Epicentro
Der Österreichische Film
Edition#358

Epicentro

Hubert Sauper /// 2020 /// Dokumentarfilm

109 min • Altersfreigabe: 0 • HD
Sprache: Englisch, Audiodeskription Deutsch
UTs: Deutsch, Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte

Der neueste Dokumentarfilm des Oscar®-nominierten Regisseurs Hubert Sauper ist das eindringliche Porträt des „utopischen“ Kuba und seiner unnachgiebigen Bevölkerung, ein Jahrhundert nach der Explosion der USS Maine in Havanna – ein Ereignis, das neben der Hegemonie des amerikanischen Imperialismus eine weitere Form der modernen Welteroberung einleitete: das Kino selbst.

„Als Filmemacher übersetze ich die Welt, wie ich sie sehe – und wie sie mich bewegt – in ‚Bilder, die sich bewegen‘. Ich versuche, das Mainstream-Denken herauszufordern.“ HUBERT SAUPER

Besetzung  

Oona Chaplin, Fena LeChuck, Juan Padrón, Hubert Sauper u.v.m.

Regie  

Hubert Sauper
Drehbuch  

Hubert Sauper
Kamera  

Hubert Sauper

DVD Edition # 358

Epicentro (2020) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Poetischer Seitenwechsel

Das Kuba von Hubert Saupers „Epicentro“

Bert Rebhandl*


Hubert Sauper ist der Antitourist. Er ist nicht wegen der Palmen, des Rums oder der schlurfenden Tänze nach Kuba gekommen. Er hat sich diese Insel so unmittelbar neben den imperialistischen USA auserkoren, weil er nach einem Punkt sucht, von dem aus man die Welt aus den Angeln heben kann. Oder wenigstens aus den Rahmenbedingungen, wie sie früher Fotoalben schufen und heute auf Instagram zu finden sind: eine Gebrauchs- und Warenform für die Trophäen aus dem Exotischen.

In seinem lyrisch-essayistischen Dokumentarfilm Epicentro steht Sauper einmal einem klassischen Touristen gegenüber, einem Durchreisenden, bewaffnet mit einer teuren Kamera. Der Widerspruch ist so grundsätzlich, dass er erst das Experiment verdeutlicht, um das es Sauper in und mit Epicentro geht: die Seite wechseln, in jeder möglichen Hinsicht. Nicht mehr hegemonial sein, nicht mehr Norden, nicht mehr intellektuell, nicht mehr modern, nicht mehr Kosmopolit, nicht mehr Reporter.

Das geht eigentlich gar nicht, jedenfalls nicht für einen Mann, der seine österreichische Sozialversicherungsnummer auch nicht einfach so wegschmeißen kann. Aber wenn dieser Seitenwechsel, diese individuelle Vorwegnahme einer Weltrevolution, eine Form bekommen könnte, dann vielleicht so, wie Sauper sie in Epicentro probiert. Ein Leben an der Seite der einfachen Leute in dem letzten diskutablen kommunistischen Staat, der aus dem 20. Jahrhundert übrig geblieben ist. Sauper ist ein Romantiker der tropischen Nächte, er holt die tollsten Effekte aus der Kombination billiger Kameras mit unirdisch schönem Licht. 


„Sauper ist ein Romantiker tropischer Nächte, er holt die tollsten Effekte aus der Kombination billiger Kameras mit unirdisch schönem Licht.“


Epicentro ist auch ein Diskursfilm, wie es sich unter Linken gehört, aber Saupers Überlegungen zur Weltlage sind niemals dogmatisch, sondern haben eine tastende, poetische Form, sie suchen keine Belege, sondern ein flüchtiges Aufleuchten von Schönheit. Es ist ein bisschen, als würde jemand mit Epiphanien gegen die Globalisierung kämpfen, die überall nur Waren sieht, wo Sauper Wahrheiten findet.

Prophetische Wahrheiten, genauer gesagt. Seine beiden wichtigsten Figuren, zwei Mädchen an der Schwelle zur Pubertät, weist er im Abspann als „little prophets“ aus. Auch das ist ein geläufiger Topos, sich gegen die übermächtigen Rationalitäten (die dann die ganze Welt mit unfairen Freihandelssystemen überziehen) auf die Seite der Kinder zu schlagen.

Sauper macht sich selbst zum Kind, zum Komplizen, zu einem verschwörerischen Freund, der sich mit kleiner Kamera in die Unschuld mit hineinnehmen lässt, deren Verlust Leonelis und Amielys mit dem Anprobieren von Damenkleidern schon andeuten. Es sind erotisierte Bilder, mit denen Sauper sein Kuba einzufangen sucht, eines, in dem schließlich die Enkelin von Charlie Chaplin ein Lied singt und in dem die Wellen der Karibischen See sich zum Bildgedicht formen.


