Die Theorie von Allem
Johannes Leinert reist mit seinem Doktorvater (Hanns Zischler) zu einem physikalischen Kongress ins Hotel Esplanade in den Schweizer Alpen. Ein iranischer Wissenschaftler soll hier einen bahnbrechenden Vortrag zur Quantenmechanik halten. Doch der Redner, von dem nichts weniger als eine Theorie von Allem erwartet wird, verspätet sich und die feine Gesellschaft fristet die Zwischenzeit mit geistreichen Dinnerpartys und eleganten Ski-Ausflügen. Eine geheimnisvolle Pianistin (Olivia Ross) zieht Johannes in ihren Bann, doch etwas stimmt nicht mit ihr. Sie weiß Dinge über ihn, die sie gar nicht wissen kann. Als einer der deutschen Physiker auf monströse Weise ums Leben kommt, treten zwei Ermittler auf den Plan, die einen Mord vermuten. Während bizarre Wolkenformationen am Himmel auftreten, verschwindet die Pianistin spurlos und Johannes gerät auf die Spur eines Geheimnisses, das tief unter dem Berg Wurzeln geschlagen hat.
Jan Bülow, Olivia Ross, Hanns Zischler, Gottfried Breitfuß u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Im Bann der Weltformel
„Die Theorie von Allem“ ist ein kinoverliebter Sci-Fi-Mix
Karl Gedlicka*
Ein Roman statt einer Dissertation. Als der nicht mehr ganz junge Johannes Leinert 1974 mit seinem Buch in einer deutschen Talkshow aufschlägt und mit Nachdruck behauptet, es handle sich bei seiner Vielweltentheorie keineswegs um Fiktion, erntet er vor allem Gelächter. Bevor er seinen Auftritt im TV-Studio abbricht, lässt er das Publikum noch wissen: „Letztlich geht es darum: In welcher Welt leben wir? Gibt es noch andere Welten?“
Nach diesem Prolog kippen die verwaschenen Farbbilder von Timm Krögers unglaublich reichhaltigem Film Die Theorie von Allem in kristallines Schwarz-Weiß und führen zurück ins Jahr 1962. Bei einem Kongress in den Schweizer Alpen sollen bahnbrechende Erkenntnisse der Quantenmechanik verkündet werden. Der von Jan Bülow zwischen Manie und Weltmüdigkeit verkörperte Doktorand Leinert hat indessen selbst eine „Theorie der universellen Wellenfunktion“ in der Tasche. Für den skeptischen Doktorvater Julius Strathen (Hanns Zischler) handelt es sich dabei bloß um „Wahrscheinlichkeitsgeschwurbel“, dessen Widersacher Prof. Blumberg (Gottfried Breitfuß) wittert nicht weniger als Nobelpreispotenzial.
Während die Tage im Berghotel Esplanade – gedreht wurde unter anderem im Südbahnhotel am Semmering – zwischen Warten, Skifahren und Tanzabenden vergehen, tauchen dunkle Männer mit Hut, kosmische Strahlungen und bizarre Licht- und Wolkenphänomene auf. Kinder verirren sich, es öffnen sich geheimnisvolle Stollen, und tot geglaubte Menschen scheinen ins Leben zurückzukehren.
„Das Wiederentdecken der vielen enthaltenen Spurenelemente macht Spaß, notwendig für den Filmgenuss ist es keineswegs.“
Mit der gleichen lebenslangen Besessenheit, mit der der Doktoranwärter einer Weltformel hinterherjagt, wird er fortan Karin (Olivia Ross) suchen, eine Barpianistin, die so mysteriös verschwindet, wie sie aufgetaucht ist.
Thomas Manns Der Zauberberg, Franz Kafka und Erich Kästner lassen in Die Theorie von Allem allesamt grüßen. Während die bestechenden Bilder von Kameramann Roland Stuprich die von harten Kontrasten geprägte Welt des Film noir evozieren, wird auch auf billige italienische Genreproduktionen angespielt. Chris Markers Sci-Fi- Juwel La Jetée hallt wider, vor allem aber wird raffiniert Alfred Hitchcock zitiert. Diego Ramos’ kongeniale Musik oszilliert dabei zwischen der Grandezza klassischer Hollywoodproduktionen und den schön unheilschwangeren Klängen Bernard Herrmanns.
