Die Klavierspielerin
Gleich drei Hauptpreise heimste die österreichisch - französische Koproduktion DIE KLAVIERSPIELERIN von Michael Haneke beim Filmfestival Cannes 2001 ein: Neben den Darstellerpreisen für Isabelle Huppert und Benoît Magimel wurde die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Elfriede Jelinek auch mit dem Großen Preis der Jury bedacht. DIE KLAVIERSPIELERIN – das ist Erika Kohut (Isabelle Huppert), die am Konservatorium Klavierunterricht erteilt und mit ihrer dominanten Mutter (Annie Girardot) zusammen wohnt. Ihre unterdrückte Sexualität lebt sie in voyeuristischen Streifzügen durch Peepshows und Pornokinos sowie in masochistischen Akten der Selbstverstümmelung aus. Doch eines Tages setzt es sich ihr Schüler Walter Klemmer (Benoît Magimel) in den Kopf, seine Lehrerin zu verführen ...
„Film suggeriert, dass alles, was ist, berechenbar sei. Aber jedes Leben, auch das eigene, vergeht, während man sich noch diesen oder jenen Film auf der Leinwand anschaut.“ ELFRIEDE JELINEK
Isabelle Huppert, Benoît Magimel, Annie Girardot, Anna Sigalevitch, Susanne Lothar, Udo Samel u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Mit Distanzsinn
Isabelle Huppert überzeugt als „Klavierspielerin“
Cristina Nord*
Der Blick der Erika Kohut ist ein Starren, so ungerührt, dass man sofort versteht, warum im Auge der Distanzsinn wohnt. Manchmal geht dieser Blick durch die Menschen hindurch, manchmal bieten sie ihm mehr Widerstand, dann will er sie durchbohren. Kaltem Begehren gibt er Ausdruck, einer Lust, der alles Körperliche fehlt. „In ihr rührt und regt sich weiter nichts. Doch schauen muss sie trotzdem.“
Erika Kohut ist die Hauptfigur in Die Klavierspielerin, einem 1983 erschienenen Roman von Elfriede Jelinek, und sie ist die Hauptfigur des gleichnamigen Filmes von Michael Haneke. Zur Konzertpianistin hat sie es nicht gebracht, deshalb unterrichtet sie, autoritär und eifersüchtig aufs Talent ihrer Schüler. Obwohl sie „auf das Ende der Dreißig“ zugeht, teilt sie mit der Mutter Wohnung und Schlafzimmer. Dass die Tochter nichts tut, was der Mutter missfällt, darauf achtet diese mit Eifer. Das gilt vor allem für Kontakte zum männlichen Geschlecht. Trotzdem treibt sich die Tochter herum, geht in Peepshows, lässt sich mit einem Schüler ein.
Gut kann all dies nicht ausgehen, dafür bürgt Elfriede Jelinek. Hat sie doch ein Faible für Frauenfiguren, die sich selbst ins Unglück setzen. Sie tun dies aus eigener Dummheit, nicht aber aus eigenen Stücken. Es sind die Verhältnisse, die es nicht anders gestatten. Also schneidet sich Erika Kohut mit einer Raiserklinge in ihr Geschlecht, peinlich bedacht, dass kein Tropfen Blut in der Badewanne ihr Tun verrät.
„Isabelle Hupperts Gesicht wirkt oft, als sei die Haut aus Milchglas: eine Fläche, hinter der die Figur unwiderruflich isoliert ist.“
Haneke besetzt diese Rolle mit Isabelle Huppert. Das ist sein Glück. Denn die Distanz, die Erika Kohut zwischen sich und die Menschen packt, diese Distanz ist wie geschaffen für Isabelle Huppert. Deren Gesicht wirkt oft, als sei die Haut aus Milchglas: eine Fläche, hinter der die Figur unwiderruflich isoliert ist. Einmal, als sie der männlichen Hauptfigur eine ihrer Unterwerfungsfantasien eröffnet, nehmen ihre Wangen einen roten Ton an. Die Färbung lässt sich als Zeichen von Erregung lesen, als ein entferntes Gefühl, das wie versiegelt unter der Hautschicht liegt.
Haneke opfert in der Verfilmung vieles, was im Roman prominent ist: etwa den Diskurs über Geschlechterrollen. Der rauscht durch den Text, damit niemand auf den Gedanken kommt, Leid und Bosheit der Erika Kohut seien Privatsache.
