Die Verwundbaren
„Tichat ist einer der wenigen Regisseure Österreichs, in deren Arbeit die Auseinandersetzung mit der filmischen Moderne – speziell mit der Nouvelle Vague – deutliche Züge hinterlassen hat. Auch in kulturhistorischer Hinsicht ist der Film interessant: Er greift das Thema einer Liebe zwischen zwei Männern auf, zu einem Zeitpunkt, als homosexuelle Handlungen in Österreich unter Strafe standen.“ DIETMAR SCHWÄRZLER
„Die Figuren meines Films sind authentisch; ich habe nur den Konflikt etwas verschärft, weil jede künstlerische Aussage einer Umwandlung der Realität bedarf…“ LEO TICHAT
Frank Debray, Kim Dimon, Christine Prober, Leo Tichat, Krista Stadler, Herbert Fux, Herta Dinhobel, Johanna Fürst, Vera Nerman, Karl Peter Höss, Charlotte Artner u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Müßiggänger
Nouvelle Vague viennoise: „Die Verwundbaren“
Isabella Reicher*
Im Zentrum der Erzählung steht eine Clique junger großstädtischer Müßiggänger: der Lebemann Timo und sein Freund Bobby; Lou, die zuerst die Geliebte des einen war und nun inständig den anderen will, der jedoch seinerseits nur ein Abenteuer sucht; die arglose Lilly, in der die Männer ein Spielzeug sehen; der unglückliche Julian, der Axel liebt, und diesen an die Verführungskunst seiner Stiefmutter verliert. Ihre Zeit verbringen sie mit weiteren Gleichgesinnten in Cafés, mit Flanieren oder auf wilden privaten Festen.
Viel von der Stadt rückt dabei ins Bild: Wien, die Gegend um die Oper oder in Stadtparknähe. Die (erotischen) Spannungsverhältnisse zwischen den Frauen und Männern liefern den dramatischen Treibstoff: Eine/r stört immer („Muss Timo überall dabei sein?“). Und immer wieder wird durch sein oder ihr Auftauchen eine ohnehin labile Beziehung zwischen Zweien (mutwillig) hintertrieben. Bis das gelangweilte, spielerische Treiben am Ende Opfer fordert.
Der Film mit dem Titel Die Verwundbaren ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum Beispiel wegen seiner semidokumentarischen Stadtansichten, die ohne touristische Anhaltspunkte auskommen. Oder aufgrund seiner ästhetischen Nähe zu den Erneuerungsbewegungen des europäischen Nachkriegskinos: Die französische Nouvelle Vague ist ein Referenzpunkt, aber genauso gut fühlt man sich auch an I Vitelloni oder an Arbeiten von Jean Cocteau erinnert.
„Eine/r stört immer. Und immer wieder wird durch sein oder ihr Auftauchen eine ohnehin labile Beziehung zwischen Zweien hintertrieben.“
Leo Tichat, Maler und Architekt, Anfang der 1950er-Jahre Mitinitiator eines Avantgardestudios bei der Schönbrunn-Film und immer wieder an Arbeiten von Herbert Vesely beteiligt, wechselt in seinem einzigen Spielfilm zwischen dynamischen Aufnahmen an Originalschauplätzen und stilisierten Einstellungen, die in ihrer forcierten Inszenierung (und Statik) wie Fotografien wirken. Vom tiefen Schwarz abstrahierter Räume heben sich Körper, Körperdetails und vor allem die Gesichter der Akteure ab. Posen und Habitus schreibt der Film seinerseits dem Kino zu („Machen die das immer so? Aus welchem Film haben sie das?“). Der Cool-Jazz von Erich Kleinschuster intoniert dazu ein Lebensgefühl.
Die Verwundbaren entstand im Jahr 1965, als eine von nur neun österreichischen Produktionen, darunter Männer in den besten Jahren erzählen Sexgeschichten (Regie: Frits Fronz), Frauen, die durch die Hölle gehen (Regie: Rudolf Zehetgruber) oder Susanne – Die Wirtin an der Lahn (Regie: Franz Antel). Die Titel stehen symptomatisch für eine lähmende Phase der österreichischen Filmgeschichte, als allein noch mit Frivolitäten Kasse zu machen war. Auch Die Verwundbaren wurde schließlich umgeschnitten und unter dem Titel Engel der Lust in Wiener Sexkinos gezeigt – im Gartenbau-Kino lief während des Drehs, wie man zweimal im Bildhintergrund sehen kann, passender Weise Der Untergang des Römischen Reiches.
