Ich oder Du
Der Österreichische Film
Edition#350

Ich oder Du

Dieter Berner /// 1984 /// Drama

92 min • Altersfreigabe: 12 • HD
Sprache: Deutsch

Im Wien der Siebziger- und Achtzigerjahre war der 2008 verstorbene Hansi Lang eine Ikone des Austrorocks. In seinem Schauspieldebüt, inszeniert von Dieter Berner, verkörpert er den ihm auf den Leib geschriebenen Part eines Rocksängers, der sich selbst und die Drogen nicht in den Griff kriegt. Sein Antagonist (Karl Kröpfl) ist ein Bauernsohn, der in die Stadt zieht, weil sein Hof „fürs Leben zu wenig, fürs Sterben zu viel“ abwirft. Zwischen den beiden Männern steht ein Mädel aus Deutschland (Beate Finckh), das in Wien gestrandet nun als Groupie kleine Showeinlagen bei Rockkonzerten machen darf.

„Komm heraus aus deinem Schatten, denn der gehört den Ratten ...“ HANSI LANG

Besetzung  

Hansi Lang, Beate Finckh, Karl Kröpfl, Johannes Weidinger, Hilde Berger, Wolfgang Ambros, Gerald Pichowetz u.v.m.

Regie  

Dieter Berner
Drehbuch  

Peter Mazzuchelli, Dieter Berner
Kamera  

Walter Kindler

DVD Edition # 350

Ich oder Du (1984) - Drama | watchAUT Film

Poesie und Punk

Hansi Lang in „Ich oder Du“ von Dieter Berner

Bert Rebhandl*


Das Jahr 1984 war für Hansi Lang ein großes. Ein Album und ein Film, eine ganze Medienoffensive wurde rund um den Sänger organisiert, der mit seinem Hit Ich spiele Leben von dem Album Der Taucher auch gleich die entsprechende Parole ausgegeben hatte. In rascher Folge brachte er damals neue Titel heraus, eine regelrechte Explosion von Kreativität, die beim Label Schallter gut aufgehoben war. In Dieter Berners Film Ich oder Du werden die Titel des 1984 gerade aktuellen, gleichnamigen Albums auch entsprechend vermarktet, zum Beispiel Josefine, eine Schunkelnummer zu einem Reggae-Beat. Das schwierige Leben von Hansi Lang ging mehr oder weniger direkt in das Drehbuch ein, das Berner mit Peter Mazzucchelli geschrieben hatte: ein Rockstar aus der Gosse, der zwischen internationalen Hoffnungen („i hab die Urchance auf des US-Business aufg’rissn“) und Abstürzen in das Drogenelend schwankt.

Dieter Berner war vor allem durch die Alpensaga (1976–1980) auf dem Höhepunkt seiner Möglichkeiten. Sein Interesse für die sozialen Umstände in Österreich ist dem Plot von Ich oder Du deutlich eingeschrieben.

Die erste Szene spielt auf einem Bauernhof, der auf den jungen Franz übergeht. Dieser steht nun vor der Entscheidung: bewirtschaften oder verkaufen? Große wirtschaftliche Perspektiven hat der Hof nicht: „San ja nur 15 Joch.“ Franz geht erst einmal in die Stadt, wo er auf Christine trifft, eine junge Deutsche, die in einer Amour fou mit dem Sänger Robert lebt. 


„Ein Rockstar aus der Gosse, der zwischen Internationalen Hoffnungen und Abstürzen in das Drogenelend schwankt.“


Sie möchte selbst auch groß herauskommen, vorerst aber versorgt sie ihn mit Texten, die er zwar blöd findet, aber immer gern verwendet. „Die Welt, wo ich sein sollte, ist nicht hier“, das ist eine Zeile von Hansi Lang, die man im Film auch Christine zuschreiben könnte.

Zugleich ist es so etwas wie ein Leitmotiv für die Unbehaustheit der jungen Leute. Eine ins Dekadente schillernde, große Wohnung eines Gönners dient als Absteige. Christine erinnert sich aber noch deutlich daran, wie sie Robert quasi aus der Bahnhofstoilette herausholen musste. Die Anspielungen auf die Drogenprobleme von Hansi Lang waren deutlich. Karl Kröpfl, bekannt aus Berners Wolfgruber-Verfilmung Niemandsland, spielte seinen Rivalen, den Franz. Die gebürtige Berlinerin Beate Finckh war das exotische Girl von außerhalb.

