Favoriten
Drei Jahre begleitete Ruth Beckermann eine Klasse von Schülerinnen und Schülern im Alter von sieben bis zehn Jahren und ihre engagierte Lehrerin in einer großen Volksschule in Favoriten, einem ethnisch vielfältigen, ehemaligen Arbeiterbezirk, der medial oft auch als „gefährlichster Bezirk von Wien“ gehandelt wird. Für mehr als 60 Prozent der Wiener Volksschülerinnen und -schüler ist Deutsch nicht die Erstsprache, und das System leidet unter akutem Lehrermangel. Obwohl diese Probleme im Film deutlich präsent sind, werden sie nicht frontal angesprochen. Stattdessen lernen wir in FAVORITEN die Kinder als Individuen kennen, wie sie in der Zeit bis zu ihrem letzten Grundschuljahr lernen, wachsen und sich entwickeln. Und indem wir sie kennenlernen, erleben wir mit ihnen eine kritische Zeit mit, die ihre Zukunft entscheidend prägen wird.
„Beid, Hafsa, Melissa, Manessa, Mohammad … 25 Kinder und ihre engagierte Lehrerin. Wir wollten herausfinden, wer sie sind, wir wollten ihre Fähigkeiten und Strategien, ihre Freuden, Ängste und Nöte kennenlernen.“
Ruth Beckermann
Ilkay Idiskut, Alper, Amina, Arian, Beid, Dani, Danilo, David, Davut, Eda, Egemen, Elif, Enes, Fatima, Furkan, Hafsa, Ibrahim, Liemar, Majeda, Manessa, Melisa, Mohammed, Natalia, Nerjiss, Rebeca, Selen, Selin, Teodora, Valentin
ÜBER DEN FILM
Ruth Beckermann über "Favoriten" (Interview aus der Edition Ruth Beckermann Complete Works 1977-2024)
Kurator Claus Philipp über "Favoriten"

„Kultur ist etwas, nicht irgendetwas“
Zur Schuldokumentation Favoriten von Ruth Beckermann
Esther Buss*
Die Schuldokumentation ist ein zwiespältiges Genre. Einerseits ist es schön, anrührend und mitunter auch lustig, Kindern dabei zuzusehen, wie sie Welt, Sprache und soziales Miteinander entdecken. Andererseits führt die Schule als Modellsituation von Gesellschaft erbarmungslos vor, welche Regeln das „wirkliche“ Leben bestimmen: Wettbewerb, Disziplin, Ausdauer, ständige Bewertung.
Wie fundamental ungerecht dieses System ist, zeigt sich umso mehr, wenn die jungen Menschen mit anderen Voraussetzungen in die Schule eintreten als die Angehörigen der sogenannten „Mehrheitsgesellschaft“. Bei den Protagonisten und Protagonistinnen in Ruth Beckermanns Film ist das der Fall: Fast alle haben eine Zuwanderungsgeschichte, die meisten von ihnen sprechen Deutsch nicht als Erstsprache. Und da ihre Väter und Mütter auf dem Bau und in der Pizzeria arbeiten, als Postauslieferer und Altenpflegerin, sind sie bei den Hausaufgaben meist auf sich allein gestellt.
Von Herbst 2020 bis Frühjahr 2023 hat Ruth Beckermann in der größten Volksschule Wiens eine Klasse von der 2. bis zur 4. Schulstufe begleitet. Der Titel des Films verdankt sich dem Namen des 10. Wiener Gemeindebezirks, in dem die Schule liegt, meint aber auch die 25 Schulkinder, die im Titelvorspann in alphabetischer Reihenfolge namentlich vorgestellt werden.
So aufmerksam wie diskret navigiert die Kamera von Johannes Hammel zwischen den Tischen, dokumentiert Referate über Wasserkreisläufe, Rechenspiele, Zumba-Tänze und Elternsprechstunden. Wir sehen, wie die Kinder an Aufgaben wachsen und scheitern, wie sie verzweifeln, wie sie neuen Mut fassen. „MC“ dieses überaus lebendigen Raums ist die Klassenlehrerin Ilkay Idiskut – eine Pädagogin, die ihren Beruf mit großer Empathie, Entschiedenheit und Debattenfreude ausübt.