*Lebt als Autor und Journalist (FAZ, Standard) in Berlin.




Als Filmemacher übersetze ich die Welt, wie ich sie sehe – und wie sie mich bewegt – in ‚Bilder, die sich bewegen‘. Ich versuche, das Mainstream- Denken herauszufordern.


HUBERT SAUPER

Kampf ums Paradies

Hubert Sauper im Gespräch mit Karin Schiefer über Kuba, Klischees und Kinder.


ZUR PERSON: Hubert Sauper ist ein österreichischer Dokumentarfilmemacher. Darwin’s Nightmare war 2006 für einen Oscar nominiert.


Schiefer: Für diese Art von Film braucht es eine ganze Menge Zeit. Wie viel Zeit haben Sie dort verbracht, um sich ein Bild zu machen?

Sauper: Es ist allen meinen Filmen eigen, dass ich mir jedes Mal selbst eine Herausforderung auferlege und mich Themen stelle, die für mich allein und einen Kinofilm eigentlich eine Nummer zu groß sind. So vieles in zwei Stunden zu erklären, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Es gehört zu meinem Ansatz, komplexe Zusammenhänge nicht durch Spezialisten erklären zu lassen. Interessanterweise komme ich immer wieder auf Kinder, die meist in einem Alter sind, wo es gerade zu einem politischen Erwachen kommt, wo aber auch die Kindheit noch spürbar ist. Sie sind für mich „truth speakers“ oder „young prophets“, wie ich sie in Epicentro ironischerweise genannt habe.

Schiefer: Die Protagonisten sind sehr genau ausgesucht, dennoch gewinnt man den Eindruck, dass Sie stets auch offen dafür sind, was Ihnen entgegenkommt.

Sauper: Eine der Herausforderungen liegt darin, dass meine Filme sehr konzeptuell sind, aber so ausschauen, als würde ich die Leute zufällig auf der Straße treffen und zufällig mit ihnen über Geopolitik oder den Mond sprechen. So ist es aber nicht. Wenn sich jemand vor meiner Kamera geopolitisch äußert, dann gehen dem Nächte voraus, wo ich mit ihm durch Havanna gezogen bin und mich mit ihm über Guantánamo, Interventionismus und das Gedankenkonstrukt, das ja Thema des Films ist, unterhalten habe. Irgendwann sagt er dann, natürlich nicht ganz ernst gemeint: „We have to make the moon great again.“

Schiefer: Der amerikanische Imperialismus, verbreitet durch dessen Softpower-Kino, ist ein Aspekt des Films; ein neuer Imperialismus, der des globalen Tourismus, wird im Verlauf des Films ein immer stärkeres Thema.

Sauper: Es ist in Havanna äußerst schwierig, ein Bild zu filmen, das nicht unverzüglich zum Klischee wird. Das Interessante an Klischees ist ja nicht die Tatsache, dass es sie gibt, sondern die Frage, woher sie kommen. Wenn man das analysiert, dann wird es wieder interessant, und es erlaubt, Klischees in einem neuen Kontext zu fotografieren. Mich hat besonders die Parallele von militärischer und touristischer Intervention fasziniert. GIs, die bestausgerüstet mit Waffen in der Hand in Bagdad einfahren, erzeugen für mich eine Parallele zu den amerikanischen Fotografen, die mit drei Teleobjektiven um den Hals durch Havanna streifen.

Schiefer: Sie entlassen die Zuschauer mit Ideen vom Paradies. Welche Assoziationen zum Paradies stehen für Sie selbst am Ende des Films?

Sauper: Utopie, Dystopie, Paradies, Nirwana – das sind alles Denkkonzepte oder religiöse Konzepte, die Teil unserer Zivilisation und unserer Narrative sind. In dem Moment, wo man sie näher betrachtet, werden sie – intellektuell betrachtet – immer fantastischer und genau genommen immer lächerlicher. Das sogenannte Paradies im religiösen Sinn als ein Garten voller Früchte, die wirren Darstellungen von einem sogenannten idealen Ort sind so stark in uns drinnen, dass wir sie immer wieder zu reproduzieren versuchen. Bei Epicentro ist mir gedämmert, dass es das Paradies in der Örtlichkeit nicht gibt und nie geben kann. Aber vielleicht existiert es als Fragment von Zeit.



Trailer 2022 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"