Ich oder Du ist heute ein historischer Spielfilm im besten Sinn: Die 80er-Frisuren, die Gegenstände (ein Walkman, ein alter Traktor), die Locations (eine Mobil-Tankstelle), und an einer Stelle gibt es einen ironischen Auftritt von Wolfgang Ambros, der als DJ in einer Land-Disco das heißeste Tanzpaar feiert, die Manhattan-Queen und ihren King. Der Austropop fand in Hansi Lang einen Verbindungsmann zu neueren Strömungen, Poesie und Punk verbanden sich zu einer intensiven Figur, die der Film Ich oder Du in ihrer ganzen Zerrissenheit einfängt.


*Lebt als Autor und Journalist in Berlin.




Komm heraus aus deinem Schatten, denn der gehört den Ratten ...


HANSI LANG

Mit voller Hingabe

Über Hansi Lang, den Rock ’n’ Roller aus der Vorstadt

Karl Fluch


Songs wie Keine Angst oder Addio Westwelt entsprangen und entsprachen einem Lebenshunger. Das waren keine Songs, die sich jemand als Mäntelchen umhängte, das waren existenzielle Feststellungen. Hier wollte sich jemand nicht ducken, überkommenen Vorstellungen entsprechen oder sich durch den Amtsweg des Lebens buckeln: „Es ist mir egal, ob du mich für ein Schwein hältst oder abnormal“, singt er in Addio Westwelt.

Bekannt wurde Hansi Lang mit dem unterkühlt-funkigen Ich spiele Leben. Das war im Land wahrscheinlich eine der besten Singles ihrer Zeit – und Hansi Lang ihr glaubwürdiger Übermittler. Ein wilder Hund, der sich dem Leben mit voller Hingabe verschrieb – leider auch den lebensverkürzenden Dingen. Innerhalb von zwei Jahren hatte er drei Hitsingles: Auf Ich spiele Leben folgte Monte Video, danach der Gemeindebau-Reggae Josefine.

Josefine – samt Ö3-Musicbox-Signation. Man darf annehmen, dass Police bei der Entstehung des Songs ein Thema waren. Neben der Musik wurde die Schauspielerei so etwas wie ein zweites Standbein. Lang spielte in Dieter Berners Film Ich oder Du und produzierte den Soundtrack. Er arbeitete mit Peter Turrini oder Peter Weibel – doch anstatt richtig groß zu werden, musste er sich drogenbedingt eine Auszeit nehmen. Als er Ende der 1980er wiederkehrte, veröffentlichte er ein titelloses Album, das ihn als englischsprachigen Popsänger präsentierte.

Der originäre deutschsprachige Lang war von Zeit und Trends überholt worden. Fünf Jahre später sang er wieder auf Deutsch. Das Album Losgeher zeigte Lang zwar stellenweise in alter Form, das Ohr der Welt befand sich aber gerade wieder anderswo. Ein Song wie Nur du klang wie ein Austropop-Relikt aus einer anderen Zeit – selbst wenn Langs Autorität noch fast jeden Song irgendwie zu tragen vermochte. Das war wohl sein größtes Talent: eine Hingabe, in der Wesen und Talent sich gegenseitig stützten, selbst wenn die Musik stilistisch im Niemandsland hängen blieb.

Zum Talent kam zusehends die Aura des Tragöden. Als solchem gelang ihm 2002 ein kleines Comeback mit dem Slow Club. Das war ein Trio, das neben Lang aus Thomas Rabitsch und Wolfgang Schlögl bestand. Rabitsch war der verlässliche Freund, Schlögl von den Sofa Surfers der zeitgenössische Input. Gemeinsam verleibte man sich Klassiker des American Songbook ein. Ein Unterfangen, in dem Lang vollkommen aufging, das mit seiner Neigung und seiner Bodenhaftung im Einklang stand. Mehr noch. In Songs wie Every Time We Say Goodbye oder Cry Me A River vermählte sich die eigene Biografie mit der Zeitlosigkeit dieser Titel – wiewohl eine richtig große Band noch größere Wirkung erzielt hätte. Ob es je dazu gekommen wäre, wissen nicht einmal die Sterne. Während der Aufnahmen zum Folgealbum House of Sleep erlitt Hansi Lang im Studio einen Schlaganfall. Am 24. August 2008 starb Lang im Alter von nur 53 Jahren.



Kurator Claus Philipp über "Ich oder Du"

Trailer 2021 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"