*Filmkritikerin des Standard; Redakteurin von kolik.film.
Die Figuren meines Films sind authentisch; ich habe nur den Konflikt etwas verschärft, weil jede künstlerische Aussage einer Umwandlung der Realität bedarf…
LEO TICHAT
Deutliche Spuren der Nouvelle Vague
Film, Kunst, Literatur: Leo Tichat
Die Verwundbaren erzählt auch von einer Produktionsgeschichte, die im österreichischen Filmmarkt keine Einzelerscheinung war: Der Weg in den regulären Kinobetrieb blieb dem Film versperrt, nur eine andere, verkürzte und neu geschnittene Fassung mit dem spekulativen Titel Engel der Lust hielt Einzug in die Sexkinos Wiens.
Tichat kann als einer der wenigen Regisseure Österreichs bezeichnet werden, in dessen Arbeit die Auseinandersetzung mit der filmischen Moderne – im Speziellen mit der Nouvelle Vague – ganz deutliche Züge hinterlassen hat. Auch in kulturhistorischer Hinsicht ist der Film interessant:
Er greift das Thema einer Liebe zwischen zwei Männern auf, zu einem Zeitpunkt, als homosexuelle Handlungen in Österreich unter Strafe standen (bis ins Jahr 1971). Die Verwundbaren ist Tichats einziger Spielfilm geblieben.
(Dietmar Schwärzler, Sylvia Szely im Viennale-Katalog 2006)
Die Figuren meines Films sind authentisch – ich habe nur den Konflikt etwas verschärft, weil jede künstlerische Aussage einer Umwandlung der Realität bedarf.
Die Verwundbaren stellt eine Auseinandersetzung mit den seelischen Konflikten der Großstadtjugend nach dem Zweiten Weltkrieg dar.
Es sind dies die Konflikte einer Generation, die in jedem Land ähnliche Probleme hat – nur jeweils in einer anderen, der Mentalität dieses Landes entsprechenden Weise.
Darum ist in meinem Film, der in Wien spielt, die Stadt mehr als nur eine Kulisse, in der ein Thema von beklemmender Aktualität abgehandelt wird, sie ist ein Mitwirkender, ein Teil, eine „Ursache“, wenn Sie es so nennen wollen …
(Leo Tichat)
Ursprünglich war Leo Tichat Maler und Grafiker. Geboren am 31. 8. 1930 in Mödling, studierte Tichat von 1947 bis 1951 an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien, wo er sein Diplom für Malerei, Grafik und Bühnenbild machte. Danach erlernte er das Tapeziererhandwerk und machte die Gesellenprüfung als Autosattler. Seitdem ist er freischaffender Künstler – er profilierte sich im Lauf der Zeit nicht nur als höchst eigenständiger Maler, sondern auch mit Erfolgen als Designer, Bühnen- und Kostümbildner, Filmemacher und Schriftsteller.
Ab 1951 arbeitete Tichat als Drehbuchautor bei mehreren Filmen seines Freundes Herbert Vesely. Die Verwundbaren war seine einzige eigene Regiearbeit (1964/1965). 1975 publiziert Tichat eine Auswahl seiner Lyrik und Prosa unter dem Titel Sol fuerte y Sangre. 1993 erfolgte seine letzte Filmarbeit, das Drehbuch zu Night Train to Venice (Darsteller u. a. Hugh Grant, Malcolm McDowell, Kristina Söderbaum).
Filmografie:
1951 Und die Kinder spielen so gern Soldaten (Co-Buch, Ausstattung, Darsteller)
1961 Das Brot der frühen Jahre (Buch, Ausstattung)
1978 Der kurze Brief zum langen Abschied (Co-Buch, Ausstattung)
1981 Exzess und Bestrafung (Schiele) (Co-Buch, Ausstattung)
1981 Obszön (Ausstattung)
1993 Night Train to Venice (Buch)