Das Wundersame an Die Theorie von Allem ist, wie stimmig all diese Versatzstücke zu einer fesselnden Geschichte zusammengefügt sind. Das Wiederentdecken der vielen enthaltenen Spurenelemente macht Spaß, notwendig für den Filmgenuss ist es keineswegs.
Während ähnlich gelagerte Science-Fiction-Thriller am Ende oft über hanebüchene Erklärungen stolpern, fängt Timm Krögers Film die durchaus steilen Thesen mit einer klugen Rahmenerzählung ab, die nicht weniger reizvoll ist als die Haupthandlung. Die Theorie von Allem führt damit vor, wo sich Fiktion und Realität aufs Schönste mischen lassen: in der wunderbaren Traummaschine Kino.
*Ist Kulturredakteur beim STANDARD.
Ein Film wie eine Wundertüte mit – vor allem – ästhetisch beeindruckender Füllung.
NDR
Skifahrende Physiker
Timm Krögers Kino-Hommage „Die Theorie von Allem“
Bert Rebhandl
Wichtige Einfälle kommen gern plötzlich. Aus heiterem Himmel. Beim Filmemacher Timm Kröger entstand auf diese Weise „innerhalb weniger Sekunden“ ein ganzer Film. „Es fühlte sich an wie eine Eingebung, so eine Erich-Kästner-Idee von skifahrenden Physikern, die ich vor Augen hatte. Ein Schwarz-Weiß-Film, ganz klar, und der sollte Die Theorie von Allem heißen.“ Das erzählte Kröger im August 2023, noch vor der Weltpremiere seines Films auf dem Festival von Venedig.
Es sind keine ganz alltäglichen Physiker, die Kröger auf die Piste schickt. Es sind echte Originale, wobei die beiden Kapazunder Strathen und Blumberg für das Wedeln im Tiefschnee ein bisschen zu gravitätisch sind. Nur der Doktorand Johannes Leinert schnallt sich die Bretter an.
Man ist zu einem Kongress zusammengekommen, es ist das Jahr 1962. Der junge Leinert ist dabei, weil er tatsächlich eine „Theorie von Allem“ parat hat. Sie ist ihm im Traum eingefallen. Sein Doktorvater Strathen ist skeptisch, der deutlich auf Kriegsfuß mit der Zunft stehende Blumberg hält es für möglich, dass Leinert den Durchbruch zu den allerletzten Dingen geschafft hat.
Wo für Kröger die letzten Dinge zu finden sind, wird bald klar. Die Theorie von Allem ist vor allem ein Film über das Kino. Der Soundtrack macht auf großes Hollywood, und überhaupt hat man das Gefühl, in der dünneren Luft der Schweizer Berge in einen großen Möglichkeitsraum einzutreten. „Der Film handelt von einer Paranoia, die sich mit Echos aus unserer Kultur verbindet“, erzählt Kröger. „Wir haben es mit einer Figur zu tun, die erfährt, dass sie vielleicht selbst ihr eigener falscher Doppelgänger ist. Entspricht das nicht einer fundamentalen Erfahrung?“
So wird Physik wieder praktisch. Man kann aus dem kleinen Schöpfungsgeschehen eines Einfalls auf das Ganze eines Multiversums gehen.
Wesentlich ist für Kröger der „jüdische Exodus“, der „als eine zivilisatorische und kulturelle Katastrophe eine Rolle spielen“ musste. „Unsere Figur Karin – so schemenhaft sie im Film erscheint – steht vielleicht für viele, die verloren gegangen sind.“ Karin ist als Barpianistin in dem Nobelhotel in der Schweiz gegenwärtig, aber auch mit einem Grabstein auf einem jüdischen Friedhof in Hamburg.
Man sieht der Theorie von Allem an, dass er mit Lust an der Pulp Fiction konzipiert wurde, aber dass ein großer Ernst dahinter-steckt. Auch die Wahl der Schauspieler unterliegt speziellen Kriterien. „Die Figuren sind ja alle so ein bisschen wie in Tim und Struppi, also Comictypen, mit sehr einfachen Strichen gezeichnet. Den ganz fantastischen Österreicher Gottfried Breitfuß – für die Rolle des Blumberg – mochte ich, weil er eine Wärme und doch etwas Gebrochenes in den Film bringt, wie eine Reminiszenz an Heinz Erhardt, an diesen verschwitzten Nachkriegsgestus.“
So lustvoll und offensiv wie bei Kröger wird nur noch selten das „klassische“ Kino der Vierziger- und Fünfzigerjahre heraufgerufen.










