Ich gelobe
Der Österreichische Film
Edition#8

Ich gelobe

Wolfgang Murnberger /// 1994 /// Drama

110 min • Altersfreigabe: 12 • SD
Sprache: Deutsch
UTs: Englisch

Mehr als 25 Jahre ist es her, dass Wolfgang Murnberger mit seinem autobiografisch gefärbten Jugenddrama ein radikales wie wegweisendes Bekenntnis zum österreichischen Film ablieferte. Fernab von peinlichem Helmtrottel-Klamauk und schwülstigem Kameradschaftspathos schildert er die Erlebnisse des jungen Rekruten Berger, der seinen Wehrdienst an der österreichisch-ungarischen Grenze ableistet und sich irgendwie durch heeresbetriebliche Sinnlosigkeit und Absurdität manövrieren muss. Dabei wird eine Kasernentoilette zum künstlerisch-philosophischen Übungsplatz für seine Sehnsucht nach Freiheit, die er hier in Gedanken und Werken exerziert. (Silvia Breuss)

Besetzung  

Christoph Dostal, Andreas Simma, Andreas Lust, Leopold Altenburg u.v.m

Regie  

Wolfgang Murnberger
Drehbuch  

Wolfgang Murnberger
Kamera  

Fabian Eder

DVD Edition # 8

Ich gelobe (1994) - Drama | watchAUT Film

Der Doppler-Effekt

Zwei frühe Spielfilme von Wolfgang Murnberger

Isabella Reicher*


Blick zurück: Wolfgang Murnbergers Ich gelobe kam anno 1994 in die heimischen Kinos. Der Film war großflächig (und effektiv) beworben worden – mit rund 52.000 Zuschauern rangiert er noch Ende 2005 auf Platz 33 von 233 ausgewerteten heimischen Produktionen. Die geweckten Erwartungen wurden erfüllt. Es handelte sich um einen Film, der endlich einmal in Tonfall, Typen, Sprache, Schmäh nahe an der österreichischen Realität wohnte (wiewohl der Film diese als vergangene deklarierte: „Oggau 1980“). Der mit einem realen Außen korrespondierte und dieses zugleich in eine höchst unterhaltsame Fiktion übersetzte.

Ich gelobe führte in eine Männerwelt, die ein Gutteil der Österreicher noch heute passieren muss. Seine Helden sind junge Präsenzdiener, sein Sujet deren Alltag zwischen Drill und Trott, zwischen Morgenlatte und Vollrausch, zwischen Tagwache und Wachtraum. Am Faden der Stimme von Wehrmann Berger, der sich im Reden seiner selbst vergewissert, geht man durch eine achronologische Sammlung von typischen Situationen und Erlebnissen – vordergründig an der Maxime von Wehrmann Rumpler orientiert („fressen, saufen, schnacks’ln und drüber lachen“), während nebenbei anderes ins Bild gerät, hörbar wird:

Zum Beispiel unterschiedliche Dialekte oder zeitgenössische Popkultur (die Amateur-New-Wave-Band Adi Amok, Palästinenserschals, der Club 2 und Rambo), die Tatsache, dass der Wehrdienst nach dem Ministrieren nur eine weitere institutionelle Durchgangsstation markiert, oder das Leben in der Provinz mit seinen Traditionen und die Unruhe, die jene erfasst, denen dieses Leben nicht genügt. 


„Seine Helden sind junge Präsenzdiener, sein Sujet deren Alltag zwischen Drill und Trott, zwischen Morgenlatte und Vollrausch.“


Das alles erzählt mit großer visueller Klarheit, in tendenziell statischen (Detail-)Aufnahmen, die sich abwechseln mit langsamen, vorwiegend horizontalen Fahrten.

Ich gelobe lief damals unter anderem in der Inneren Stadt im altgedienten Kruger-Kino, das Ende 1996 seinen Betrieb einstellte. (Sich) daran zu erinnern passt auch gleich gut zu Himmel oder Hölle, Murnbergers ebenso sehenswertem Langfilm- Debüt aus dem Jahr 1990 (Ich gelobe kann als die Fortführung der darin entworfenen Biografie gelten):

Zu Beginn kommt ein Zug am Bahnhof von Wiesen an, auf dem Bahnsteig wird ein Paket abgesetzt. Es ist die wöchentliche Filmlieferung fürs Landkino.

