Heimkehr der Jäger
Der Österreichische Film
Edition#9

Heimkehr der Jäger

Michael Kreihsl /// 2000 /// Drama

80 min • Altersfreigabe: 16 • SD
Sprache: Deutsch

„Michael Kreihsl gelingt mit HEIMKEHR DER JÄGER ein Kunst-Stück, das so bewusst wie spielerisch die österreichische Lage der letzten Jahre zu kommentieren weiß: Ulrich Tukur als Kopist von niederländischen alten Meistern im Kunsthistorischen Museum gestaltet eine Figur wie aus einem Text von Thomas Bernhard, die irrtümlich in den kalten Kosmos von Michael Haneke geraten ist. Kreihsls Kunstgriff dabei: Er nimmt seinen verbissenen Helden nie tierisch ernst. Statt dessen zeigt er, wie sich ein Einzelner vor grotesken Leerläufen selbst verzettelt. Insofern ist HEIMKEHR DER JÄGER auch eine grimmig-heitere Abhandlung über argumentative Ladehemmungen der österreichischen Intellektuellen bzw. des heimischen Kinos.“ CLAUS PHILIPP

„Die Sensibilität für Details zerfällt in der Supermarktwelt. Es geht um einen Mann, der verschwindet.“ MICHAEL KREIHSL

Besetzung  

Ulrich Tukur, Julia Filimonow, Nikolaus Paryla, Johannes Silberschneider, Sophia Gorgi, Justus Neumann, Claudia Martini, Toni Böhm u.v.m.

Regie  

Michael Kreihsl
Drehbuch  

Michael Kreihsl/Barbara Zuber
Kamera  

Oliver Bokelberg bvk

DVD Edition #

Heimkehr der Jäger (2000) - Drama | watchAUT Film

Konsumterror

Einer macht mobil in: „Heimkehr der Jäger“

Aki Beckmann*


Schnee in einer Winterlandschaft, für Franz gibt es nichts Schöneres. So wie auf Pieter Bruegels Gemälde, das im Wiener Kunsthistorischem Museum, seinem Arbeitsplatz, hängt: Eine Gruppe von Jägern stapft dort mit ihren Hunden durch den tiefen Schnee, vor ihnen liegt ein Dorf, das ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermittelt. Wenn Franz nach Hause kommt, erwartet ihn dort niemand mehr. Und auch sein Beruf ist weniger heldenhaft, als der, den die Männer auf dem Bild ausüben. Franz lebt davon, Werke zu kopieren, die andere, berühmtere Männer vor ihm gefertigt haben.

Es ist die Liebe zum Detail, die Franz für seine Arbeit als Kopist auszeichnet. Außerhalb des Museums macht sie sein Leben jedoch nur komplizierter. Die Ruhe, die er fürs Malen braucht, kommt ihm auch im Alltag zunehmend abhanden. Ständig steht etwas oder jemand ihm und seinem Glück im Weg, stört die Banalität einer konsumorientierten Welt seine Kreise.

Statt der alten Meister in der Gemäldegalerie starren ihn draußen grotesk hässliche Werbeplakate an, eine Supermarktkette ist allgegenwärtig und scheint alle Orte, die er mag, unter sich zu begraben. Im Inneren des verhassten Kaufhauses herrscht eine Geschwätzigkeit, die dem wortkargen Franz zuwider ist: Der Aufruf zum Konsum wird hier in Poesie fragwürdiger Qualität verpackt – „alles Gute von der Pute ...“

Er, der große Kunstwerke des Abendlandes vor der Vergänglichkeit bewahren soll, steht den Veränderungen in seinem Leben ratlos gegenüber. 


„Franz greift aktiv ins Geschehen ein: Er probt den Aufstand mit Aktionen, die eine in die Krise geratene Männlichkeit auf die Spitze treiben.“


Bis Lärm und Ungerechtigkeit ihm schließlich unerträglich werden: anstatt Vergangenes in seinem Idealzustand zu konservieren, greift Franz aktiv ins Geschehen ein. Er probt den Aufstand mit Aktionen, die eine in die Krise geratene Männlichkeit auf die Spitze treiben: bewaffneter Überfall, Brandstiftung, Widerstand gegen die Staatsgewalt – das alles in historischer Kriegskostümierung. Dazu ein Mädchen als Loveinterest, das bestenfalls volljährig ist.

