Ciao Chérie
Telefonieren, Geld verschicken, Surfen — dafür kommen die Menschen in einen Wiener Callshop: Heimweh und Liebe, Sorge und Hoffnung, Zweifel und Ungewissheit — all das wird in den Telefonkabinen besprochen, wo Herkunft und Zugehörigkeit voller Widersprüche sind. Verbindung halten oder Abschied nehmen? — Nina Kusturica („Little Alien”) erzählt in ihrem Film vom Leben in der Fremde und von der Sehnsucht, Distanzen zu überwinden.
„Die Kombination von Sprache und Bild macht Räume auf, wo nur Gedanken wären. Räume, die größer sind als die Redezellen, die Beichtstühle, die Festhalteboxen, die Loslassungszimmer, die Intimitätskabinen der Einsam- und der Glückseligkeit. Wo nur gehört werden kann, wird jedes Wort bedeutend. Jeder Atemzug, jede Pause, jede Intonation.“ DIAGONALE
Nahoko Fort-Nishigami, Sikavi Agbogbe, Simonida Selimovic, Ayo Aloba, Dioma Mar Dramè, Esmat Azimi, Isabella Campestrini u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Flüchtige Gespräche
Nina Kusturicas Episodenfilm „Ciao Chérie“
Friederike Horstmann*
Nina Kusturicas Ciao Chérie ist ein Film über Sehnsüchte und Hoffnungen. Über Stimmen und Sprachen aus aller Welt. Über Ungewissheit, die das Leben vor allem in der Fremde mit sich bringt.
Kammerspielartiger Schauplatz ist ein kleiner Callshop im 16. Bezirk Wiens: In einer gläsernen Kabine telefoniert Mimi mit ihrer heimlichen Romanze in Italien. Samo mit seiner im Syrienkrieg zurückgebliebenen Verwandtschaft, die nur alle zwanzig Tage für kurze Zeit Strom hat. Reza mit seiner Familie in Afghanistan, die ihm die eigene Verlobung mit einer Landsfrau verkündet, während seine ahnungslose Wiener Freundin vor der Kabine rumalbert.
Alle Figuren verbindet in Ciao Chérie eine bestimmte Ausnahmesituation. Manch ein Schicksal bleibt dabei nur angedeutet. Wenige Worte skizzieren ein ganzes Leben. Kusturicas kluges Drehbuch gibt den Figuren viel Zeit für Unausgesprochenes und Unaussprechbares: Anrufe schlagen fehl, Kommunikation gerät ins Stocken, Verbindungen, die man halten wollte, reißen ab. Die episodenhafte Erzählstruktur eröffnet ein ganzes Arsenal telefonischer Praxen – hoffnungsvolles Warten oder sorgenvolles Bangen beim Wählen einer Rufnummer, generische Ansagetexte eines Anrufbeantworters oder verheißungsvolle Freizeichen, dann endlich jemand, dessen entfernte Stimme am anderen Ende erklingt, dessen Gesten und Gebärden aber im unsichtbaren Off verborgen bleiben.
„Als sprachliche Zentrifuge lässt das Telefon in Kusturicas „Ciao Chérie“ eine wunderbare Esperanto-Euphonie entstehen.“
Dramaturgisch fallen visuelle und akustische Informationen über das Gegenüber absichtsvoll auseinander. Die körperlose Stimme aus dem Apparat markiert eine Absenz. Durch spiegelnde Glasscheiben gefilmt, werden die Telefonierenden visuell isoliert und in den Kabinen eingekastelt. In langen Einstellungen verharrt die Kamera auf ihren Gesichtern – auch nach dem Auflegen. Oft ist ihr Gesichtsausdruck von entrückter Nachdenklichkeit, eine Träne rinnt über die Wange, die Augen blicken ins Leere. Mittels des Telefons wird versucht, die Trennung zu leugnen, doch die Distanz wird nie wirklich überwunden, sondern vielmehr offenbar.
Für ihren auf Recherchen basierenden Film versammelte die Regisseurin fiktionale Geschichten, schrieb durchdachte Dialoge und besetzte ihn vor allem mit Laiendarstellern, die in ihren jeweiligen Sprachen telefonieren. Als sprachliche Zentrifuge lässt das Telefon eine wunderbare Esperanto-Euphonie entstehen. Immer wieder wird ihr Film nicht nur durch dokumentarische Außenaufnahmen auf die Straßenfront des Geschäfts, sondern auch durch Wiegen- und Kinderlieder aus der jeweiligen Heimat der Telefonierenden interpunktiert. Ohne Instrumentalbegleitung gesungen, bekommen diese Stücke eine berührende Intimität. Leise Bitterkeit blitzt immer wieder in den Telefonaten auf: Die Sehnsüchte der Menschen sind flüchtig, ihre Beziehungen von bedenklicher Haltbarkeit.
