Die Vermieterin
„Nix mit Kunst, nix mit selbstständig, nix mit Haustier“ – so lauten die drei goldenen Regeln bei der Wohnungssuche. Schauspielerin Johanna erfüllt diese nicht wirklich und träumt trotzdem von den eigenen vier Wänden. Eigentlich hat sie diese schon gefunden, wäre da nur nicht ihre garstige Vermieterin, die mit hinterhältigsten Methoden den Preis nach und nach in die Höhe treiben will … Nach 3FREUNDE2FEINDE und 1 VERABREDUNG IM HERBST beweisen Sebastian Brauneis und seine von uns längst lieb gewonnene Filmfamilie aufs Neue, dass sich Krise und Kreativität nicht ausschließen – wenn man es nur richtig macht. So wie in diesem „Wohnungsmarkt-Krimi und Mietrecht-Musical“, das uns irgendwie alle angeht, gedreht mit wenig Kohle, dafür mit umso mehr Schmäh und Charme. (FLORIAN WIDEGGER)
„Prekariat trifft High Snobiety: Mit No-Budget-Charme und Witz.“ DIAGONALE
Marlene Hauser, Margarethe Tiesel, Michou Friesz, Lukas Watzl, Christian Hauer, Edi Mayr, Laura Hermann, Max Thienen, Philipp Hochmair, Voodoo Jürgens u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Preiskampf von oben
„Die Vermieterin“ rechnet mit der Gier des Mietmarkts ab
Jakob Thaller*
Wir leben in einem Wien, in dem würdiger Wohnraum zum Luxusgut geworden ist. Regisseur Sebastian Brauneis hat das am eigenen Leib erfahren. 2022 wurde er aus seiner Wohnung delogiert und war daraufhin selbst rund ein Jahr lang unfreiwillig auf Recherche für einen neuen Film. Aus eigenen Erfahrungen und Geschichten, die jeder wohnende Mensch kennt, hat er mit kleinem Budget einen ganz großen Film geschaffen. Die Vermieterin ist trotz seiner ernsten Thematik schamlos lustig und rechnet mit jenen ab, die den Klassenkampf von oben führen.
„Nix mit Kunst, nix mit selbstständig, nix mit Haustier“, das sind die drei goldenen Regeln des Vermietertums. Als angehende Schauspielerin hat Johanna Grundeis (Marlene Hauser) bis auf das Haustier also alles, was man als Mieterin gar nicht haben sollte. Auf ihrer Scrolling-Odyssee durch die gängigen Immobilienportale wird sie fündig – aber mit dem Einzug in die Traumwohnung beginnen die Probleme erst. Vermieterin Liliane Schrankinger (Margarethe Tiesel) und der schmierige Immobilienmakler Mario Graf haben es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, ihr das Wohnen mit allen dreckigen Tricks zur Hölle zu machen.
Leistbarer Wohnraum, das ist eines der großen Themen unserer Gegenwart. Mit geistreichen Einfällen und einem charmanten Ensemble zieht uns Brauneis hinein in seinen sehr österreichischen Wohnungsmarkt-Krimi. Die diabolischen Pläne zur Mietpreiserhöhung bespricht Frau Schrankinger, die Eigentumswohnungserbin, mit ihrer ebenso boshaften Freundin Frau Körner (Michou Friesz) auf dem Tennisplatz.
„Nix mit Kunst, nix mit selbstständig, nix mit Haustier“, das sind die drei goldenen Regeln des Vermietertums.“
Gespräche, die wohl so oder so ähnlich wirklich in den Tennisstüberln dieses Landes stattfinden. Auch in dem satirisch überzeichneten Immobilienmakler Graf (wunderbar schmierig: Lukas Watzl) steckt ein Mensch, dem man im Alltag begegnen könnte, genauso wie im niederträchtigen Anwalt Winter („nicht Herr Winter, Doktor Winter“). Und Johanna, gegen die sich alle verschworen haben, will einfach nur wohnen und träumt sich am liebsten in die Nouvelle-Vague-Filme der 1960er.
