Canale Grande
Der Österreichische Film
Edition#365

Canale Grande

Friederike Pezold /// 1983 /// Avantgarde

88 min • Altersfreigabe: 0 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Englisch

„Dieser Undergroundfilm versteht sich als Protest gegen eine Normierung der Bilderwelt, als Aufforderung zur radikalen Subjektivität.“ (FRIEDERIKE PEZOLD)

CANALE GRANDE ist eines der geheimen Meisterwerke des österreichischen Kinos, ein Musterbeispiel von subversiver Filmkunst. In dieser Low-Budget-Arbeit hat die Protagonistin (von Regisseurin Friederike Pezold selbst gespielt) das konventionelle Fernsehen satt und erfindet ihre eigene, höchst persönliche Form des „Nahsehens“. Während Pezolds Handschrift durchaus zeitgenössische Frische aufweist, wohnt den atmosphärischen Stadtansichten eine berührende Zeitkapselqualität inne. (DIAGONALE-KATALOG 2021)

„Einer der originellsten Filme, die je in Österreich (ko)produziert wurden.“ CHRISTOPH HUBER

Der Film wurde vom Filmarchiv Austria auf Basis einer Original-Filmkopie aus der Sammlung des Österreichischen Filmmuseums digitalisiert. Mastering: Österreichisches Filmmuseum

Besetzung  

Friederike Pezold, Elfi Mikesch, Ebba Jahn, Hildegard Westbeld u.v.m.

Regie  

Friederike Pezold
Drehbuch  

Friederike Pezold
Kamera  

Elfi Mikesch, Wolfgang Pilgrim, Fritz Ölberg

DVD Edition # 365

Canale Grande (1983) - Avantgarde | watchAUT Film

Im Nahsehstudio

Friederike Pezolds kauzige Mediensatire „Canale Grande“

Esther Buss*


Den Fernseher ausschalten wäre zu einfach, mutlos, eine Kapitulation. Also übermalt die Protagonistin (von Pezold selbst gespielt) den Bildschirm, auf dem zu scheußlicher Volksmusik geschunkelt wird, mit schwarzer Farbe. So kann keine Scheiße mehr aus der Röhre kommen. Oder besser gesagt: Wenn schon Scheiße, dann die eigene – „mit eigenen Bildern, eigenen Tönen, nach einem eigenen Gesetz“.

Seit den späten 1960er-Jahren agiert Friederike Pezold an der Schnittstelle von bildender, Film/Video- und Medienkunst gegen die Normierung der Bilderwelt. Ihr Vorschlag in Canale Grande ist radikal subjektiv und überaus komisch. Unter dem Namen „Radio Freies Utopia“ (RFU) will sie ihr eigenes Programm machen, „Nahsehen“ statt Fernsehen, privat produziert und ganz ohne Oberleitung, weil die ja immer dreinredet. Doch erst mal müssen die Produktionsmittel herbeigeschafft werden.

Anfang der 1980er-Jahre nimmt die Videoüberwachung auch im öffentlichen Raum von Wien an Fahrt auf, Equipment gibt es also genug, es müsste nur ein wenig umverteilt werden. Nachdem Friederike erfolglos versucht, in Banken, Geschäften und Überwachungszentralen eine Kamera abzustauben, bittet sie auf dem Karlsplatz einen herumstehenden Polizisten um Hilfe beim Abschrauben des Geräts – und wird in die Nervenklinik geschickt. Wie alles nimmt sie auch diesen Ratschlag wortwörtlich, die Umstände geben ihr recht: Auch im Spital trifft sie auf Monitore und Kameras. 


„Die mediale Gegenwart kündigt sich in Friederike Pezolds Selbstinszenierungen bereits an – und könnte doch nicht ferner sein.“


Als ein in der österreichischen Kinogeschichte wenig gezeigtes Ausnahmewerk kommt Canale Grande selbst im Kontext der konzeptuell ausgerichteten Medienkritik seiner Zeit fast wie ein Querschläger daher. Mit anarchischem Witz und einer unbändigen Lust an der visuellen Gestaltung (die Künstlerin zeichnet auch für Kostüm, Ausstattung und Requisite verantwortlich) setzt Friederike Pezold der medialen Massenverblödung ihre kauzig-schillernden Bildfantasien entgegen.

Im heimischen Nahsehstudio ist alles möglich: Männer, die schwanger werden und Babys zur Welt bringen (die Künstlerin spricht sich immer wieder auch für Geschlechtergerechtigkeit aus), das Erscheinen des Antonin Artaud, Urlaub am Meer ohne Flugangst und lästige Sturmböen, sogar ein Leben nach dem Tod. In Form eines auf den Rücken geschnallten Gestells hat die Utopistin bald ein mobiles Fernsehstudio, das sie „von Wirtschaft zu Wirtschaft, von Wohnung zu Wohnung“ trägt, um für Bekannte und Unbekannte selbst gestaltetes Fernsehen zu machen. Sie müssen der Senderin nur nah sein. Wortwörtlich.