Und in weiterer Folge wird – mit großer Sensibilität für Milieus, Sprache, Alltagskultur – erzählt, wie das Kino als heimliche Schule des Lebens für seinen kindlichen Protagonisten den Blick auf die Welt und stets auch deren visionäre Überschreitung formatiert.

Auch Himmel oder Hölle ist übrigens mit der heimischen Mediengeschichte verknüpft: Er wurde 1992 im Rahmen der ORF-Kunststücke ausgestrahlt – dieses für das österreichische Filmschaffen so wichtige Fernsehformat gibt es ebenso wenig mehr wie das Kruger- Kino. Aber die Filme, die gibt es noch.


*Filmkritikerin des Standard, Redakteurin von „kolik.film“.




Diese Bilder und Töne müssen anhand eines Filmes gesehen werden.


WOLFGANG MURNBERGER

Der „Unbekannte“

Der stille Regiestar Wolfgang Murnberger

Claus Philipp


Am Anfang war das Kino. Und zwar das Kino in Wiesen, im Burgenland, betrieben von den Eltern von Wolfgang Murnberger. Und damit Erfahrungen aus erster Hand mit allem, was ein Kino in den 60er-und 70er-Jahren ausmachte, bis hin zum Sportgummi draußen an der Kassa.

Wenn man Wolfgang Murnbergers erstem, autobiografischem Spielfilm Himmel oder Hölle (1990) Glauben schenkt, ging damals eins ins andere: Das kindliche Spiel mit einem analytischen Blick auf Filmkader und Projektion; konkrete Blickwinkel und Gerüche mit Ahnungen von einer großen weiten Tschinbum-Welt.

Zuerst wollte der 1960 Geborene aber Rockmusiker werden. Und dann Künstler. Erst mit 23 Jahren schrieb er sich an der Wiener Filmakademie ein. Aber ein gewisser Mangel an Hast ist kennzeichnend für Murnberger wie auch für seine Arbeiten: Mit dem zweiten, auf eigenen Bundesheererinnerungen basierenden Spielfilm Ich gelobe war er endgültig ein Liebling der heimischen Cineasten. Dann kamen immer wieder überaus erfolgreiche Fernsehspiele. Warum muss man den Leuten also immer noch erklären, wer Wolfgang Murnberger ist?

Österreich ist anders. Da ist selbst ein erfolgreicher Regisseur wie Harald Sicheritz eine anonyme Größe. Und mit Murnberger, dessen TV-Auftragsarbeiten (Brüder oder Taxi für eine Leiche) die Cineasten weniger interessierten, verhält es sich nicht anders. Es bedurfte schon des genauen, liebevollen Blicks eines Wolf Haas, der einmal in einem Interview mit dem Standard meinte: Für eine Verfilmung seiner Brenner- Krimis hätte er eigentlich nur einen Wunschregisseur – Wolfgang Murnberger. Zwei Jahre später wurde Komm, süßer Tod zu einem der größten Erfolge des heimischen Nachkriegskinos. Ein paar Jahre später lag man nicht falsch, wenn man Silentium ähnliche Aussichten vorhersagte.

Im Hintergrund blieb und bleibt aber, wenn etwa Haas und Josef Hader von Talk zu Talk weitergereicht werden, weiterhin der Regisseur und Koautor: Manchmal ist Murnberger erstaunt, „dass man eher selten was von mir wissen will“. Öfter noch aber scheint er darüber fast erleichtert.

Richtig einzutauchen in eine „Branche“ oder „Szene“ – das ist ihm wiederum auch nur in Maßen möglich: Mit seiner Frau und vier Kindern bewohnt er seit Jahren einen Bauernhof in Niederösterreich. Selbst nach exzessiveren Arbeitstagen wie etwa beim Schnitt von Silentium nimmt er nächtens noch die Fahrt nach Hause auf sich.

Befragte man Wolfgang Murnberger nach Silentium, was der nächste, der dritte Brenner-Film sein könnte, dann schwankt er noch zwischen Wie die Tiere und Das ewige Leben. Letztlich einigten sich alle Beteiligten auf Der Knochenmann. Und Wolf Haas bleibt er mehrfach verbunden: Etwa wenn er ein paar Folgen zur neuen, auf einer Idee von Haas basierenden ORF-Serie Vier Frauen und ein Todesfall drehte.



Trailer 2006 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"