Die Kinder der Toten
Der Österreichische Film
Edition#312

Die Kinder der Toten

Kelly Copper, Pavol Liska /// 2019 /// Horror

90 min • Altersfreigabe: 12 • HD
Sprache: Deutsch, Audiodeskription
UTs: Englisch

Ein Super8-Ferienfilm wird zur Auferstehung der Untoten, heimatliche Idyllen werden gespenstisch untergraben: 2017 adaptierten Nature Theater of Oklahoma (Kelly Copper und Pavol Liska) beim „steirischen herbst“ Elfriede Jelineks Opus magnum, den Gespensterroman „Die Kinder der Toten“, an den Originalschauplätzen in der Obersteiermark. Als Performance wurde das Projekt 2018 mit dem Nestroy Preis prämiert. 2019 erhielt es u.a. den renommierten Preis der Internationalen Filmkritik.

„Dieser Stummfilm ist urkomisch, bissig, manchmal verwirrend, witzig und sicher auch etwas, mit dem nicht alle einverstanden sind. Aber das macht Kino aus: Wir müssen uneinig sein!“ JURYBEGRÜNDUNG FIPRESCIPREIS, BERLINALE FORUM 2019

Besetzung  

Andrea Maier, Greta Kostka, Klaus Unterrieder, Tamara Pregernigg, Lukas Eigl, Jula Zangger, Georg Beyer, Jasmin Karami, Ditz Fejer, Hans Windhaber, Eugen Gross, Heidi Gaidoschik u.v.m.

Regie  

Kelly Copper, Pavol Liska
Drehbuch  

Kelly Copper, Pavol Liska
Kamera  

Kelly Copper, Pavol Liska

DVD Edition # 312

Die Kinder der Toten (2019) - Horror, Avantgarde | watchAUT Film

Ein wilder Reigen

Heimatfilm als Zombiefilm: „Die Kinder der Toten“

Sven von Reden*


Alle paar Jahre machen Verfilmungen „unverfilmbarer“ Romane Schlagzeilen. Als Joseph Strick James Joyces Ulysses (1967) adaptierte, versuchte er möglichst nahe an den Originaldialogen und -handlungen zu bleiben; David Cronenberg fand dagegen in seiner Verfilmung von William S. Burroughs Naked Lunch (1991) einen Zugang zum Werk über die Einbeziehung der Biografie des Autors. Das New Yorker Paar Kelly Copper und Pavol Liska, besser bekannt als Nature Theater of Oklahoma, geht mit der Verfilmung von Elfriede Jelineks Die Kinder der Toten (1995) einen ganz eigenen Weg – der überraschend spielerisch und humorvoll ist.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Hauptwerk der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin in keiner englischen Übersetzung vorliegt. Die Lösung: Copper und Liska ließen sich das Buch nacherzählen und bauten darauf ihre Version auf – so war von Beginn an eine allzu sklavische Adaption ausgeschlossen. Als Theaterprofis, aber Filmneulinge gestaltete das Paar die Dreharbeiten zudem als eine Art Performance: Während des Steirischen Herbstes im Jahr 2017 waren Besucher und Einheimische eingeladen, im Film mitzuspielen. Hunderte machten mit. Das alles getreu dem Motto des Nature Theatre of Oklahoma, sich selber, ihren Performern und dem Publikum mit jedem Projekt eine neue, unmögliche Aufgabe zu stellen.


„Aus Jelineks einzigartigem Buch gegen Verdrängung und Vergessen wird ein ebenso origineller schwarzhumoriger Horrorfilm.“


Herausgekommen ist eine auf Super-8-Analogmaterial gedrehte anarchische Mischung aus Heimat- und Zombiefilm, aus B-Movie und Experimentalfilm, Stumm- und Musikfilm, die kongenial Jelineks postmoderne Verbindung von Schauerroman und avancierten Sprachspielen ins Filmische überträgt. Haupthandlungsort ist die Pension Alpenrose in einem steirischen Bergdorf. Gäste sind unter anderem eine alte Frau, die ständig ihre Tochter demütigt („Du bist nicht mein Typ, was Töchter angeht“), und dauernotgeile Rentner, die sich gerne zum Spaß Palatschinken-Masken auf die Gesichter legen und damit aussehen wie Jason aus den Freitag, der 13.-Filmen. Plötzlich steht auch noch zum Messfallen der Wirtin eine Gruppe syrischer Lyriker/-innen im Gasthaus, die glauben, dort werde ihre Landessprache serviert – schließlich trennt im Englischen „styrian“ und „syrian“ nur ein Buchstabe.

