Corsage
Weihnachten 1877: Es ist der 40. Geburtstag von Kaiserin Elisabeth von Österreich. In ihrer Rolle als Repräsentantin an der Seite ihres Mannes Kaiser Franz Joseph darf sie keine Meinungen äußern, sondern muss für immer die schöne junge Kaiserin bleiben. Um dieser Erwartung zu entsprechen, hält sie an einem rigiden Plan aus Hungern, Sport, Frisieren und täglichen Messungen der Taille fest. Doch Elisabeth ist eine wissbegierige und lebenshungrige Frau, deren Widerstand gegen das überlebensgroße Bild ihrer selbst wächst und die nicht länger in einem höfischen Korsett leben will.
CORSAGE wurde beim Filmfestival in London als Bester Film ausgezeichnet, die Hauptdarstellerin Vicky Krieps erhielt den Europäischen Filmpreis 2022 als Beste Darstellerin.
Österreichischer Filmpreis 2023: BESTE WEIBLICHE HAUPTROLLE /// BESTE KAMERA /// BESTES KOSTÜMBILD /// BESTES MASKENBILD
Vicky Krieps, Florian Teichtmeister, Katharina Lorenz, Jeanne Werner, Alma Hasun, Finnegan Oldfield, Manuel Rubey, Aaron Friesz u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Die Arbeit an sich selbst
„Corsage“ zelebriert Sisi vor bröckelnder Fassade
Florian Schwarz*
Weihnachten 1877 in der Wiener Hofburg. Kaiserin Elisabeth feiert ihren 40. Geburtstag und gilt fortan als „alte Frau“. Dass dies die für ihre Schönheit und Anmut bekannte First Lady Franz Joseph II. nicht unberührt lässt, ist offensichtlich. Und so handelt Corsage vor allem von den Erwartungen und Pflichten, die an Sisi gestellt werden, aber vor allem auch von jenen, die sie sich selbst auferlegt.
Das titelgebende Kleidungsstück dient dabei als offensichtliche Metapher für die Geißelung der Frau an sich, deren konkrete Vertreterin dem Ganzen jedoch auch immer wieder durchaus zugeneigt erscheint: etwa wenn sie ihre Hofdamen beim Binden anherrscht, „fester!“ anzuziehen, und sich an ihrem eingeschnürten Erscheinungsbild erfreut.
Zwar befindet sich die Anzahl der Sisi- Adaptionen bereits im zweistelligen Bereich, doch über allen thront die weltbekannte Sissi-Trilogie Ernst Marischkas aus den 1950er-Jahren. Zu diesem bekannten Bild der Kaiserin und ihres Umfelds steht Corsage deutlich in Kontrast: Denn hier tritt nicht mehr die verliebte, liebenswerte Jungmonarchin auf, sondern die erwachsene Kaiserin.
Dass diese weiterhin auf ihre repräsentative Funktion reduziert wird und sich auch ihre jugendlich verspielte Art erhalten hat, trägt zur Komplexität von Marie Kreutzers Porträt bei: Überschwang und Melancholie, Trotz und Versöhnlichkeit, Ausbruch und Heimkehr wechseln sich hier im Gewand alltäglicher Normalität beständig ab.
„Überschwang und Melancholie, Trotz und Versöhnlichkeit, Ausbruch und Heimkehr wechseln sich im Gewand alltäglicher Normalität beständig ab.“
Corsage zeigt die Konstruktion der Fassade dieser vergangenen Zeit mit ihrem althergebrachten Hofzeremoniell und neumodischen Massenmedien, die das Bild der Kaiserin im ganzen Reich und darüber hinaus verbreiten und denen keine noch so kleine Veränderung an ihrer Figur entgeht.
Regisseurin Marie Kreutzer geht offen damit um: einerseits im deutlichen Bewusstsein Elisabeths, dass sie gerne gewissen Normen entspricht, anderen nicht so sehr, und wie sie die Gewährleistung beider manchmal erfüllt, dann wieder nicht. Andererseits in der tatsächlichen Fassade der Filmkulisse, größtenteils alte Prunkräume, die jedoch an allen Stellen bröckelt und dezent von anachronistischen Elementen durchzogen ist:
Da hängt etwa ein Telefon an der Wand, im Flur steht ein Putzkübel aus grellem Plastik, gefochten wird unter Neonröhren in einem Raum, der sich dank Brandschutztüren mit Balkenöffner besonders gut zum grantigen Abtritt eignet. Selbst der prägnante Backenbart des Kaisers kann hier abgenommen und in einer verzierten Samtschatulle für entsprechende Anlässe verwahrt werden.