Die mediale Gegenwart kündigt sich in Pezolds Selbstinszenierungen bereits an – und könnte doch nicht ferner sein. Bei Radio Freies Utopia reicht notfalls auch ein einziger Zuseher, sei’s auch nur der Berg vor der eigenen Nase.


*Lebt als Filmkritikerin und Autorin in Berlin.




Einer der originellsten Filme, die je in Österreich (ko)produziert wurden.


CHRISTOPH HUBER

Modell und Maler: Pezolds feministischer Akt.


Bereits in den frühen 70er-Jahren wurde die Beschäftigung mit den neuen Medien – Video, Videoinstallation, TV und Videoskulptur – zur zentralen Thematik und künstlerischen Praxis von Friederike Pezold: „Zu meiner großen Freude stellte ich fest, (…) dass ich gleichzeitig vor und hinter der Kamera stehen konnte (was ich bei Film bisher nicht konnte). (…) Mit Video machte ich das bislang Unmögliche möglich: die Aufhebung der Trennung von Modell und Maler, von Subjekt und Objekt, Bild und Abbild.“

Diese Anschauung – Motor für viele feministische Performancekünstlerinnen, mit dem eigenen Körper eine originäre Selbstdarstellung zu erreichen – war auch für Friederike Pezold alias Pezoldo ein wichtiger Ausgangspunkt ihrer programmatischen Kunst.

Bereits 1977 präsentierte Pezoldo „Radio Freies Utopia“, das ihr ermöglichte, selbstgestaltetes Fernsehprogramm mithilfe eines auf dem Rücken befestigten Gestells persönlich „von Wirtschaft zu Wirtschaft, von Wohnung zu Wohnung“ zu tragen. Angeödet vom Scheiß im Fernsehen ersetzte sie es durch „Nahsehen“. Konsumentinnen und Konsumenten mussten der Senderin nah sein, persönlich anwesend sein. Aus den vielen Ideen für ihren TV-Kanal entstand mit der Kamerafrau Elfi Mikesch und weiteren Mitstreiterinnen der Spielfilm Canale Grande (1983).

Mit viel Witz und anarchischen Einfällen entwickelt sich ein Mosaik an trashigen und queeren Szenen. (...) Auch heute muss ich noch laut lachen, wenn Pezoldo ihrer Freundin ähnliche Fotos von Hotelanlagen mit Swimmingpool zeigt, um zu fragen, wohin sie denn auf Urlaub fahren wollen. Sie bleiben schließlich in den eigenen vier Wänden und in der Badewanne. Auch diese Aktion ist angewandter Widerstand.

(Brigitta Burger-Utzer, „Ray“)


In Internetzeiten fast noch subversiver


Canale Grande ist einer der originellsten Filme, die je in Österreich (ko-)produziert wurden. Weil er aber nur extrem selten zu sehen war, blieb er zugleich eines der geheimen Meisterwerke der heimischen Kinogeschichte – was vielleicht nur angemessen ist für ein Musterbeispiel von Film als subversiver Kunst.

Zur Eröffnung wird ein Fernsehbildschirm schwarz übermalt – im Geist der Protagonistin (von Pezold selbst gespielt) glitzert schon die Idee eines alternativen Mediums: Für ihr „Radio Freies Utopia“ will sie Fernsehen durch „Nahsehen“ ersetzen, „weil unpersönlich ist heute eh schon alles“. Frechheit siegt! Friederikes Wohnzimmer verwandelt sich in ein Heimstudio, in dem utopische Fantasien umgesetzt werden: Ein Mann bringt ein Baby zur Welt, die Reiseabenteuer passieren im Kopf, statt Testbild-Ereignislosigkeit gibt es absurde Performancefestspiele („Nixen beim Wixen“), und in einer Art Grabstein-TV wird sogar über das Leben nach dem Tod berichtet.

Während Canale Grande mit immer neuen Inszenierungsideen verblüfft, wird gegen die Gleichschaltung der Medien – „egal ob öffentlich-rechtlich oder privat“ – und die „Scheiße“, mit der diese das Publikum berieseln, agitiert: „Macht euren eigenen Scheiß!“

Das Visionäre von Friederike Pezolds verschmitzt-anarchischem Vorschlag ist in Internetzeiten noch augenfälliger geworden.

(Christoph Huber, Diagonale-Katalog 2021)



Trailer 2022 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"