Fuchs im Bau
Der Österreichische Film
Edition#377

Fuchs im Bau

Arman T. Riahi /// 2020 /// Drama

98 min • Altersfreigabe: 16 • HD
Sprache: Deutsch / Audiodeskription
UTs: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Seine neue Stelle führt den Mittelschullehrer Hannes Fuchs an einen ungewöhnlichen Arbeitsplatz – die Gefängnisschule im Jugendtrakt einer großen Wiener Haftanstalt. Dort trifft Fuchs die eigenwillige Kollegin Elisabeth Berger, deren Kunstunterricht der Anstaltsleitung ein Dorn im Auge ist. Während es bald zu Konflikten zwischen Fuchs und Berger, die niemanden an ihrer Seite duldet, kommt, gelingt es Fuchs, eine Vertrauensbasis zur in sich gekehrten Samira zu entwickeln, deren künstlerisches Talent er erkennt und fördert. Aber auch zwischen den beiden so unterschiedlichen Lehrpersonen kommt es zu einer Annäherung. Dann erfährt Fuchs vom Anstaltsleiter, warum er an die Gefängnisschule berufen wurde. Ein Suizidversuch seines Schützlings Samira schließlich reißt alte Wunden bei Fuchs auf, und er begreift, dass die Stelle als Gefängnislehrer mehr als ein Job für ihn ist.

ÖSTERREICHISCHER FILMPREIS 2022 für

  • Beste weibliche Hauptrolle
  • Beste weibliche Nebenrolle
  • Beste Musik
  • Beste Tongestaltung
Besetzung  

Aleksandar Petrovic, Maria Hofstätter, Luna Jordan, Andreas Lust, Karl Fischer u.v.m.

Regie  

Arman T. Riahi
Drehbuch  

Arman T. Riahi
Kamera  

Mario Minichmayr

DVD Edition #377

Fuchs im Bau (2020) - Drama | watchAUT Film

Verbaute Perspektiven

Arman T. Riahis Lehrer- und Häfn-Drama „Fuchs im Bau“

Florian Schwarz*


Kunsttherapeutischer Unterricht im Jugendknast. Wie sollen die Schüler:innen damit ein Zeugnis für das Leben nach dem Strafvollzug erreichen? Verunsichert, interessiert und ein wenig genervt verbringt Hannes Fuchs (Aleksandar Petrović) seinen ersten Arbeitstag als Gefängnislehrer.

In ein widerspenstiges System aus strikt durchorganisierter Anstalt und chaotischem Klassenzimmer geworfen, versucht er, seine Nische zu finden. Doch das geht mit besonderen Anforderungen einher, schließlich ist Pädagogik nicht einfach nur ein Job, wie uns hier die amtierende Alternativpädagogin Elisabeth Berger (Maria Hofstätter) klarmacht, mit der sich der neue Kollege erst anfreunden muss.

Die unruhige Kamera, meist nah an den Protagonist:innen, erzählt von einer omnipräsenten Orientierungslosigkeit: von jener der jungen Inhaftierten, die hinter ihrer toughen Fassade heimlich Angst vor der perspektivlosen Zukunft in Freiheit haben, aber auch von Fuchs’ fehlendem Überblick. Er gerät mit seiner Kollegin, die ihn einarbeiten und die er ablösen soll, aneinander und kommt mit dem peniblen Prozedere der Anstalt nicht klar. Seine Körpersprache verrät uns außerdem, dass er mit den Häftlingen mehr gemein hat als mit den Beamt:innen der Justizwache.

Ein klarer Überblick, eine versöhnliche Auflösung der verschiedenen Geschichten, wird auch dem Publikum verweigert. Zwar gibt Fuchs im Bau vereinzelt Einblicke in Hintergrundgeschichten, doch können nicht alle Fehler erklärt oder gar wiedergutgemacht werden. 


„Schikanen lauern überall, und es wird dauern, bis Fuchs sich das Gefängnis zu seinem Bau gemacht hat.“


An dieser Stelle im Leben scheint es nur wichtig, akute Brände zu löschen und Wunden zu heilen. Ob der Strafvollzug das gewährleisten kann, ist fraglich – umso mehr versucht die zunächst schroff wirkende Berger, mit einem kunsttherapeutischen Ansatz ihren „Kindern“ Freiraum zur Selbstfindung und Entfaltung zu geben und stößt damit auf wenig Gegenliebe seitens der Anstaltsleitung.

Schikanen lauern in Arman T. Riahis Film überall, und es wird bis zum Ende dauern, bis Fuchs das Gefängnis tatsächlich zu seinem Bau gemacht hat. Bis er weiß, wie er mit dem Schlüssel, den Beamt:innen und der unkonventionellen Unterrichtssituation umzugehen hat. Die Undurchsichtigkeit der Figuren steht in schroffem Gegensatz zur Transparenz der Überwachungsinstitution Gefängnis. Ihre traumatisierenden Vorgeschichten werden nicht aufgelöst. „Wollen Sie gar nicht wissen, warum die da sind?“, fragt Fuchs seine Kollegin. Wir werden es nicht erfahren.