Die Gegenwart scheint in diesem porösen Historienfilm durch. Die Doppelmonarchie hat sich abgenutzt, ebenso die heimatfilmische Romantik um erbrechtlich bestimmte, superreiche Herrscher:innen von Gottes Gnaden. Die Behandlung solcher Stoffe jedoch keineswegs, wie Corsage beweist.
*Arbeitet am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Uni Wien.
Klug und sensibel studiert Marie Kreutzer den Ennui und die Unrast einer Monarchin, die sich mit der Passivität ihrer Rolle nicht mehr abfinden will.
DER STANDARD
„Ich hasse das Korsett“
Vicky Krieps im Gespräch mit Dominik Kamalzadeh über die dunkle Seite der Kaiserin.
ZUR PERSON: Vicky Krieps ist luxemburgische Schauspielerin. Für Corsage wurde sie 2022 bei „Un Certain Regard“ in Cannes und mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet.
Standard: Sie waren es, die Marie Kreutzer die Idee zu einem neuen Sisi- Film in den Kopf setzte. Erinnern Sie sich noch an die alten Filme?
Krieps: Ich bin in einem Hippie-Haushalt aufgewachsen, in dem nur Mick Jagger und Janis Joplin gespielt wurden. Meine Nachbarn waren jedoch anders, deshalb war es faszinierend und exotisch, dort einen Prinzessinnenfilm zu sehen. Etwa mit 14 habe ich eine Biografie über Kaiserin Elisabeth gelesen. Dabei bin ich über mehrere Dinge gestolpert. Ich spürte ein Mysterium. Sie lässt sich Fitnessgeräte bauen? Sie lässt sich nicht mehr malen? Das hinterließ bei mir ein großes Fragezeichen.
Standard: In Corsage begehrt die Kaiserin gegen ihr Bild auf. Wie spielt man so jemanden?
Krieps: Das war eine Berg-und-Tal- Fahrt, bei der mir oft schwindlig wurde. Es war anstrengend, in diese Elisabeth hineinzublicken. Und düster, richtig schwarz. Sisi rebelliert gegen ihr Bild, aber wenn ich sie mir aneignen möchte, muss ich natürlich das Gegenteil machen. Ich muss alles annehmen, auch das Schlechte an ihr. Das heißt, ich musste mich ihren Kaprizen und merkwürdigen Emotionen öffnen; auch dieser verschrobenen Sexualität.
Standard: Muss man die Figur mögen?
Krieps: Nein, aber ich sage immer: Die Figuren müssen zu mir reden. Sisi hat auch zu mir geredet. Ich weiß nicht, ob ich sie gemocht habe. Teile von ihr – vielleicht. Vor allem konnte ich sehr gut nachvollziehen, verstehen, warum sie in dieser Rolle so wurde. Ich selbst bin ganz anders. Ich habe letztes Jahr eine Grenzpolizistin gespielt, das ist auch weit weg von mir, aber nicht so weit weg wie die Sisi. Dieses Verhaltene an ihr, diese Kontrolle liegt mir normalerweise überhaupt nicht.
Standard: Kann man das nach dem Dreh überhaupt ablegen?
Krieps: Es war wirklich die Rolle, die mir bisher am meisten abverlangt hat. Körperlich, seelisch. Normalerweise gehe ich spazieren, in die Natur hinaus, und versuche, nichts zu tun zu haben, um abzuschalten. Hier gab es kein Entkommen. Ich war genauso gefangen in der Figur wie diese in ihrem Leben.
Standard: Dafür steht sinnbildlich das Korsett. Wie stark hat das Ihr Spiel mitgeprägt?
Krieps: Ich weigere mich, zu sagen, dass es meinem Spiel geholfen hat. Ich hasse dieses Teil so sehr! Es hat mich vor allem eingeschränkt. Meine Gefühle im Solarplexus etwa: Ich wurde sofort traurig, wenn ich das Korsett anhatte. Und wenn ich es abends auszog, habe ich angefangen zu lachen. Ich konnte es selbst kaum glauben. Das Korsett hat natürlich geholfen, diesen stummen Schrei, diese innere Verzweiflung zu formen. Es ist wie in der ersten Einstellung des Films: Es gibt ein langes Einatmen, auf das kein Ausatmen folgt. So war der ganze Dreh: Die Tränen, die Wut konnten nicht aus mir heraus.
Standard: Sie kamen auch immer als Letzte ans Set, um die Distanz zu den anderen zu betonen, richtig?
Krieps: Das habe ich mir am Anfang überlegt. Wie kann ich die Sisi behaupten? Ich, Vicky aus Luxemburg, diesem Bauernland. Ich musste also ein Feld um mich herum inszenieren. Auch um mich zu schützen, damit ich nicht ständig wen frage: „Geht’s dir nicht gut?!“ Ich nehme sonst ja alle in den Arm.










