Hochwald
Der Österreichische Film
Edition#359

Hochwald

Evi Romen /// 2020 /// Drama

107 min • Altersfreigabe: 16 • HD
Sprache: Deutsch

In seinem kleinen südtiroler Heimatdorf kennt jeder den schrägen und sensiblen Mario, der leidenschaftlich gerne tanzt. Von den anderen Bewohnern zwar akzeptiert, aber zugleich kritisch beäugt, findet er immerhin in seinem Vater einen Verbündeten. Als Mario seinen Jugendfreund Lenz wieder trifft, drängen sich Gefühle an die Oberfläche. Dieser lebt mittlerweile als Schauspieler in Rom, und Mario beschliesst kurzerhand, ihm hinterherzureisen. Die beiden treffen sich in einer Schwulenbar, doch Mario realisiert bald, dass Lenz nicht unbedingt auf ihn gewartet hat. Als plötzlich bewaffnete Männer in die Bar stürmen, wird Lenz Opfer eines Attentats, und Mario kommt unversehrt davon. Als er ins Südtirol zurückkehrt, gerät sein Leben allmählich aus den Fugen.

Besetzung  

Thomas Prenn, Noah Saavedra, Josef Mohamed, Ursula Scribano-Ofner, Elisabeth Kanettis, Katja Lechthaler, Helmuth Häusler, Hannes Perkmann Claudia Kottal, u.v.m.

Regie  

Evi Romen
Drehbuch  

Evi Romen
Kamera  

Martin Gschlacht, Jerzy Palacz

DVD Edition #359

Hochwald (2020) - Drama | watchAUT Film

Mut zur Abgrenzung

Moderner Heimatfilm: „Hochwald“ von Evi Romen

Bert Rebhandl*


Mario, ein junger Mann aus einem Dorf in den Südtiroler Bergen, wäre gern der lokale John Travolta. Sein Alltag schaut vorerst aber noch ein wenig trist aus. Er hilft als Zuckerbäcker im Betrieb seiner Eltern aus, zum Arbeitsalltag gehört auch, dass er seinem Stiefvater in den Kühlräumen einen herunterholt. Sein richtiger Vater ist meistens „unten“ in der Stadt im Tal – eine Seilbahn, die von einem Bereich in den anderen führt, ist ein wichtiges dramaturgisches Zeichen in Hochwald, einem modernen Heimatfilm von Evi Romen.

Die Regisseurin stammt aus der Gegend, sie hat in Wien an der Filmakademie das Kino näher kennengelernt, man kann in ihrem Debütfilm in Ansätzen ganz gut nachvollziehen, wie man in einer kleinen sozialen Welt durch die Begegnung mit populärer Kultur neue Horizonte in einer prächtigen Naturlandschaft findet.

Für Mario ist Rom der große Orientierungspunkt. Sein bester Freund Lenz, mit dem ihn eigentlich mehr als nur eine Freundschaft verbindet, hat es schon nach Rom geschafft. Bei einer Christmette in einer der ersten Szenen des Films wird das Gefüge der lokalen Gesellschaft erkennbar. Lenz, der zum hohen Fest nach Hause gekommen ist, gehört zu einer der besten Familien, Mario hingegen muss in den mittleren Reihen Platz nehmen, unter den nervösen Blicken seines Stiefvaters, der in diesem Moment ungern an das gemeinsame Geheimnis denkt. 


„‚Hochwald‘ erzählt nicht zuletzt deswegen von einer Emanzipation, weil Evi Romen schon die Formen der kulturellen Distanzierung kennt.“


Nach der Weihnachtsmesse trifft man sich in der Disco, es ist alles heterosexuell traditionell, auch Lenz lässt nichts davon erkennen, dass er in der fernen Großstadt wohl ganz anders lebt.

Die stärkste dramatische Wendung in Hochwald hat mit einem Ereignis in Rom zu tun, bei dem auch ein Thema ins Spiel kommt, von dem Evi Romen sich im zweiten Teil stark bestimmen lässt. Mario gerät unter den Einfluss von frommen Muslimen aus dem Tal, er ist jetzt, wie man es im Dorf ausdrückt, „bei den Muselmanen“. Therapeutischer Umgang mit seiner Drogensucht, religiöse Indoktrinierung, radikaler Protest gegen die Welt der Eltern, Umwege seiner Homosexualität, das geht alles ineinander über.