Auch Brauneis verneigt sich in Die Vermieterin vor der Filmgeschichte und ganz großen Vorbildern, wie Jean-Luc Godard, François Truffaut und Agnès Varda. Visuell wird das dann oft experimentell. Ganz selbstverständlich werden animierte Sequenzen eingeschoben oder die vierte Wand durchbrochen. Wie bei der ORF-Show Sendung ohne Namen, bei der Brauneis sein Handwerk gelernt hat, prasselt ein assoziativer Bilderregen auf das Publikum ein. In Gastauftritten wackeln dann noch Liedermacher Voodoo Jürgens oder der Schauspieler Philipp Hochmair durchs Bild. Sein kaum vorhandenes Budget kompensiert Die Vermieterin mit Ideenreichtum und einem eingespielten Team, dem man die Leidenschaft fürs Filmemachen ansieht. Daraus ergibt sich eine urkomische Parabel – die gleichzeitig mit hoher gesellschaftspolitischer Relevanz besticht.
*Ist Kulturredakteur beim STANDARD.
Prekariat trifft High Snobiety: Mit No-Budget-Charme und Witz.
DIAGONALE
Adressen machen Leute
Sebastian Brauneis’ Sozialposse „Die Vermieterin“
Michael Wurmitzer
Es gibt Stimmen in der Branche, denen ist es ein Dorn im Auge, dass wir unsere Filme trotz geringen Budgets umsetzen können“, sagt Filmemacher Sebastian Brauneis. Humor und eine kritische Haltung ziehen sich durch seine Filmarbeit. „Das Argument lautet, wir würden den Markt kaputtmachen. Ich bin der Meinung, ein Markt ist bereits mehr als kaputt, wenn Filme wie unsere und deren Machart ihm gefährlich werden können.“
Grund des Gesprächs mit dem Wiener Regisseur ist der Kinostart seines neuen Spielfilms Die Vermieterin – den er wie-der einmal günstig gemacht hat: um 45.000 Euro. Er handelt von der jungen Johanna (Marlene Hauser), die am überhitzten Wiener Wohnungsmarkt an die hinterfotzig-freundliche Frau Schrankinger (Margarethe Tiesel) gerät. Während die mehrfache Immobilienbesitzerin mit dem grellen Lippenstift ihrer Freundin (Michou Friesz) beim Cocktail am Tennisplatz vorjammert, wie man von 3900 Euro Pension leben soll, wird sie Johanna ein Heidengeld abknöpfen. Mehr noch: Ihr windiger Makler (Lukas Watzl) und der skrupellose Anwalt (Thomas Frank) sind zu allerlei kriminellen Aktionen bereit.
Das Thema Wohnraumsuche betrifft viele, auch Brauneis, der Idee zur Vermieterin hat das Nachdruck verliehen. Vieles hat er bei Besichtigungen selbst erlebt, anderes von Freunden gehört und in der Recherche bei der Mietervereinigung erfahren: unangemessene Fragen nach der Familienplanung oder nach Krankheiten, Diskriminierung, eingeschleuste Bewerber, welche die Preise hochtreiben. In Die Vermieterin wird ein Motivationsschreiben gefordert. Ja, warum will man wohnen?
Sein Büro an der noblen Adresse Dominikanerbastei hat das Studio Brauneis nur, weil er die Vermieterin kenne und diese nicht ihren Profit maximieren wolle. „Es ist interessant, wie man bei manchen Kontaktaufnahmen besser behandelt wird, wenn man eine Adresse mit der Postleitzahl 1010 hat“, sagt er. Selbst wenn sein Film sich in 90 chaotischer werdenden Minuten im kleinsten Kreis dreht, hat Brauneis Größeres im Blick. Alle, die er kennt, zahlen zu viel fürs Wohnen, sagt er. Gerade die „Mitte-konservativen Parteien, die als letzte Retter des vielbeschworenen Mittelstands auftreten“, müssten reagieren.
So markig wie die Reden des 45-Jährigen sind auch seine Filme. Hollywoods Bombast-möglichkeiten interessieren ihn nicht, und hätte er mehr Budget, würde er vorher seine Kollegen bezahlen und erst dann lustige Kostüme kaufen und arge Locations mieten.
Bei der Diagonale wurde seine Wohnraumsatire im März 2023 begeistert aufgenommen. Flotten Witz hat Brauneis schon bei der Sendung ohne Namen und später bei Willkommen Österreich und der Serie Bösterreich bewiesen. 2017 drehte er den ersten Spielfilm Zauberer mit Florian Teichtmeister. Am bekanntesten wurde er dann, als er sich ins ZiB 2-Studio setzte und seinem Ärger über den Umgang der heimischen Filmbranche mit dem Fall Florian Teichtmeister Luft machte: Viele hätten etwas gehört, keiner etwas gesagt.










