Good News
Ulrich Seidls dokumentarisches Langfilmdebüt handelt von Zeitungskolporteuren in ihren gelb-roten Uniformen: Jungen Männern aus Indien und Ägypten, aus Pakistan und der Türkei - Mohammedanern aus der Dritten Welt, die auf den Straßen Wiens Zeitungen verkaufen. Hier die Welt der Zeitungsverkäufer, dort die Welt der Zeitungsleser in den österreichischen Wohnzimmern. „Ich wollte keinen Film machen, der die Machenschaften eines Zeitungskonzerns entlarven soll, keinen, der beim Zuschauer nur Mitleid mit den Kolporteuren erwecken sollte, und keinen, der nur von Gut und Böse spricht, sondern einen, der über die Beobachtung von fremden Welten den Blick auf den eigenen Alltag und dessen Wahnsinn lenkt.“ ULRICH SEIDL
„Einer der besten Dokumentarfilme aller Zeiten.“ WERNER HERZOG
Salah Abdel Galil, Mustafa Mohammed, Kumar Saha Prabir, Mohamed Kajal Islam, Rozak Mohamed, Bhan Singh Maharaja u.v.m.
ÜBER DEN FILM

Alltagshölle
Messerscharfes Österreichbild: „Good News“
Nicole Hess*
Werner Herzog hat über das Werk von Ulrich Seidl einmal gesagt, noch nie habe er im Kino so direkt in die Hölle geschaut. Die Aussage trifft auf Good News: Von Kolporteuren, toten Hunden und anderen Wienern (1990), Seidls ersten großen Film, in besonderem Maße zu. Der österreichische Regisseur dokumentiert einerseits die miesen Arbeitsbedingungen von Zeitungsverkäufern: Immigranten aus Indien, Ägypten, Pakistan und der Türkei, allesamt der deutschen Sprache nicht mächtig, die täglich die Boulevardblätter Krone und Kurier an die Millionenleserschaft bringen.
Bei Schnee und Regen stehen die Männer frühmorgens an den Einfallstraßen in die City, bieten zwischen Autokolonnen mit einem stereotypen „Guten Morgen. Grüß Gott. Danke schön“ zu einem Hungerlohn die neuesten Nachrichten an und ruinieren in dem Lärm und Gestank ihre Gesundheit. Den Aufzeichnungen von „ganz unten“ stellt der umstrittene Autor andererseits subtile Porträts von Leserinnen und Lesern der streckenweise populistischen Blätter gegenüber. Er lässt Zeitungskonsumenten vor der Kamera Meldungen aus der Abteilung Unglücksfälle und Verbrechen zitieren, sich von einem Leser durch eine Wohnlandschaft führen, die von einem gleichermaßen banalen wie trostlosen Leben zeugt, und in vermeintliche Schrebergartenidyllen entführen.
In starren Totalen inszeniert, beobachtet Seidl ein Kernstück österreichischen Alltags, ohne die Protagonisten dabei auszustellen oder der Lächerlichkeit preiszugeben.
„In starren Totalen inszeniert, beobachtet Seidl ein Kernstück österreichischen Alltags, ohne die Protagonisten dabei auszustellen.“
Aussage – und das ist die herausragende Qualität des mit dem Wiener Filmpreis ausgezeichneten Werks – stellt sich nicht über einen Off-Kommentar her; die Hölle entsteht vielmehr durch die raffinierte Montage, in der die Parallelwelten in Bezug zueinander gebracht werden.
Besonders eindrücklich funktioniert das Prinzip etwa in der Mitte des Films, wo zuerst eine Pensionistin über die drohende Bevölkerungsexplosion spricht, dann Männer beim Beten in der Moschee zu sehen sind und schließlich ein Schäferhund, der vom Tierarzt eingeschläfert wird. Durch zwei Schnitte getrennt, zwingt Seidl in dieser Sequenz gesellschaftliche Randgruppen – die Alten, die Immigranten – zu einer Komplizenschaft wider Willen und legt so den tödlichen Zynismus des Systems offen.
Good News verbindet die Sozialrecherche eines Günter Wallraff mit der Herrschaftsanalyse einer Ingeborg Bachmann, und was uns aus den Bildern entgegenschlägt, ist der alltägliche Faschismus. Messerscharf in der Wahrnehmung und eiskalt in der visuellen Umsetzung zeichnet Seidl das Porträt eines Landes, das sich nach dem Fall der Berliner Mauer, im Angesicht der Erweiterung Europas in den Osten, gegen das Fremde wappnet – im Weltbild bestärkt und aufgeheizt von Medienerzeugnissen, die vorhandene Ängste und Verunsicherungen schamlos zu ihren Gunsten ausnützen.
