Gehört, Gesehen: Ein Radiofilm
Der Österreichische Film
Edition#344

Gehört, Gesehen: Ein Radiofilm

Jakob Brossmann, David Paede /// 2019 /// Dokumentarfilm

90 min • Altersfreigabe: 0 • HD
Sprache: Deutsch / Audiodeskription
UTs: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

GEHÖRT, GESEHEN - EIN RADIOFILM porträtiert den Kultursender Ö1 in einer Phase des Umbruchs und beschreibt, mit welchem Ethos die Radiomacher/-innen versuchen, ihren Beitrag zu einer aufgeklärten Gesellschaft zu leisten. Der Film will die Faszination Radio bzw. das Radiomachen erleb- und spürbar machen. Vor dem Hintergrund neuer Phänomene wie der „postfaktischen Gesellschaft“ und dem Umstand, dass sich ganze Bevölkerungsgruppen in eigene Informationsblasen zurückziehen, zeigt er das tägliche Ringen um objektive Information und den Wert des Öffentlich-Rechtlichen für die Gesellschaft. Durch die Allgegenwart von Musik, die bei diesem Projekt zumeist im ON entsteht, wird der Film zu einer sinnlichen und berührenden Erfahrung.

„Ein kluger, witziger, sinnlicher Film, der nicht nur Fans von Ö1 unterhalten wird.“ UTE BAUMHACKL

Besetzung  

Peter Klein, Gabi Waldner, Nadja Hahn, Stefan Kappacher, Rosanna Atzara,Mirjam Jessa, Eva Teimel, Gustav Danzinger, Elke Tschaikner, Helmut Jasbar, Christian Scheib, Michael Blees u.v.m.

Regie  

Jakob Brossmann, David Paede
Drehbuch  

Jakob Brossmann, David Paede
ProduzentInnen  

Markus Glaser, Wolfgang Widerhofer, Michael Kitzberger, Nikolaus Geyrhalter, Jakob Brossmann, David Paede

DVD Edition # 344

Gehört, Gesehen: Ein Radiofilm (2019) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Entlang der Radiowellen

Porträt eines Kultursenders: „Gehört, gesehen“

Matthias Dell*


Das ist eine sehr schwierige Frage“, sagt der Bryologe, der Mooskundige, und gemeint ist damit eine Auskunft darüber, „wie es den Moosen in Zukunft gehen wird“. Der Bryologe spricht den Satz am Schluss des Dokumentarfilms Gehört, gesehen in das Mikrofon eines Radioreporters. Der hatte danach gefragt, ob man sich um das Moos Sorgen machen muss oder ob man es eh nicht unterkriegen könne, „weil es so wunderbar in alle Lebensräume passt, wo sonst nichts ist“.

Das ist eine schöne Beschreibung. Nicht nur für das Moos, sondern auch für das Medium, von dem sich Jakob Brossmann und David Paede in Gehört, gesehen ein Bild machen. Ein Radiofilm lautet der Untertitel, und der Gegenstand der Beobachtung ist Ö1, gemessen an der Reichweite der größte Kultursender Europas, wie es in einem Insert am Anfang heißt.

Dort steht auch zu lesen, dass es die Menschen in Österreich selbst waren, die sich 1964 durch ein Volksbegehren einen unabhängigen Rundfunk erkämpft haben. Drei Jahre später ging Ö1 an den Start; das 50. Jubiläum im Jahr 2017 ist ein Bezugspunkt, um den sich die Beobachtungen von Brossmann und Paede drehen. Kein Höhepunkt.

Denn der Sender steht unter Spar- und Rechtfertigungsdruck, 2017 kommt die türkis-blaue Koalition unter Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und der rechtspopulistischen FPÖ von H.-C. Strache an die Regierung – Zuspitzung einer Entwicklung, in der Diskurse sich verschieben und die dauernden Anwürfe von außen Verunsicherung erzeugen. 


„Das Bild, das der Film vom Rundfunk zeichnet, ist ein vielfältiges. Aber kein statisches: Moos kann Ö1 nicht ansetzen, weil er ein Abbild des Wandels ist.“


In einer Sitzung soll nunmehr darüber geredet werden, dass der Sender, problematischerweise, „grundsätzlich auf der Seite der Armen, Entrechteten und Geknechteten“ stehe. Was sofort Widerspruch erntet: „Meinst du das jetzt im Ernst, oder provozierst du?“, will ein Redakteur vom Chef wissen.