Für die Leute aus der Gegend kann der Weg von Mario nur auf eine Weise deutbar sein: ein „Totalschaden“, wie jemand einmal sagt, der ihn in einer Gondel trifft. Aber Hochwald erzählt als Film nicht zuletzt deswegen von einer Emanzipation, weil Evi Romen schon die Formen der kulturellen Distanzierung, der neuen Selbstverständnisse kennt, die einem Wege aus der Enge zeigen können.

Die Verbindung von Drag und alter alpiner Symbolik in der Schlussszene von Hochwald ist auch ein Zeichen für eine Überwindung des alten, stabilisierenden, schönfärbenden Heimatfilms durch neue Aspekte, in denen die trügerische Hoffnung auf ein ewiges Paradies in den Bergen durch schöpferische Abgrenzung abgelöst wird. 


*Lebt als Autor in Berlin.




Ein überaus wuchtiges Regiedebüt. Ein Anti-Heimatfilm, nach dem es definitiv viel zu reden gibt!


FLORIAN WIDEGGER, FILMARCHIV AUSTRIA

Unterschiede zählen

Globales Dorf: Über Evi Romens „Hochwald“

Dominik Kamalzadeh


In der Turnhalle der Schule ist er ganz bei sich. Dort dreht Mario die Musik laut auf und tanzt mit wild rudernden Armen ausgelassen, ohne dass jemand daran Anstoß nehmen würde. Als unangepasst, rebellisch gar muss man den jungen Mann deshalb jedoch nicht bezeichnen. Er ist einfach anders als die meisten in seinem Dorf in den Südtiroler Bergen, in Hochwald. Die traditionellen Rollenmuster, die dort mitunter nur dem äußeren Anschein nach eingehalten werden, lehnt Mario nicht ab. Er findet sich nur darin nicht wieder.

Hochwald, das Regiedebüt von Evi Romen, beginnt wie ein Jugenddrama, das sich in den Kulissen eines Heimatfilms eingenistet hat. Ihre von Thomas Prenn mit fragiler Intensität verkörperte Hauptfigur könnte auch einem Film des Italieners Luca Guadagnino (Call Me By Your Name) entstammen: Geschlechteridentitäten sind für Mario keine starren Gebilde, er lässt sich eher intuitiv auf ein fluides Spiel mit deren Attributen ein. Manchmal setzt er sich eine Lockenperücke auf, oder er lackiert sich die Fingernägel.

Wenn sich Mario mit einem Lippenstift das Auge umrandet, blickt er direkt in die Kamera, so als würde er im imaginären Publikum einen Komplizen suchen. Tatsächlich will Romens empathischer Blick vor allem auf eine Allianz mit dem Außenseiter hinaus. Im gleichaltrigen Lenz (Noah Saavidra) hat er einen Verbündeten, das Miteinander der beiden fängt der Film mit einer Ungezwungenheit ein, zu der auch die Andeutung von homosexuellem Begehren gehört. Aber Lenz ist schon weiter als der unsichere Mario: „In Wien sind alle schwul.“

Hochwald feierte im Herbst 2020 auf dem Filmfestival von Zürich Premiere, wo er den Hauptpreis, den Golden Eye Award, erhielt. Seitdem hat Romen, die im österreichischen Kino und TV vor allem als Cutterin und Drehbuchautorin (u. a. M – eine Stadt sucht einen Mörder gemeinsam mit David Schalko) tätig war, noch etliche andere Auszeichnungen, etwa auf der Diagonale, eingeheimst. Diese Anerkennung hat wohl auch in einer riskanten dramatischen Setzung ihren Grund, die die abgelegene Dorfgemeinde mit den Problemen einer globalen Gesellschaft kurzschließt – einem islamistischen Terrorakt, bei dem Lenz ermordet wird und Mario überlebt; wie durch ein Wunder, wie es der heimische Seilbahnwart, die Stimme des Volkes, einmal ausdrückt.

Den Eindruck, dass dieser Bruch in der Erzählung den Film mit sich fortreißt, bekommt man nicht. Er verstärkt lediglich die Isolation Marios, da er durch seine Auffälligkeit nun umso mehr Anstoß bei den Dörflern erregt. Wäre doch er gestorben, nicht der Lenz! Beim Heimatfilm mündet am Ende alles in die Restauration der bestehenden Werte. Hochwald erzählt oft einfallsreich, manchmal auch ein wenig ausdrücklich davon, wie einer auf seinen Unterschieden besteht – und zwar umso nachdrücklicher, je mehr Widerstand ihm entgegenschlägt. 



Regisseurin Evi Romen über "Hochwald"

Trailer 2022 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"