Doch diese Verfehlungen gehören zwangsläufig zu einer Literaturverfilmung, sobald es sich bei der Vorlage um einen Text von solcher Qualität handelt. Hanekes Film wiegt es auf. Es gelingt ihm, die neurotischen Kurzschlüsse und Fehlschaltungen zwischen Schauen, Fühlen, Berühren und Berührtwerden sowohl als Sujet zu behandeln, als auch sie in der Interaktion zwischen Leinwand und Zuschauerauge zu evozieren. Zu diesem Zweck erzählt er manchmal psychologischer, als es Jelinek gefallen könnte. Er täuscht die Möglichkeit von Empathie an, nimmt diese aber anschließend zurück. Manchmal ist das qualvoll. Aber schauen muss man trotzdem.
*Filmredakteurin der „taz“.
Film suggeriert, dass alles, was ist, berechenbar sei. Aber jedes Leben, auch das eigene, vergeht, während man sich noch diesen oder jenen Film auf der Leinwand anschaut.
ELFRIEDE JELINEK
Liebhaber von Glatteis
Die frostigen Bilder des Michael Haneke
Claus Philipp
Ich begebe mich gerne aufs Glatteis, sonst wird mir langweilig“: die lakonische Selbsteinschätzung eines Filmemachers, der frostige (Sprach-)Bilder schätzt. Als „Trilogie der emotionalen Vergletscherung“ bezeichnete Michael Haneke bekanntlich jene drei Spielfilme, mit denen er international bekannt und – wegen seiner eher rigiden Welt- und Medienanschauung – umfehdet wurde.
Der siebente Kontinent (1989), Bennys Video (1992), 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls (1994): Allesamt wurden diese mit kühler Distanz zu entfremdeten Protagonisten und Lebenswelten gedrehten Werke in Cannes präsentiert – wie später auch der (derzeit für Hollywood neu verfilmte) Antithriller Funny Games (1997), Hanekes erste französische Produktion Code inconnu (2000), sein Endzeit-Drama Wolfszeit und sein 2006 akklamierter Thriller Caché. Der vielleicht größte Erfolg war aber wohl im Mai 2001 der Große Preis der Jury für Die Klavierspielerin und die Auszeichnungen für die Hauptdarsteller Isabelle Huppert und Benoît Magimel.
„Er ist ein Regisseur, der Schauspielern durch seine Sicherheit und präzise Vorbereitung immensen Schutz bietet“, meinte Huppert an der Croisette über Haneke, dessen erste Einladung zu Funny Games sie noch ausgeschlagen hatte. Und so beliebt Haneke, 1942 in München als Sohn von Schauspielern geboren, bei seinen Akteuren ist, obwohl er sie quälend exponiert, so sehr liegt wohl seine größte Fertigkeit in der Arbeit vor den jeweiligen Drehs.
Hanekes Präzision bei der Konstruktion von Drehbüchern gestattet es ihm, am Set selbst Risikos zu vermeiden. Geschult wurde er in diesem konzeptiven, sprachlichen Handwerk nicht zuletzt bei literarischen Stoffen, die er vor allem in den 70er- und 80er-Jahren für das deutschsprachige Fernsehen inszenierte: Ingeborg Bachmanns Drei Wege zum See etwa oder Peter Roseis Wer war Edgar Allan?.
Die Klavierspielerin ist ein wenig dieser Periode zuzuordnen: Haneke hatte die Adaption von Elfriede Jelineks Roman vor Jahren für Paulus Manker geschrieben, der den sperrigen Stoff eigentlich mit Kathleen Turner in der Titelrolle verfilmen wollte.
Isabelle Hupperts Triumph in Cannes dürfte sichergestellt haben, dass Haneke mühelos noch mehrere internationale Stars engagieren wird können. Das Remake von Funny Games dreht er etwa mit US-Superstar Naomi Watts. Obwohl: Sein Englisch sei ziemlich schlecht, meinte der Regisseur und Autor einmal. Er werde wohl weiter bevorzugt zwischen Österreich (Wohnorte: Wiener Neustadt und Wien) und Frankreich pendeln.
Dass Haneke unter seinen Vorbildern neben Robert Bresson wiederholt Ingmar Bergman genannt hat, ist im Zusammenhang mit Die Klavierspielerin nicht ohne Reiz. Von Bergmans langjähriger Lieblingsschauspielerin Liv Ullmann, die 2001 der Jury in Cannes vorstand, gewürdigt worden zu sein, dürfte ihn besonders gefreut haben.










