Club Zero
Seit jeher hat Jessica Hausner einen Blick für eindrucksvolle, konsequente Bildkompositionen. Das war in HOTEL oder LITTLE JOE so und ist auch beim rigoros stilisierten CLUB ZERO nicht anders. Mia Wasikowska spielt darin Frau Novak, die neue Lehrerin an einer englischen Privatschule, die ihren Schülerinnen und Schülern bewusste Ernährung beibringen will. Langsam, Bissen für Bissen, nicht so viel und schließlich immer weniger. Während die Situation so zunehmend außer Kontrolle gerät, stellt die Filmemacherin gesellschaftskritische Fragen über Konsum, sektenhafte Extreme und schlechte Essgewohnheiten in einer eigenartig entrückten Thriller-Satire. (Sascha Rettig, Viennale 2025)
„Wir rennen offenen Auges ins Verderben.“
Jessica Hausner
Mia Wasikowska, Sidse Babette Knudsen, Elsa Zylberstein, Mathieu Demy, Amir El-Masry u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Fanatischer Verzicht
Zu Jessica Hausners Schul- und Extremismusparabel Club Zero
Magdalena Miedl*
Der Trick ist, anders als die anderen zu sein, besser, reiner, eben ganz besonders. So funktioniert die Lehre der frisch angeworbenen Pädagogin Miss Novak, die an einer teuren englischen Privatschule „Conscious Eating“ unterrichtet, also „Bewusstes Essen“ – zur Begeisterung der Direktorin (gespielt von Borgen-Star Sidse Babett Knudsen) und der Eltern. Was sollte denn auch falsch daran sein, den Kindern die Schattenseiten von unkritischem Konsumismus zu verdeutlichen?
Das kameradschaftlich-ernste Charisma von Miss Novak, verkörpert von der Australierin Mia Wasikowska, kommt bei den Jugendlichen überraschend gut an, auch wenn die Motivationen der Schülerinnen und Schüler ganz unterschiedlich sind: Die einen wollen ihrem Körper Gutes tun, die anderen Selbstkontrolle erleben und wieder andere sogar die Erde retten, indem sie zunächst nur auf industrialisierte Nahrung und Fleisch verzichten. Doch was, wenn die Lehrerin, der die idealistischen Teenager anvertraut sind, Unheimliches im Schilde führt? Reicht es zunächst noch, einzelne Produkte wegzulassen, um Teil von Miss Novaks strengem „Club Zero“ zu sein, führt sie ihre Schülerinnen und Schüler Schritt für Schritt immer weiter weg aus ihren gewohnten Routinen, bis in den absoluten Fanatismus – und bis zur Selbstzerstörung.
Club Zero ist in Hausner-typisch klaren, intensivfarbigen Tableaus inszeniert – die Kamera führte Martin Gschlacht, das Szenenbild stammt von Beck Rainford. Auch die Dialoge sind artifiziell, was der Handlung eine utopische Atmosphäre verleiht; Wasikowskas Lehrerin agiert wie eine Sektenführerin. Dass Club Zero zum einen Essstörungen in teils plakativen Bildern schildert, zum anderen aber auch als drastische gesellschaftspolitische Parabel funktioniert, ist zugleich Reiz und Risiko des Films. Wie eine historische Pointe wirkt da rückblickend, dass Club Zero just zur Zeit der Corona-Pandemie gedreht wurde und während ihrer Ausläufer ins Kino kam, als Fragen von Solidarität, Gehorsam und Regelbruch ungeahnten und noch viele Jahre später gesellschaftlich nicht entschärften Sprengstoff bereithielten.
Dabei spinnt der Film ein Sujet weiter, das Hausner schon viele Jahre lang beschäftigt, nämlich das von freiem Willen und Manipulation: Wo etwa in der historischen Groteske Amour Fou (2014) Heinrich von Kleist sich selbst und eine passende Geliebte in einem romantisch überhöhten Wahn vom gemeinsamen Suizid überzeugen wollte und Little Joe (2019) im übersteuerten Science-Fiction-Setting die Auswirkungen von Psychopharmaka untersuchte, erkundet Club Zero den Einfluss einer verantwortungslosen Lehrerin auf begeisterungsfähige Schülerinnen und Schüler: eine Laborsituation, die vorexerziert, wie Extremismus entsteht – und rigoros aufzeigt, wo er hinführen kann.