*Dr. phil., freischaffende Filmkritikerin und –publizistin in Zürich.
Einer der besten Dokumentarfilme aller Zeiten.
WERNER HERZOG
Entdeckungsfahrten
Anmerkungen zu „Good News“ von Constantin Wulff und Werner Herzog.*
Die Kolporteure: Längst gehört ihr leuchtendes Rot-Gelb zum Farbmuster dieser Stadt. Der Film zeigt den Arbeitsalltag: Im dichten Autoverkehr, an Bushaltestellen oder in der Einöde entlegener Siedlungen. Wie mechanistisch so ein dichtes Verteilernetz in Wirklichkeit organisiert ist, sehen wir später: Mit willkürlicher Gehaltspolitik, verhörähnlichen Abrechnungen und nächtlichen Überwachungsfahrten übt der Verteilerkonzern totale Kontrolle über den Zeitungsverkäufer aus. Daneben zeigt Good News die private Seite der orientalischen Kolporteure. Hier wird der Film zur faszinierenden Entdeckungsfahrt, zum abenteuerlichen Spaziergang in Wiener Hinterhöfe und Stiegenhäuser: Die Kamera durchstreift einen Basar, zeigt eine Hinterhaus-Moschee, eine Gebetszeremonie und verweilt in desolaten Quartieren, die als „Wohnungen“ vermietet werden.
Man kennt diese Bilder, kennt dieses Wien jenseits von Stephansdom und Sachertorte, weiß um Wuchermieten und katastrophale Wohnverhältnisse. Aber in Good News sind diese Bilder nicht in erster Linie Beweise für das Elend unweit des Stadtzentrums, sondern sie verlangen nach dem Gegenstück, der Kehrseite des Films. Die „Wiener“: Wie ein Fotoalbum inszeniert Seidl die Wohnzimmer der Einheimischen. In starren Tableaus von fataler Immobilität und trauriger Schönheit, begleitet von den minutiösen Schilderungen der Porträtierten.
Hier sind längst die Grenzen vom „Dokumentarischen“ zum „Fiktiven“ überschritten; der Schritt von Reportage zu „melodramatischen“ Passagen ist ein kleiner geworden.
Good News ist eine Gratwanderung: Was die Wahl der Schauplätze, die „Gewalt“ der Kamera, das Vertrauen in die Kraft der Bilder betrifft. Brisantes Kino, das bereits leidenschaftliche Diskussionen ausgelöst hat. Was gäbe es Besseres?
(Constantin Wulff)
Der Untertitel des Films – „Von Kolporteuren, toten Hunden und anderen Wienern“ – ist ungeschickt gewählt, eher irreführend, weil er so etwas wie eine Satire vermuten lässt. Der Verdacht drängt sich auf, Seidl habe die Angriffe, ein Nestbeschmutzer zu sein, ein Zyniker, geradezu heraufbeschworen.
Good News wurde weit gehend abqualifiziert oder allenfalls halbherzig und mit vielen Einschränkungen für sehenswert befunden. Es freut mich daher, Partei ergreifen zu können. Denunziert wird hier niemand Einzelner, der Film zeigt immer die Summe des Schreckens; er entwirft ein Weltbild, weit über den ursprünglichen Ansatz hinaus, eine Sozialreportage über Kolporteure zu sein.
„Verfehlung des Themas“ kam der Filmkommission gleich in den Sinn. Sie sträubte sich, weitere Geldraten auszuzahlen, und dabei ist der Film gerade deshalb so gut und unerklärbar schrecklich, ein Lichtblick mit Einsichten von so grässlicher Leuchtkraft, dass er von der ersten bis zur letzten Minute wehtut. Mit solcher Konsequenz, mit solchem Stilwillen hat noch selten jemand im Film die furchtbare Regelmäßigkeit des Alltags, den Wahnsinn der Normalität gezeigt. Das Alltägliche, das durch Gewohnheit unsichtbar geworden war, wird zu einem Abgrund, in den man hineinschaut. Da wird fast verstehbar, dass sich im Programmheft der eigene Verleiher beklommen von Good News distanziert und dabei gar nicht bemerkt, dass er einen bedeutenden, ergreifenden Film voll bestürzender Klarsicht in Händen hat.
(Werner Herzog)
*Beide Beiträge erschienen am 13. März 1991 im Rahmen einer Kritiker- Debatte im Standard.