Solche Momente registriert der Film wie alles, was sich in den Räumen des Senders abspielt. Die gesellschaftliche Bedeutung von Ö1 erzählen Brossmann und Paede, indem sie dem Radio bei seinen Verrichtungen zuschauen: Dem Interview mit Strache wird tendenziell die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wie den Frauen, die die Studios reinhalten. Gehört, gesehen erkundet einen Apparat, der sich den Luxus, die Akribie, die Schönheit leistet, für die neuen Erkennungsmelodien aller Sendungen einen Kompositionsauftrag zu vergeben. In dem nach den richtigen Wörtern im Manuskript und den adäquaten Betonungen in der Hörspielaufnahme gesucht wird. Und der Reporterinnen zu Gesangsvereinen schickt, die ihre größten Tage womöglich hinter sich haben.

Das Bild, das der Film auf diese Weise vom Rundfunk zeichnet, ist ein vielfältiges. Aber kein statisches: Moos kann Ö1 schon deshalb nicht ansetzen, weil er in der Betrachtung von Brossmann und Paede ein Abbild des gesellschaftlichen Wandels ist. Und das wäre auch die Antwort auf die Frage, wie es ihm in Zukunft gehen wird.


*Lebt als Autor und Radiojournalist in Berlin.




Ein kluger, witziger, sinnlicher Film, der nicht nur Fans von Ö1 unterhalten wird.


UTE BAUMHACKL

Alles im Umbruch

Sender unter Druck: „Gehört, gesehen“

Karl Gedlicka


Bereits relativ früh in ihrem Dokumentarfilm Gehört, gesehen – Ein Radiofilm veranschaulichen Jakob Brossmann und David Paede, dass auch der „gemessen an seiner Reichweite erfolgreichste Kultursender Europas“ Ö1 keine den Zwängen enthobene Insel des Hehren und Schönen ist. Die Zahlenpräsentation ist eine von mehreren Szenen, in denen jener Druck spürbar wird, dem Qualitätsjournalismus in einer von massiven Umbrüchen geprägten Medienlandschaft ausgesetzt ist. Gehört, gesehen ist als Streifzug durch die unterschiedlichen Abteilungen im Wiener Funkhaus in der Argentinierstraße samt Abstechern zu Außeneinsätzen angelegt. Zweieinhalb Jahre waren Brossmann und Paede mit der Kamera unterwegs. In 90 Drehtagen entstanden rund 200 Stunden Filmmaterial, das von Alexandra Schneider auf Spielfilmlänge verdichtet wurde.

Auf Interviews oder auf einen erklärenden Off-Kommentar haben die beiden Regisseure ebenso verzichtet wie auf Einblendungen von Namen und Berufsbezeichnungen. Zwar werden Ö1-Fans dennoch mancher Lieblingsstimme ein Gesicht zuordnen können. Dem Film geht es aber vor allem ums Exemplarische, um verallgemeinerbare Funktions- und Produktionsweisen – eine Herangehensweise, die an die Arbeiten des US-Dokumentaristen Frederick Wiseman erinnert, der sich etwa vor Kurzem in seinem Film Ex Libris mit der New York Public Library ebenfalls einer Institution widmete, deren gesellschaftlicher Nutzen sich nur unzureichend monetär abbilden lässt.

Immer wieder sitzen wir in Gehört, gesehen mit Hörfunkmitarbeitern am Konferenztisch und vor dem Mikrofon, stehen in der Pause mit ihnen auf dem Gang, sind bei Musikeinspielungen und stressiger Wahlberichterstattung vor Ort. Der Filmschnitt von Alexandra Schneider sorgt für einen eleganten Fluss, der sich wie der Alltag be- und entschleunigt.

Was Gehört, gesehen so spannend macht, ist, dass es sich eben um kein Denkmal für einen Sender handelt, der während der Dreharbeiten sein 50-Jahr-Jubiläum feierte. Statt einer ehrfürchtigen Rückschau bekommen wir intime Einblicke in die Herausforderungen in einer Umbruchphase, begleitet von der tagtäglichen Selbstreflexion der Journalisten.

Wir werden nicht nur Zeugen der Entwicklung neuer Logos, Signations und Sendeformate wie Des Cis, sondern auch ökonomischer Zwänge im Hintergrund, die einen Redakteur zu der Bemerkung veranlassen, dass Sparmaßnahmen „keinen Spielraum“ mehr lassen.

Zum ökonomischen Druck gesellt sich der politische. Einer der Gäste, die sich im Filmverlauf im Hörfunkstudio einfinden, ist der einstige FPÖ-Obmann und ORF-Dauerkritiker Heinz-Christian Strache. Die Frage an ihn hat auch nach Straches Rücktritt nichts an Brisanz verloren: Am Ende des Films stehen nicht nur erfreuliche Zahlen. Es ist auch klar, dass einer aufgeklärten Gesellschaft ein Medium wie Ö1 sehr viel wert sein sollte.



Kurator Dominik Kamalzadeh über "Gehört, Gesehen: Ein Radiofilm"

Trailer 2021 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"