Die Ausgesperrten
Der Österreichische Film
Edition#27

Die Ausgesperrten

Franz Novotny /// 1987 /// Thriller

93 min • Altersfreigabe: 16 • SD
Sprache: Deutsch

Ein Gymnasiast ermordet im Wien der späten 50er Jahre Schwester, Freund und Eltern. Fünf Jahre nach der skandalumwitterten „Staatsoperette“ und zwei Jahre nach seinem ersten großen Kinoerfolg „Exit… Nur keine Panik“ drehte Franz Novotny DIE AUSGESPERRTEN nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek, die auch das Drehbuch schrieb. Die katholische Filmkommission nannte Novotnys Film „formal beachtlich, die Fallstudie einer anarchistischen Gruppe lässt jedoch psychologischen Tiefgang vermissen.“ Ein kritischer Blick auf die österreichische Filmgeschichte lässt jedoch ein anderes Bild entstehen: „Mit der Farce gehen Brüche und Konflikte einher, die keine eingeübte Dramaturgie glättet: Franz Novotny hat Filme wie EXIT und DIE AUSGESPERRTEN gedreht, die dieser Farce und der Analytik, die sich daraus ergibt, nahekommen.“ ELISABETH BÜTTNER/CHRISTIAN DEWALD

„Gewissermaßen ein Heimatfilm. Das Problem mit Österreich ist, dass es in all seinen Regionen als Filmmotiv viel zu heimatlich aussieht.“ FRIEDRICH GEYRHOFER

Besetzung  

Paulus Manker, Rudolf Wessely, Emmy Werner, Ursula Knobloch, Alexandra Curtis, Christine Kaufmann, Karl Kröpfl u.v.m.

Regie  

Franz Novotny
Drehbuch  

Elfriede Jelinek
Kamera  

Karl Kases

DVD Edition # 27

Die Ausgesperrten (1987) - Thriller | watchAUT Film

Aufbruch ins Ungewisse

Schlüsselwerk des Austrofilms: „Die Ausgesperrten“

Bert Rebhandl*


Ein Hakenkreuzweg in Wien im Jahr 1959: Franz Novotnys Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman Die Ausgesperrten hat einen Prolog im Zeichen des Nazifilms. Aus dem Krieg hat Otto Witkowski (Rudolf Wessely) ein Holzbein und eine ungeheure Wut mitgebracht. Er schreit und prügelt auf seine Frau ein, in besseren Momenten gebraucht er sie als Fotomodell für seine SM-Inszenierungen.

Die Wut hat sich auf die Kinder übertragen. Rainer Maria „Burli“ Witkowski (Paulus Manker) ist ein Nihilist im schwarzen Pullover. Er schreibt Gedichte und exzerpiert die Philosophen, dabei interessieren ihn aber nur Stellen, nach denen alles erlaubt ist. Seine Schwester Anna spielt Klavier und erbricht sich häufig auf dem Klo. Bruder und Schwester wurden während des Krieges gezeugt, noch jetzt bilden sie eine Schicksalsgemeinschaft.

Zusammen mit der höheren Tochter Sophie Pachhofen und dem Abendmaturanten Hans Sepp sind sie die Ausgesperrten, die erste österreichische Generation nach dem Krieg, die nach einer Form für ihre Wut sucht. Sophie, die immer einen weißen Pelzmantel trägt, borgt sich die Wut bei ihren Freunden. Für sie sind die kleinen Übergriffe und Überfälle, mit denen Rainer sich über die „Durchschnittsmenschen“ hinwegsetzen will, nur ein Zwischenspiel. Sophie führt nicht nur das sexuelle Kommando, sie hegt auch – entsprechend ihrer Herkunft aus dem Milieu der Besitzer der Produktionsmittel – größere Pläne der Zerstörung, von denen sie aber jederzeit ablassen kann, wenn ihr etwas Besseres einfällt. 


„In Wahrheit agieren die Ausgesperrten bei all ihren Selbstversuchen und Mutproben nur ihre Aussperrung aus.“


Elfriede Jelinek, die am Drehbuch mitgearbeitet hat, tritt selbst als Lehrerin in Die Ausgesperrten auf. Sie versucht, Adalbert Stifter und das Jahr 1848 unter einen Hut zu bringen – schon damals war der Tod die einzige Form des Protests. Die Sexualität erscheint nur kurzfristig als Ausweg.

In Wahrheit agieren die Ausgesperrten bei all ihren Selbstversuchen und Mutproben nur ihre Aussperrung aus – der dreckige Wienfluss ist ihr Reich der Freiheit, hier können sie ein gestohlenes Moped anzünden und die Katze von Sophie ersäufen, an der Rainer in Wahrheit doch hängt.

