Die Einsiedler
Der Österreichische Film
Edition#317

Die Einsiedler

Ronny Trocker /// 2018 /// Drama

106 min • Altersfreigabe: 12 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch, Französisch, Italienisch

Albert (Andreas Lust) hat sein Leben lang auf dem abgeschiedenen Berghof seiner Eltern gewohnt, auch wenn sein Verhältnis zu seiner Mutter (Ingrid Burkhard) nicht immer leicht war. Als er im Tal einen Job im Marmorsteinbruch bekommt, bedeutet das für ihn notwendige Veränderungen, auf die sich der introvertierte, menschenscheue Mann nur schwer einstellen kann. Schließlich wird er sich entscheiden müssen zwischen der vertrauten archaischen, beinahe eremitischen Einsamkeit und einem fremden, riskanten Leben unter Menschen.

Ingrid Burkhard wurde beim Österreichischen Filmpreis 2019 als beste weibliche Hauptdarstellerin ausgezeichnet, Klemens Hufnagl für die beste Kamera, der Film für den Europäischen Filmpreis 2018 nominiert.

„Stark gespielt, toll fotografiert. Haneke am Berg.“ MICHAEL OMASTA, FALTER

Besetzung  

Ingrid Burkhard, Andreas Lust, Orsi Tóth, Hannes Perkmann, Peter Mitterrutzner, Georg Kaser, Johann Nikolussi, Anton Algrang, Christoph Griesser, Florian Eisner, Franz Fulterer, Hans-Peter Hallwachs u.v.m.

Regie  

Ronny Trocker
Drehbuch  

Ronny Trocker, Rolando Grumt Suárez
Kamera  

Klemens Hufnagl

DVD Edition # 317

Die Einsiedler (2018) - Drama | watchAUT Film

Vertikale Begrenzung

Ronny Trockers archaisches Bergdrama „Die Einsiedler“

Esther Buss*


Ein weißer Sarg wird den langen Weg hinunter ins Tal getragen, aus dem Trauerzug erklingt gedämpftes Ave-Maria-Gemurmel. Als die Gruppe schließlich an einer flachen Landstraße angekommen ist, zeigen sich im Hintergrund die Berge erstmals in ihrer erdrückenden Massivität.

In nur wenigen Bildern findet Ronny Trocker, der selbst in einem kleinen Bergdorf in den italienischen Alpen aufwuchs, zu den wesentlichen Motiven des Films: Endlichkeit und Tod, eine aus der Zeit gefallene Lebensweise, eine Archaik, die etwas Verknöchertes ausstrahlt. Etabliert wird zudem ein Spiel der Kontraste: dunkel und hell, steil und flach, oben und unten.

Die Einsiedler entfaltet sich entlang einer markanten Linie: einer Vertikale. Oben, auf einem einsam gelegenen Südtiroler Berghof, den keine Straße erreicht, leben die alten Eggers, Marianne (Ingrid Burkhard) und Rudl (Peter Mitterrutzner). Drei Kinder haben sie vor vielen Jahren durch eine Lawine verloren; Albert (Andreas Lust), der einzig verbliebene Sohn, arbeitet im Marmorsteinbruch. Mit Misstrauen schauen die Bergbauern aufs Tal, das nicht selten unter einer Nebeldecke verschwindet. „Lang hat sie’s nicht ausg’halten im Tal“ heißt es nur knapp zum Tod einer Bäuerin, die zuletzt unten, im Altersheim, lebte. Aber auch die Arbeiter haben ihr Urteil in Stein gemeißelt: „Ihr da oben seid nicht die Hellsten.“


„Trocker erzählt die Geschichte einer im Ableben begriffenen Lebensweise, die sich langsam zur Geschichte einer zögerlichen Ablösung konturiert.“


Wörtlich betrachtet – als Opposition zu dunkel –, ist an dem Satz ja durchaus etwas dran. Tatsächlich haben sich die Schroffheit der Berglandschaft, die harten Wetterbedingungen und die Isolation des Hofs ganz in den Egger’schen Körper und Habitus eingeschrieben: in ihre verwitterten Gesichter, in ihre versteinerte Körpersprache, ihre Wortkargheit. „Vom Reden krieg’ ich das Haus nicht warm“, meint Marianne einmal. Auch er tut sich schwer mit dem Reden. Die Gruppenrituale seiner Arbeitskollegen, ihre unausgesprochenen Hierarchien, machen ihm Angst. Ein Eremit ist Albert in den Bergen wie im Tal. Durchlässiger, das heißt weicher und heller, wird er allein in der Nähe der ungarischen Küchenhilfe Bóklárka (Orsi Tóth).

