder funktionstüchtig machen soll. Nur mit einem abgetragenen T-Shirt und Unterhose bekleidet, füllt Beatrix die Räume mit der Präsenz ihres Körpers, in der sich das Banale mit dem Kreatürlichen verbindet. Eva Sommers leicht enthemmte, jedoch nie auf Äußerlichkeiten gerichtete Darstellung hält bravourös die Spannung.
Czernovsky und Kraxner – die eine studiert an der Angewandten, die andere an der Bildenden in Wien – haben mit ihrem völlig unabhängig auf die Beine gestellten Film 2021 gleich mehrere Preise eingeheimst. Eine Inspiration zum Film entstammte Ingeborg Bachmanns Erzählung Probleme, Probleme, in der die ebenfalls Beatrix benannte Hauptfigur eine Verweigerungskünstlerin ist, die schon profanere Dinge des Alltags „grauenvoll“ findet. Wichtig war den beiden Künstlerinnen aber vor allem der Austausch darüber, was man alles (nicht) tut, wenn man mit sich selbst beschäftigt ist.
Beispielsweise immer wieder den Kühlschrank nach Essbarem durchsuchen – und dann notfalls Senf auf jeden Finger! Obwohl Beatrix viel von seiner Originalität diesem Blick auf Handlungen und Körperbilder verdankt, die sonst im Verborgenen bleiben, leistet er noch mehr. Die Figur mag abstrakt angelegt sein, über ihre Routinen aus Körperpflege, Putzen, Herumfläzen und anderen Formen der Prokrastination offenbart sich aber auch ein trotziger Charakter, der sich auf keine Rolle festlegen will – oder kann.
Der Besuch einer Freundin, die überraschend mit männlicher Begleitung kommt, gerät zu einem komischen Höhepunkt des Films. Beatrix’ Vorfreude bekommt sichtbar einen Dämpfer, sie lässt den Gast spüren, dass er unerwünscht ist. Umso ausgelassener wird gefeiert, als sie sich gegen den Konkurrenten durchsetzt und die Frauen unter sich bleiben können.