Heimkehr der Jäger bleibt in sicherer Entfernung zu seiner Hauptfigur, dieser Distanz verdankt die Geschichte von Entfremdung und Vereinsamung ihre absurd-komischen Momente. Der Film bemüht Museum und Stadt als Gegensatzpaar, stellt Leidenschaft und Alltag, Kunst und Konsum, Stillleben und Straßenlärm, den „Turmbau zu Babel“ und die Baustelle zu Wiens modernstem Einkaufszentrum einander gegenüber.

Visuell beginnen diese beiden Welten zu verschmelzen, wenn eine malerische Ästhetik auf alltägliche Bilder übertragen wird. Das Niemandsland vor der ungarischen Grenze wird so zu einem Stück Landschaftsmalerei, im Interieur eines Gasthauses findet man Motiv und Figuren von Bruegels „Bauernhochzeit“ wieder. Der Blick des Künstlers und Nostalgikers Franz erweist sich dann nicht als Flucht in eine Fantasiewelt, sondern vielmehr als Bereicherung für die bestehende.


*freie Filmjournalistin, DJ und Mitarbeiterin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft/Wien.




Die Sensibilität für Details zerfällt in der Supermarktwelt. Es geht um einen Mann, der verschwindet.


MICHAEL KREIHSL

Horizonterweiterung

Zu Michael Kreihsls „Heimkehr der Jäger“


In Michael Kreihsls wortkargem Film Heimkehr der Jäger werden wohl nicht zufällig immer wieder Fragen gestellt, auf die die Befragten nicht antworten. Es gibt keine Antworten mehr. Ein wenig so ist der ganze Film: Eine winterliche, elegische Erzählung, die viele Fragen offen lässt. Wie ein altes Bild, wie eine eisige Landschaft von Brueghel.

Österreich könnte in einem verschwundenen Flandern liegen. Michael Kreihsl versucht etwas mit seinen Filmen, was im Filmschaffen dieses heute kleinen Landes, mit seiner international nicht eben bedeutenden Filmproduktion höchst selten ist. Er macht Österreich weiter, verengt es nicht (auf Klischees und Kabarett).

Michael Kreihsl arbeitet an seiner eigenen filmischen Ikonografie und Topografie. Aber man muss nicht alle literarischen oder kunsthistorischen Bezüge von Thomas Bernhard bis Vermeer erkennen, man kann ganz einfach auch der lakonischen Erzählung von einem Amoklauf lauschen.

Michael Kreihsls Film Heimkehr der Jäger ist zwar nicht frei von jenen unvermittelten Ausbrüchen von Gewalt, wie wir sie aus den stillen Bildern Brueghels kennen, er entwirft aber auch das Tableau einer zaghaften Liebesgeschichte und einer Bewunderung für eine wortlose Schönheit, um die er sich anschickt zu kämpfen.*


 *Auszug aus einem Kurzessay von Gernot Zimmermann (Film-Presseheft)


Michael Kreihsl über seine Vorlieben für Gemälde und Museen: Schon als Kind bin ich gerne in Museen gegangen, weil ich aus den Gemälden etwas herauslesen konnte, was nicht logisch oder kognitiv erfahrbar ist: Sachen, die man nur übers Auge erfahren kann. Auch im Film gibt mir das „Bildnis“ oft zu wenig, da sehe ich oft nur sprechende Köpfe.

Über die Wortkargheit: Sprachlosigkeit ist natürlich auch Thema des Films. Denn Bilder sind ja nicht geschwätzig. Es gibt zwei Welten: Die des Museums und die Alltagswelt, die den Kopisten aus dem Tritt bringt, in die Selbstfalle lockt. Die Sensibilität für Details zerfällt in der Supermarktwelt. Wie bei Charms Zwischenfälle geht es um einen Mann, der verschwindet.

Über Ernst, Humor und Originalität: Ich glaube, dass Heimkehr der Jäger gar nicht so ein ernster Film ist, dennoch liegt seine Unterströmung näher an der Oberfläche als beim Charms-Film. Das Biografische an meinem neuen Film ist natürlich der Verlust und das Verschwinden von Dingen, die unsere geistige Nahrung waren. Apropos Verschwinden: Viele unserer Motive haben sich nach dem Dreh in Luft aufgelöst, d.h. wurden abgerissen oder total renoviert. Jedenfalls hoffe ich, dass mein Film als ein originär österreichischer auch in Polen oder Südafrika verstanden wird. Mein Weg ist ein poetischer, der gewiss aus unserem östlichen Dunstfeld von Bernhard bis Kafka zu verstehen ist. Wir sind dabei, unsere originäre Erzählweise zu entwickeln.



Trailer 2006 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"