Trocker erzählt die Geschichte einer im Ableben begriffenen Lebensweise, die sich langsam zur Geschichte einer zögerlichen Ablösung konturiert, mit einer visuellen und dramaturgischen Kargheit, die der Umgebung nachempfunden ist. Bruchstückhaft wird die Erzählung aus der Natur und den Körpern der Darsteller herausgearbeitet. Man spürt die physische Anstrengung: wenn Albert den alten Rudl auf dem Rücken hochträgt oder wenn Marianne eine Milchkanne schleppt. Auf der Tonspur klingen schweres Atmen, das Geräusch der Schritte im Matsch, der prasselnde Regen. In Differenz zum Feuchten, Dunklen, Höhligen setzt der Film die glatten Oberflächen des Steinbruchs und die sterilen Räumlichkeiten einer Kantine. Zwischen oben und unten zerrissen, bleibt Albert am Ende nur ein Weg: die Horizontale.


*Lebt als Filmkritikerin in Berlin.




Stark gespielt, toll fotografiert. Haneke am Berg.


MICHAEL OMASTA, FALTER

Die Einsamkeit, die Monotonie und der Trotz

Michael Pekler, „Die Welt und ihr Wirken“, DER STANDARD, 29.1.2018


Der selbst in einem kleinen Bergdorf in den italienischen Alpen aufgewachsene Filmemacher Ronny Trocker weiß in seinem bemerkenswerten Spielfilmdebüt sichtlich, mit Land und Leuten umzugehen. Das zeigt sich zuvorderst an seinem geschulten Blick für Details, an einer Aufmerksamkeit für die scheinbaren Nebensächlichkeiten, die in dieser beinahe isolierten Welt das Tun und Wirken bestimmen: die rohen Steinmauern, die spürbare spätherbstliche Kälte. Vor allem aber auch an den Tönen und Geräuschen, die diesen von jeder musikalischen Untermalung befreiten Film wesentlich mitbestimmen. (...)

Was an Gefühlen da ist, das wird hier allerdings weniger unterdrückt, sondern scheitert an den fehlenden Worten, an einer gefühlten Unmöglichkeit des Ausdrucks. Die deutschen Untertitel zum Tirolerischen, das Ingrid Burkhard und Andreas Lust handwerklich akkurat sprechen, muten da beinahe wie ein schriftlicher Kommentar an.

Wie überhaupt Ingrid Burkhard diesen prägnanten Film über die Einsamkeit und den damit einhergehenden Trotz, die zur Monotonie erstarrte Routine und nicht zuletzt über die Schuld, die man sich schuldlos aufbürdet, in hohem Maße prägt.

Immer wieder beobachtet die Kamera von Klemens Hufnagl die körperlichen Anstrengungen dieser Frau, taucht ihr Gesicht zur Hälfte ins Dunkel, malt Chiaroscuro-Bilder, in denen die Hell-Dunkel-Kontraste die engen Räume beherrschen. Einmal fährt sie langsam an einer Wand entlang, um Burkhard dann endlich durch ein kleines, verschmiertes Fenster als winzige Gestalt zu erspähen. Es ist die Stille nach dem Schuss.


Starke Kontraste: Ronny Trocker über seinen Film

Auszug aus Katharina Wurzers Interview „Einsamkeit muss nicht immer negativ sein“ im Magazin „Subtext“


Sowohl das Leben auf dem Berg vs. das im Tal als auch die Moderne vs. die Tradition sind Gegensätze in deinem Film. Wie sehr tragen Kontraste „Die Einsiedler“?

Trocker: Sehr. Die Einsiedler ist als Kontrastgeschichte angesetzt. Mir war es wichtig, die Welten gegenüberzustellen, aber nicht gegeneinander abzuwägen. Ein Gegensatz ist zum Beispiel die Handarbeit auf dem Berg vs. das Maschinelle im Tal. Die Kontraste drücken sich auch visuell aus. Im Tal ist der Marmorbruch glatt, auf dem Berg ist die Landschaft braun-gelb. Die Orte kamen mit der Recherche, ich hatte sie bereits vor dem Dreh im Kopf. Der Sohn Albert ist in Die Einsiedler zwischen zwei Welten gefangen; die eine ist ihm vertraut, die andere bietet neue Möglichkeiten.

Können diese Gegensätze in „Die Einsiedler“ auch als Sinnbild für unsere Gesellschaft betrachtet werden?

Trocker: Die Geschichte ist zwar klar angesiedelt, aber universell. Diese Konflikte können in der Stadt genauso bestehen, etwa als Generationenkonflikt. Die Einsiedler hat etwas Hermetisches: Albert ist unter Tieren und mit den Eltern aufgewachsen, zugleich aber im Tal ein Einsiedler. Er trifft auf weitere Außenseiter wie die ungarische Küchenhilfe und Hilfsarbeiter. Spätestens hier kommt eine universellere Komponente hinzu.




Trailer 2019 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"