In das kulturelle Durcheinander des Jahres 1959, als Jazz noch als „Negermusik“ galt und beim Schulfest Vivaldi gespielt wurde, bringen auch die Ausgesperrten keine Ordnung. Sie sind Aktionisten ohne Plan. Für den Anschluss an die ersten modernen Bewegungen in der Zweiten Republik kommen sie um den entscheidenden Moment zu früh. Das Stipendium für ein Jahr nach Amerika geht am Ende erst recht wieder an Sophie und nicht an Anna, die sich von diesem Aufbruch ins Ungewisse alles erwartet hatte.

Die Ausgesperrten – ein Schlüsselwerk des neuen österreichischen Films. Jelineks sprachliche Verfremdung holt Franz Novotny durch eine Inszenierung ein, die deutlich ins Absurde tendiert. Dem Nationalsozialismus wurde mit Verspätung der Garaus gemacht.


*Ständiger Mitarbeiter des Standard, lebt als freier Journalist in Berlin




Gewissermaßen ein Heimatfilm. Das Problem mit Österreich ist, dass es in all seinen Regionen als Filmmotiv viel zu heimatlich aussieht.


FRIEDRICH GEYRHOFER

Rebellen gegen die Enge

Amoklauf und Absurdität: „Die Ausgesperrten“


Wien, zu Beginn der 80er-Jahre. Nach einem endlosen Winterschlaf ist die Stadt zu neuem Leben erwacht. Exzentrisch gekleidete Jugendliche prägen das Straßenbild. Manche von ihnen haben gerade eine eigene Band gegründet und schreiben Songs mit deutschen Texten.

All die schönen Dinge, die früher Domäne der Amerikaner waren, können von nun an ebenso im eigenen kleinen Land hergestellt werden: Platten, modische Kleidung, und nicht zuletzt auch Filme. Schon kurze Zeit, nachdem das österreichische Filmförderungsgesetz in Kraft getreten ist, kommt es zu ersten repräsentativen Ergebnissen. Zeitgeistaktive Hochglanzmagazine sind voll mit Portraits über angehende heimische Stars und Branchen-Newcomer. Ganz an der Spitze wird das neueste OEuvre von Franz Novotny gehandelt: Die Ausgesperrten, nach einem Roman von Elfriede Jelinek: Ein junger Mann rebelliert als Verfasser morbider Gedichte und als Anführer einer Straßenbande gegen die stickige, kleinbürgerliche Enge der 50er-Jahre – und läuft Amok, als er die Hilflosigkeit seines Handelns erkennt.

Franz Novotny vermied es peinlichst, für das jugendliche Publikum aus Teds, Mods und Poppern attraktive, aber verlogene „Viennese-Graffiti“ in Bonbonfarben zu malen. Sein Stadtbild ist nicht von den Insignien und Ikonen einer flotten 50er-Jahre-Mode beherrscht, sondern vom Mief der Nachkriegszeit. Damit hat der Regisseur falsche Erwartungen auf kühne und ehrenhafte Weise sabotiert: „Mein erster Film Exit war ein großer Publikumserfolg, Die Ausgesperrten waren ein Presseerfolg, was nicht viel nutzte, weil ich ihn leider viel zu elitär gemacht habe. Bei meiner dritten Arbeit Coconuts habe ich versucht, eine spekulativ gemeinte Synthese aus beiden Filmen zu schaffen – In der Zwischenzeit weiß ich, dass man nie spekulativ denken, sondern immer nur das machen sollte, was man machen will.“

(Reinhard Jud, 1989 im Standard)

 

„Für Prosa wie Film Die Ausgesperrten trifft zu, dass der Klartext im Subtext zur Sprache kommt. Elfriede Jelinek und Franz Novotny bedienen sich bevorzugt des Vokabulars der Ironie.

An der vorgeführten Tragödie, die auf eine wahre Begebenheit Ende der Fünfzigerjahre zurückgeht, interessiert nicht der Einzelfall oder das konkrete Schicksal, sondern die Typologie, weil sie Aufschluss über die Geistesverfassung der Gegenwartsgesellschaft gibt. Elfriede Jelinek in Blauer Streusand: „Jeder, der glaubt, noch individuell handeln zu können, unterliegt einem grundlegenden Irrtum, meine ich. Man kann Personen ja eigentlich nur noch als Zombies auftreten lassen oder als Vertreter einer Ideologie oder als Typenträger oder als Bedeutungsträger oder wie man sie nennen will, aber nicht mehr als runde Menschen mit Freud und Leid und der ganze Käse, das ist vorbei, ein für allemal.“

(Yvonne Spielmann in Der neue österreichische Film, 1996 im Wespennest Verlag herausgegeben von Gottfried Schlemmer.)



Trailer 2006 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"