Dass man von den Straftaten und den Vorgeschichten nichts erfährt, belastet die Erzählung nicht, sondern gibt ihr vielmehr die Leichtigkeit, nicht alles auserzählen zu müssen. Denn egal, was vorher war, jetzt geht es nur noch darum, seinen Weg in einem schwierigen System zu finden und das Beste daraus zu machen. 


*Ist Mitarbeiter am Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaft der Uni Wien.




Großartiges, kluges und packendes Mainstream-Kino – im allerbesten Sinn.


FM4

Kreativität als Zugang

Arman T. Riahi im Gespräch mit Dominik Kamalzadeh über Diversität und Hoffnung.


ZUR PERSON: Arman T. Riahi ist ein österreichicher Filmemacher und Drehbuchautor iranischer Herkunft. Fuchs im Bau ist sein zweiter Spielfilm.

©Filmladen


Standard: Diversität ist gerade in aller Munde. Fühlen Sie sich wohl in der Rolle eines Aushängeschilds?

Riahi: Mein Bruder Arash und ich waren damit konfrontiert, als wir im Juli 2021 die Gala des Österreichischen Filmpreises inszeniert haben. Man sei froh, dass wir das machen, meinte damals Stefan Ruzowitzky. Das hat ein wenig den Beigeschmack, dass man sich deshalb für uns entschieden hat. Doch man muss niemandem vorwerfen, dass er in Sachen Diversität mitziehen will. Ich hoffe, wir sind durch unsere Arbeit ein gutes Beispiel – wir haben uns das ja selbst zu verdanken. Grundsätzlich stört mich die Hysterie bei diesem Thema ...

Standard: … die ein großes Spaltungspotenzial in sich birgt?

Riahi: Genau, alles wird auf dieses Schwarz-Weiß-Denken reduziert. Man sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren: dass man Menschen inkludieren möchte, Minderheiten zu mehr Repräsentation verhilft. Sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen hilft nicht. Man muss auch nicht jedes Wort in die Waagschale werfen. Wenn meine Jugendlichen „Zigeuner“ sagen, zeigt das eben, dass sie noch in den alten Schemata denken.

Standard: Inwiefern sehen Sie Fuchs im Bau auch als Fortsetzung mit dem Thema Migration?

Riahi: Die Idee ist schon parallel zur Recherche von Schwarzkopf, meiner ersten Kinodoku von 2009, entstanden, als ich das erste Mal als Besucher in einem Gefängnis war. Mich haben der Ort und die Lehrerpersönlichkeiten fasziniert. Natürlich ist das Thema Migration für mich als Flüchtlingskind immer relevant, und wenn man etwas über Jugendstrafvollzug macht, muss man akzeptieren, dass 75 Prozent einen Migrationshintergrund haben. Das ist die demografische Wahrheit. Aber ich wollte nicht schon wieder von einem Teenager erzählen, der ein Problem damit hat, in Österreich aufzuwachsen.

Standard: Der Fokus liegt auf der Lehrerseite. Ihre Eltern waren Lehrer. Was verbinden Sie selbst mit diesem Beruf?

Riahi: Ich habe sehr gute Erinnerungen an meine Lehrer und lade etwa immer meine Volksschullehrerin zu den Screenings ein. Meine Eltern natürlich auch. In der Gefängnisschule war der Pädagoge der Justizanstalt Josefstadt, Wolfgang Riebniger, eines der Vorbilder. Er war immer bereit, die Jugendlichen zu fordern. Im Gefängnis geht kein Frontalunterricht. Du musst die Aufmerksamkeit der Jugendlichen bekommen. Er hat Literaten wie Fabian Burstein eingeladen.

Standard: Es geht mehr um Charakterbildung als um Mathematik.

Riahi: Die Kreativität wird zum Eintrittstor, zur Möglichkeit, etwas aus den Kids herauszulocken. Deswegen ist das für mich offensichtlich, nicht sozialromantisch. Es funktioniert. Das machen sie sogar mit Erwachsenen. Das heißt natürlich nicht, dass sie Gandhi sind, wenn sie entlassen werden. Es geht um Resozialisierung. Sonst hat es ja keinen Sinn, Jugendliche ins Gefängnis zu stecken.

Standard: Müssen Sie trotzdem manchmal damit kämpfen, dass die Filme nicht zu erhebend, ja positiv werden?

Riahi: Bei jedem Film. Wir leben ja im Land der Feel-bad-Movies. Aber ich habe keine Angst davor, Hoffnung zu spenden. 



Regisseur Arman T. Riahi über "Fuchs im Bau"

Trailer 2023 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"