* ist Filmkritikerin, Kulturjournalistin und Autorin in Wien.
Wir rennen offenen Auges ins Verderben.
JESSICA HAUSNER
„Ich bin es gewohnt, dass meine Filme Begeisterung und Ablehnung auslösen.“
In ihrem neuen Film greift Hausner heiße Themen an – und erklärt im Gespräch, warum Club Zero weniger von Essstörungen als von Radikalisierung handelt.
Zur Person: Jessica Hausner wurde 1972 in Wien geboren und zählt zu den bedeutendsten Filmregisseurinnen Österreichs.
STANDARD: Club Zero hatte in Cannes Premiere – mit gemischter Rezeption.
Hausner: Während der Filmpremiere in Cannes war es spannend zu sehen, wie das Publikum reagiert. Bei der Szene, in der eine Darstellerin ihre Kotze isst, gingen die Emotionen hoch. Dazu kommt der seltsame satirische Humor. Ich bin es gewohnt, dass meine Filme Begeisterung und Ablehnung auslösen.
STANDARD: Warum ist das so?
Hausner: Sie geben keine eindeutige Direktive vor. Manche lesen etwas Bestimmtes in den Film hinein, manche etwas anderes. Das ist zwar manchmal schwer auszuhalten, aber insgesamt muss ich zugeben: Das ist genau das, was ich mit meinen Filmen erreichen will.
STANDARD: Was war die Ausgangsidee?
Hausner: Die Manipulation der Gedanken. Das Thema begleitet mich schon lange. Ich finde es interessant zu sehen, wie sehr jeder Mensch in seiner oder ihrer eigenen Welt lebt, in der eben das richtig ist, was man selbst denkt. Außerdem ist mir aufgefallen, dass in letzter Zeit Radikalisierung zunimmt. Woher kommt es, dass Menschen wieder vermehrt zu bestimmten ideologischen Gruppen dazugehören wollen? Ist widersprüchliche Wahrheit so schwer auszuhalten? Das war der Ausgangspunkt zu meinem Film: Manipulation und Radikalisierung.
STANDARD: Sind Essstörungen auch ein zentrales Thema?
Hausner: Ich glaube nicht, dass der Film davon handelt. Eine Essstörung hat mit individuellen psychologischen Gründen zu tun, aber hier geht es darum, dass eine Gruppe einer Ideologie folgt und sich durch ihre Nahrungsreligion besser fühlt – und sich dadurch radikalisiert.
STANDARD: Worin besteht die Faszination, die Miss Novak auf die Jugendlichen ausübt?
Hausner: Es geht um die Möglichkeit, zu einer Gruppe dazuzugehören, die tatsächlich etwas zum Positiven verändert. Was Miss Novak behauptet, ist: Einerseits rettet man sich selbst, den Körper, indem man die gesündeste Version des Lebens wählt – nämlich nichts zu essen –, und zugleich rettet man die Umwelt.
STANDARD: Klimaaktivismus spielt also auch eine Rolle?
Hausner: Ja, das ist ein Grund, der die Jugendlichen in der Geschichte für die Radikalisierung empfänglich macht, und das ist ein Aspekt, den ich sehr gut verstehe. Ich denke auch, dass der Klimawandel eine Bedrohung ist, die auf diese Generation viel stärker zurollt als auf Leute wie mich, die 50 sind. Da verstehe ich, dass man in Panik gerät und wirklich durchsetzen muss, dass sich etwas ändert – und so auch zu krasseren Mitteln greift. (Interview: Valerie Dirk, 17.11.2023)
Vollständiges Interview hier: Regisseurin Jessica Hausner: "Der Zweifel ist das eigentlich Interessante" - Film - derStandard.at › Kultur










