Dieser Film ist ein Geschenk
Daniel Spoerri macht Kunstwerke aus gefundenen Objekten, die ihre Funktion verlieren, sobald er sie in seine Bilder integriert. Anja Salomonowitz dreht Filme, die sich der Vergegenwärtigung von Zeiten und Konflikten widmen. DIESER FILM IST EIN GESCHENK verschränkt das Werk beider auf äußerst persönliche Weise: Salomonowitz bedankt sich bei Spoerri mit einem Porträt, das dessen Arbeit mit Gegenständen immer wieder an seine Biografie zurückbindet: Spoerri, geborener Feinstein, ist der Sohn eines rumänischen Juden, der verschleppt und ermordet wurde. Zugleich blickt der Film nach vorne und verlängert ein Gedächtnis, indem er Salomonowitz’ Sohn Oskar als Stand-in und Gegenüber Spoerris in Szene setzt. Alles setzt sich immer wieder auf überraschende Weise neu zusammen. (DOMINIK KAMALZADEH). In Erinnerung an Oskar Salomonowitz 20.07.2008 – 27.10.2020.
„Eine beachtliche Meditation übers Leben.“ THOMAS TABORSKY, DIE FURCHE
Daniel Spoerri, Oskar Salomonowitz
ÜBER DEN FILM

Alles geht im Kreis
„Dieser Film ist ein Geschenk“ von Anja Salomonowitz
Bert Rebhandl*
Für Menschen vom Fach ist Daniel Spoerri ein Vertreter der Objektkunst, der eine Gruppe mit dem Namen Nouveau Réalisme mitgegründet und die Eat-Art erfunden hat. Da die Kunst aber ein Fach ist, in dem alle Menschen vom Fach sind, könnte man einfacher auch sagen: Daniel Spoerri macht Kunst aus Trödel.
Er sammelt Gegenstände und macht daraus etwas Besonderes, zum Beispiel ein Bild, das im Grunde eine Tischplatte ist, mit dem ganzen dreckigen Geschirr, das nach einem großen Essen übrig bleibt. Diese Tischplatte hängt dann so an der Wand, als wäre sie ein Gemälde.
Für Anja Salomonowitz ist Daniel Spoerri einfach „der Spoerri“. Ihr Film über ihn ist ein Geschenk, das so ein bisschen reihum geht. Ein kleines Erinnerungsstück an ihren Vater hat sie nach längerem Hin und Her nicht ins Meer geworfen, und auch nicht in die Donau, sondern dem Spoerri gegeben, der es ihr als Teil eines Kunstwerks zurückgegeben hat. Dafür ist nun der Film Dieser Film ist ein Geschenk ein Gegengeschenk.
Das Wichtigste, was man begreifen muss, um den Spoerri zu verstehen, ist, dass man immer in einem Kreislauf ist. Kino ist das Medium, das die Zeit nach vorn und nach rückwärts ablaufen lassen kann. Aus einem Kotelett wird so ohne weiteres wieder ein ungeschlachtetes Tier. Das ist dann eine Auferstehung. Resurrection (1969) heißt der alte Experimentalfilm von Spoerri, mit dem der Film von Anja Salomonowitz anfängt.
„Das Wichtigste, was man begreifen muss, um den Spoerri zu verstehen, ist, dass man immer in einem Kreislauf ist.“
Der Tod ist das große Thema, das beginnt mit dem Pogrom in Iasi, in dem 1940 der Vater von Daniel Isaak Feinstein, dem späteren Daniel Spoerri, getötet wurde. Der Vater wollte aus dem Sohn einen bedeutenden Menschen machen. Es bedurfte einiger Kreisläufe, damit dieser Wunsch in Erfüllung ging. Viele der Freunde und Weggefährten sind inzwischen gestorben. Das ist der Lauf der Welt. „Abschied nehmen“ ist ein Thema ihres Films, sagt Anja Salomonowitz, die sich ab und zu aus dem Off einschaltet.
Memento mori (Vergiss niemals den Tod) ist eines der Leitmotive der Kunst von Daniel Spoerri. Unbegreiflich wird aber immer bleiben, dass Oskar, der Sohn von Anja Salomonowitz, der mit dem Spoerri in Dieser Film ist ein Geschenk in einem schönen Wechselverhältnis zu sehen ist, noch als Kind von dem allgegenwärtigen Tod erfasst wurde. Er ist 2020 tödlich verunglückt, das Filmdokument ist nun auch für ihn eine Art Auferstehung.