*Lebt als Autorin und Filmwissenschaftlerin in Berlin.
Die Kombination von Sprache und Bild macht Räume auf, wo nur Gedanken wären. Räume, die größer sind als die Redezellen, die Beichtstühle, die Festhalteboxen, die Loslassungszimmer, die Intimitätskabinen der Einsam- und der Glückseligkeit. Wo nur gehört werden kann, wird jedes Wort bedeutend. Jeder Atemzug, jede Pause, jede Intonation.
DIAGONALE
Bei Anruf Sehnsucht
Beschränkung als Gewinn: Inszenierung in „Ciao Chérie“
Manche Menschen, die sich in Ciao Chérie in die Telefonkabinen zurückziehen, haben etwas zu verbergen – wie Mimi ihre italienische Affäre. Auch Reza, der afghanische Teenager, der sich telefonisch bei seiner Familie melden muss, führt seine österreichische Freundin in die Irre.
Andere wie die schüchterne Ange aus dem afrikanischen Togo versuchen das Heimweh zu bekämpfen: „Es ist nicht einfach, im Ausland zu leben“, sagt sie und spricht damit für die meisten Callshop-Kunden – für Amari aus Nigeria, der hofft, im Gespräch mit der Schwester seine Erinnerungen wiederzufinden, und auch für Larisa, die das Telefongeschäft führt, seit sich ihr Mann aus dem Staub gemacht hat.
Kusturica hat ihre dritte abendfüllende Regiearbeit fast zur Gänze im Inneren eines Callshops gedreht, wie sie trotz Mobiltelefonie nach wie vor in vielen Städten zu finden sind. Eine Beschränkung, die sich in erzählerischer wie in visueller Hinsicht als Gewinn erweist. Mit ausgeklügelten Einstellungen der spiegelnden Glasoberflächen im Geschäft vermittelt die Kameraarbeit von Michael Schindegger Raumgefühl. Nahaufnahmen erlauben die Konzentration auf die Nuancen in den Gesichtern der unterschiedslos formidablen Laien- und Profischauspieler, während Außenansichten das Geschäft in einem spezifischen Wiener Umfeld verankern und dem Film einen Tag-Nacht-Rhythmus verleihen.
Nicht ins Bild kommen jene Menschen, die angerufen werden. Umso mehr Gewicht kommt ihren Stimmen zu, aus deren Timbre wir herauszuhören versuchen, was keine Gesten verraten. In besonders schönen Sequenzen setzt Kusturica einzelne Callshop-Besucher schweigend in Szene, während wir sie im Off Lieder ihrer Herkunftsländer singen hören. Ein vielstimmiges Kaleidoskop wird so vollends zum Filmgedicht.
Karl Gedlicka im STANDARD vom 20.10.2018
Ciao Chérie ist ein Kammerspiel. Die wenigen Außenmotive, die den Ablauf strukturieren, zeigen die Geschäftsfront und die unmittelbare Umgebung, den Straßenzug mit Straßenbahn, ein gegenwärtiges, alltägliches, kulturell vielfältiges Wien. Der Film bewegt sich und uns aus diesen „gefundenen“ dokumentarischen Szenen immer wieder hinein in die „erfundenen“, narrativen Episoden im Shop. Diese basieren ihrerseits auf Recherchen und werden von einem Ensemble aus Schauspielern und Laiendarstellern stimmig verkörpert. Die Beschränkung auf den Innenraum wirkt nicht einengend, vielmehr funktioniert sie als Verdichtung, genau wie die Kameraarbeit: Aus dem Inneren des Geschäfts und seinen zart reflektierenden, zum Teil beweglichen Glasflächen werden sorgfältig komponierte, vielschichtige Bilder gebaut, die aufs Off verweisen. Das ist eine schöne Entsprechung zur ambivalenten Erfahrung des Telefonierens. Es verbindet räumlich weit voneinander getrennte Sprecher/-innen akustisch miteinander.
Isabella Reicher