Je mehr sich die Schülerinnen und Schüler dem Moment nähern, in dem sich ihre weitere Schulbildung entscheidet – Hauptschule oder, was für die wenigsten von ihnen in Betracht kommt, der Übertritt ins Gymnasium –, desto mehr verschiebt sich die Perspektive vom Individuum auf die Strukturen. Eine Personalsitzung gewährt Einblick in die Gegebenheiten eines von Mangel und Ungleichheit bestimmten Bildungssystems: Die Sprachförderung wurde gestrichen, die Sozialarbeiterin und die Schulpsychologin fallen aus. Und als Ilkay Idiskut schwanger wird und die Klasse vorzeitig verlassen muss, ist an ihrem letzten Arbeitstag noch keine Ersatzlehrerin in Sicht. Beckermann bindet in die Schuldokumentation noch eine weitere Perspektive ein. Mit Smartphonekameras beginnen die Kinder sich gegenseitig zu befragen, dabei werden sie selbst zu Dokumentarist:innen: Was liebst du, welche Sprache sprichst du, in welchem Land möchtest du später leben? Oder: Was ist eigentlich Kultur? Die Antwort eines Buben ist bestechend einleuchtend: „Kultur ist etwas, nicht irgendetwas.“
* ist Filmkritikerin und Autorin aus Berlin.
Beid, Hafsa, Melissa, Manessa, Mohammad … 25 Kinder und ihre engagierte Lehrerin. Wir wollten herausfinden, wer sie sind, wir wollten ihre Fähigkeiten und Strategien, ihre Freuden, Ängste und Nöte kennenlernen.
RUTH BECKERMANN
Der Dokufilm Favoriten blickt in ein von Migration geprägtes Schulsystem
Ruth Beckermanns Reportage aus dem 10. Wiener Gemeindebezirk zeigt, wie lebensentscheidend Schule für Menschen mit Migrationshintergrund ist.
Der Wiener Bezirk Favoriten hat seinen Namen von einer Sommerresidenz, die sich der Habsburgerhof seinerzeit auf der Wieden hielt. Dass die „Favorita“, so der Name des einschlägigen Schlosses, einmal einer Straße den Namen geben würde, die in einen „Hieb“ mit vorwiegend weniger hochgestellten Leuten führt, das war zum Beispiel unter Karl VI., der 1740 in der Favorita starb, erst undeutlich absehbar – das Reich galt als ewig, und eine Arbeiterklasse gab es noch nicht.
Heute ist der Zehnte ein Ausweis vieler Veränderungen in der Bevölkerung Österreichs. Das sieht man an den Namen der Schülerinnen und Schüler in Ruth Beckermanns Dokumentarfilm Favoriten: Sie heißen Alper, Amina, Arian, Beid, Dani, Danilo, David, Davut, Eda, Egemen, Elif, Enes, Fatima, Furkan, Hafsa, Ibrahim, Liemar, Majeda, Manessa, Melissa, Mohammed, Natalia, Nerjiss, Rebeca, Selen, Selin, Teodora und Valentin. Die Regisseurin stellt die Kinder zu Beginn persönlich vor, gemeinsam sind sie eine Volksschulklasse. Ihre Lehrerin heißt Ilkay Idiskut, eine echte Wienerin und ein riesiges pädagogisches Talent.
Und nun schauen wir dieser Klasse drei Jahre lang beim Lernen zu. Das ist es im Wesentlichen, was in dem Film Favoriten zu sehen ist. Kinder, die in der Lotterie des Lebens nicht mit einem Favoritenstatus versehen wurden, sondern in Favoriten landeten, sollen Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen und nicht zuletzt einen verträglichen Umgang miteinander lernen. Und dann auch schon so komplexe Dinge wie den Kreislauf des Wassers, den eine Schülerin in einem Referat erklärt.
Keine Katholiken
In einer Schlüsselszene macht die Klasse eine Exkursion in die Innenstadt, zum Stephansdom, wo sie von einem Dompfarrer empfangen wird. Der Steffl ist nationales Kulturgut, er stiftet Identität, er „gehört allen“, wie der geistliche Herr betont. Er schaut in die Runde und würde gern wissen, wie viele Katholiken er vor sich hat. Frau Idiskut wirkt selbst ein bisschen überrascht, aber die Antwort ist tatsächlich: null. Mit bulgarischer Orthodoxie könnte sie eventuell aushelfen, aber die Tatsache ist zur Kenntnis zu nehmen: Mit dem Katholizismus, der Religion mit der Pummerin und der Gottesmutter, kommt man zwischen Reumannplatz und Verteilerkreis nicht weit.
Man könnte den Film Favoriten nun so sehen, wie er sich in einer unangemessenen Deutung schon auch zurechtbiegen ließe: als Kapitel auf dem Weg des christlichen Abendlands in den Untergang. Dazu müsste man aber blind sein für das, was Ruth Beckermann in den Gesichtern der Kinder liest: Bildungserfahrungen aller Art. Sie lässt sich dabei keineswegs von einem naiven Optimismus leiten. Lernen ist schwer, und nicht nur, wenn man gleichzeitig auch erst noch die Schulsprache Deutsch lernen muss. (Bert Rebhandl, 16.9.2024)
Vollständige Kritik hier: Der Dokufilm "Favoriten" blickt in ein durch Migration geprägtes Schulsystem - Film - derStandard.at › Kultur