In einem Zwiegespräch mit Daniel Spoerri sehen wir Oskar, wie er davon erzählt, dass er vielleicht einmal Programmierer werden möchte. „Was ist das?“, fragt der Künstler. In diesem Moment öffnet sich für jemanden, der 1930 in Rumänien geboren wurde, eine unbekannte, neue Welt. Es wird wohl nicht mehr die seine werden.
„Ich sehe aus, als würde ich über Leben und Tod urteilen. Dabei ordne ich nur Kochlöffel.
*Lebt als Autor und Journalist in Berlin.
Eine beachtliche Meditation übers Leben.
THOMAS TABORSKY, DIE FURCHE
Erinnerung in der Gegenwart verorten
Dominik Kamalzadeh
Daniel Spoerri macht Kunstwerke aus gefundenen Objekten, die ihre eigentliche Funktion verlieren, sobald er daraus Bilder macht. Anja Salomonowitz dreht Filme, die sich in der Regel der Vergegenwärtigung verschütteter Zeiten und Konflikte widmen. Ein Kreuzungspunkt der beiden ist Dieser Film ist ein Geschenk, eine Arbeit, die ihre Werke äußerst persönlich verschränkt. Der Titel des Films suggeriert bereits, dass es mehr um eine Gabe geht: Salomonowitz bedankt sich bei Spoerri mit diesem Porträt. Er hat ihr seinerseits eine seiner Assemblagen geschenkt, in der ein Porzellanherz, das mit ihrem verstorbenen Vater in Verbindung steht, einen privilegierten Platz einnimmt. Die Begegnung mit dem Künstler in seinem Atelier wird zur Gelegenheit, seine Arbeit mit Objekten, die „Fallenbilder“, an seine Biografie zurückzubinden.
Spoerri, geborener Feinstein, stammt ursprünglich aus Rumänien, sein jüdischer Vater wurde verschleppt und ermordet. Die Schweiz bedeutete für den späteren Miterfinder des Nouveau Réalisme einen Neubeginn. Doch die Erinnerungen an die Vergangenheit bahnen sich eigene Wege: Spoerris Kunst wird hier auch als Versuch ersichtlich, sich mit dem verlorenen Anteil seiner Familiengeschichte zu konfrontieren.
Dennoch blickt der Film eher entschieden nach vorn als zurück. Er verortet Erinnerung in der Gegenwart. Salomonowitz’ Sohn Oskar kommt als Stand-in und Gegenüber Spoerris ins Spiel. Er wiederholt manchen Gedankengang des Künstlers und fügt neue semantische Schwingungen hinzu. Der Künstler spricht nicht mehr über sich selbst, sein Leben und sein Tun hallen im Kopf eines anderen wider. Nichts geht verloren, alles setzt sich immer wieder neu zusammen.
Ein Geschenk, das von Herzen kommt
Esther Buss
In Dieser Film ist ein Geschenk sind die Darstellungsbrüche verspielter und wärmer als in früheren Arbeiten von Salomonowitz – etwa wenn sie ihren Sohn Oskar immer wieder Erzählungen und Handlungen des Künstlers nachspielen lässt. Dabei geht es weniger darum, das Genre des Künstlerporträts gegen den Strich zu bürsten; vielmehr wird im kindlichen Reenactment „der Spoerri“ an die Gegenwart weitergegeben und damit ein Stück weit bewahrt. (...)
Zwei essenzielle Tätigkeiten stehen nebeneinander, oft greifen sie auch ineinander: zum einen das Anordnen von Gegenständen (mitunter in Zusammenarbeit mit Oskar), zum anderen die Erinnerungsarbeit, die sich zumindest momenthaft auch als Trauerarbeit zeigt. Spoerri, eigentlich Daniel Feinstein und Sohn eines rumänischen Juden, ist knapp am Vernichtungsterror „vorbeigeschrammt“.
Als er zehn Jahre alt ist, verschwindet der Vater, erst viel später erfährt er, dass er von den rumänischen Faschisten in einem Todeszug deportiert wurde. Auf ganz andere Weise schwirrt Salomonowitz’ Vater durch den Film. Ein rotes Porzellanherz, das sie in dessen Wohnung fand und an Spoerri weiterschenkte, kam unerwartet in einem Kunstwerk verarbeitet wieder zu ihr zurück. Der Film ist sozusagen ein Gegengeschenk. Und wie alle Geschenke in diesem schönen, manchmal heiteren und manchmal auch ein wenig traurigen Film kommt es von Herzen.