Eine fantastische Wendung nimmt der Film, als einige Gäste der Pension bei einem Ausflug ums Leben kommen und als Zombies wiederauferstehen. Und nicht nur die: Bald wimmelt es in dem idyllischen Alpendorf vor Untoten aus allen Epochen der österreichischen Geschichte. Plötzlich tanzen während des Nationalsozialismus ermordete Juden mit ihren Henkern in einem gruseligen Reigen. Und aus Jelineks einzigartigem Buch gegen Verdrängen und Vergessen wird ein ebenso origineller schwarzhumoriger Horrorfilm, der nie den Anspruch einer definitiven Literaturverfilmung erhebt, sondern eher den Spaß am wilden Fabulieren feiert.


*Lebt als Autor und Kurator in Köln.




Dieser Stummfilm ist urkomisch, bissig, manchmal verwirrend, witzig und sicher auch etwas, mit dem nicht alle einverstanden sind. Aber das macht Kino aus: wir müssen uneinig sein!


JURYBEGRÜNDUNG FIPRESCI-PREIS; BERLINALE FORUM 2019

„Der Blick der Aliens“

Dominik Kamalzadeh sprach mit Kelly Copper und Pavol Liska über ihren Film.


ZUR PERSON: Kelly Copper (48) arbeitet seit 1997 mit ihrem Partner zusammen. Mit „Life and Times“ waren sie mit dem Nature Theatre of Oklahoma mehrfach in Österreich zu Gast. Pavol Liska (geb. 1973) kam mit 13 Jahren aus der Slowakei in die USA. Sein mitteleuropäischer Geschmack habe laut ihm auch sein Theater geprägt.


STANDARD: Sie haben viel mit der Lokalbevölkerung zusammengearbeitet. Das wirkt fast wie die Erfüllung eines Traums aus den 1970er-Jahren: ein Theater der Kollaboration mit aufklärerischen Ideen.

Liska: Wir hatten allerdings nichts zu lehren! Das Ganze ist ein erzieherisches Projekt für uns selbst. Wir nähern uns nicht als Wissende, sondern als Unwissende, aus der Perspektive des Aliens.

STANDARD: Um ein Alien zu bleiben, darf man kein Experte sein. Sie haben den Roman gar nicht gelesen, weil er noch nicht übersetzt ist. Befreit das?

Liska: Wir haben immer mit bekannten Genres gearbeitet, weil das Erwartungen beim Publikum erzeugt. Das lässt uns mit ihnen „kämpfen“. Wir entscheiden, wie viel wir ihnen geben wollen.

Copper: Wir haben von einem Zombiefilm gesprochen, und es gab Leute, die nur aus diesem Grund mitgemacht haben. Claus Philipp, der Dramaturg, hat uns immer korrigiert, dass es Untote heißt. Aber Zombie ist low, Fernsehen, B-Movie.

STANDARD: In ihrem Roman schreibt Jelinek u. a. von der Fixierung auf den Tod, der aber auch ein soziales Miteinander formt. Konnten Sie mit dieser österreichischen Eigenart etwas anfangen?

Liska: Oh ja! Was wir in Österreich über die Jahre hinweg entdeckt haben, ist ein hoher Grad an Selbstwahrnehmung. Österreich präsentiert sich gegenüber der Welt als zivilisiertes Land – mit Mozart, dem Burgtheater, den Salzburger Festspielen. Kunst und Kultur werden mit großem Selbstbewusstsein dargeboten, zugleich gibt es jedoch den ganzen Mist darunter. Österreich wäre das ideale Projekt für David Lynch. Eine supersaubere Fassade, die den weißen Zäunen der Vorgärten amerikanischer Häuser gleicht. Darunter aber lauern Perversionen, Pädophilie und Mord – das Land ist am Spektrum menschlicher Erfahrungen angeschlossen.

STANDARD: Das heißt, die sogenannten „Nestbeschmutzer“ wie Jelinek sehen eigentlich das ganze Bild?

Liska: Die Nestbeschmutzer sind die Nationalidole. Sie sind die Helden, die das ganze Spektrum nach außen kehren. Das gibt es in anderen Ländern nicht in dieser Intensität, was wohl auch an Freud, Musil und Doderer liegt – jedenfalls nicht in Amerika. Während wir das Drehbuch schrieben, dachten wir auch an all die Grausamkeiten, die man Native Americans oder Schwarzen angetan hatte. Es gab einen Holocaust in Amerika, den niemand so nennt.

STANDARD: Der Film geht mit politischen Themen allerdings nicht moralisch um – Sie spielen etwa komisch mit der Verwechslung von „Styria“ und „Syria“.

Liska: Wenn wir mit Klischees über Österreich hantieren oder über die politische Situation in Syrien, versuchen wir uns selbst nicht als gute Menschen zu porträtieren. Es geht vielmehr darum, so tief zu graben, bis man seine eigenen finsteren Motive und Tendenzen findet. Ganz tief drinnen bin auch ich ein Rassist. Ich will als Künstler kein besserer Mensch sein. Ich habe keinen einzigen syrischen Flüchtling zu mir nach Hause genommen und auf meiner Couch schlafen lassen. Meine moralische Empörung habe ich bisher nur durch Worte ausgedrückt.



Trailer 2019 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"