Im Augenblick – Die Historie und das Offene
Edition#353b

Im Augenblick – Die Historie und das Offene

Othmar Schmiderer, Angela Summereder /// 2013 /// Avantgarde

32 min • Altersfreigabe: 0 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Englisch

Rund um den Autor und Alpenhirten Bodo Hell werden Schecken-Ziegen auf der Hochgebirgsweide zur (auch gedanklichen) Projektionsfläche im Verhältnis von Mensch und Tier, bei Montaigne, Descartes, Nietzsche, Agamben …

Besetzung  

Bodo Hell

Regie  

Othmar Schmiderer, Angela Summereder
Drehbuch  

Othmar Schmiderer, Angela Summereder
Kamera  

Othmar Schmiderer

DVD Edition # 353

Im Augenblick – Die Historie und das Offene (2013) - Avantgarde | watchAUT Film

Stille des Zusehens ...

Über „Die Tage wie das Jahr“ und „Im Augenblick“

Jens Balkenborg*


Konsequentes Handeln ist das Letzte, was uns bleibt. Wie sonst will man einem System beikommen, das auf dem irrsinnigen Grundsatz eines unendlichen Wachstums basiert in einer Welt, die nichts anderes sein kann als endlich? Wo sich die Katze in den Schwanz beißt, bleibt nur: die Konsequenz eines jeden Einzelnen.

Gottfried und Elfriede Neuwirth, die Protagonisten in Die Tage wie das Jahr, handeln konsequent. 1988, so liest man im Internet, kauft der ehemalige Elektrikermeister ein Bauernhaus samt einem halben Hektar Grund in der kleinen Ortschaft Wanzenau im Waldviertel. Die Eheleute renovieren das Haus, bauen die Landwirtschaft auf, schaffen Ziegen, Schafe, Hühner und ein Schwein an.

Seit 1993 bewirtschaften die Neuwirths den Hof mit einer Fläche von 14 Hektar im Vollerwerb, rund 40 Schafe und Ziegen werden gemolken, das Paar kümmert sich um die Nachzucht und um die hofeigene Imkerei, die als zusätzliches Standbein neben der Käseproduktion dient. Sie besinnen sich auf eine kleine Wirtschaftsweise und behandeln ihre Tiere als Lebewesen. Es ist ein Knochenjob für die persönliche Utopie: ein Selbstversorgerdasein neben dem System.

Das klingt nach einer wunderbaren Geschichte, der eine gewisse Aussteigerromantik eingeschrieben ist. Doch anstatt all dies zu erzählen, konzentriert sich Othmar Schmiderer ausschließlich auf das Zeigen. „Eine Bilderfolge bietet keinen verbalen Schlüssel an. 


„Es sind Fragen existenziellen Ausmaßes über unsere Gegenwart und Zukunft, über das Menschsein überhaupt, die Schmiderers Filme behandeln.“


Täte man es, so würde man den Erscheinungen eine einzige verbale Bedeutung aufnötigen“, schreibt John Berger, den Schmiderer als Inspirationsquelle nennt. Der Regisseur übersetzt Bergers Gedanken in einen weitestgehend nonverbalen Film, dessen Sprache die Bilder sind.

Die Tage wie das Jahr ist keine filmische Herleitung, keine Familiengeschichte der Eheleute Neuwirth, sondern ein Film, der das Bild als Ur-Kinematografisches vor alles andere stellt: ein Fluss der Bilder, ein Bild gewordener Rhythmus, dem die alltäglichen Verrichtungen der Eheleute auf dem Hof und die vier Jahreszeiten, durch die hinweg wir ihnen über ein Jahr folgen, seinen Groove gibt.

Eine konsequente filmische Sprache für konsequentes menschliches Handeln, die auf der Diagonale 2019 mit dem Preis für die beste künstlerische Montage (Arthur Summereder) im Dokumentarfilm belohnt wurde.

Während also die Jahreszeiten wechseln und wir den Neuwirths durch den Alltag folgen, ihnen beim Melken, bei der Käsezubereitung, bei Verrichtungen auf dem Feld und im grün wuchernden Garten und beim Imkern zuschauen, während die Schafe und Ziegen blöken und zwischendurch immer wieder in die Kamera blicken, schwebt all das mit, was der Film tangiert, ohne es direkt auszuerzählen: jene Agrarindustrie, der sich die Neuwirths mit ihrer Wirtschaft bewusst entziehen. Wie wollen, wie können wir (weiter)leben? Und was kostet diese „Freiheit“?


Wie kann ich der Konsequenz des Handelns meiner Protagonisten mit meinem Handeln als Filmschaffender entsprechen?


OTHMAR SCHMIDERER

... und Dada-Gedankenstrom


Der Mikrokosmos in Die Tage wie das Jahr ist der Spiegel zum großen Ganzen. Ein Spiegel, der sich fließend in Schmiderers Oeuvre einfügt. In Am Stein widmete sich der 1954 in Lofer geborene Regisseur und Kameramann der Almwirtschaft und der touristischen Vermarktung der Alpen. Auf der Grenze zwischen Dokumentar- und Experimentalfilm wandelnd, stellt Schmiderer in seinen Filmen immer wieder die Gesetze von Natur und Kultur gegenüber.

Dieser Dialektik der Systeme geht der Regisseur auch in Im Augenblick. Die Historie und das Offene, einer weiteren Gemeinschaftsarbeit mit Angela Summereder, nach. In dem Hybrid aus Dokumentar- und Experimentalfilm geht es um das Verhältnis von Mensch und Tier. Wir streunen mit dem Literaten Bodo Hell über die Grafenbergalm, die er seit Jahrzehnten als Almhirte betreut: ein Film zwischen Berg und Tal vor schroffer Gebirgskulisse.

„Das ist eine Vertrautheit, die mit den Formen zusammenhängt; eigentlich formal“, stellt der philosophierende Hell in Bezug auf die ihn umgebenden Gebirgsformationen fest.

Auch hier starren Ziegen kauend in die Kamera mit ihrem indifferenten Blick, frech, witzig und hohl zugleich. Nur ist Im Augenblick. Die Historie und das Offene alles andere als ein Film der Stille und Kontemplation wie Die Tage wie das Jahr, sondern ein verbalisierter philosophischer Bewusstseinsstrom, quasi der kommunikationsfreudig-experimentelle Bruder.

Aus dem Off kommen Philosophen wie Friedrich Nietzsche, Michel de Montaigne, René Descartes und Giorgio Agamben zitatweise zur Sprache, während Clemens Gadenstätters widerstreitende Streicher auf der Tonspur und verschiedene Farbfilter die Einstellungen der Berglandschaft entrücken.

Der italienische Philosoph Agamben beobachtet in seinen Schriften eine „integrale Humanisierung des Tieres“ und eine „Animalisierung des Menschen“ und beackert damit eine der zentralen Fragen Schmiderers: Was unterscheidet uns Menschen letztendlich vom Tier?

Diese Frage, die die Philosophie von jeher beschäftigt, mündet bei Schmiderer und Summereder in eine filmische Parabel, in der die Vierbeiner zu Darstellern werden, zu Subjekt und Objekt zugleich. Im Augenblick. Die Historie und das Offene kommt ebenso hochtrabend-intellektuell wie dada-mäßig unterhaltsam daher. Sind wir nicht alle ein bisschen wie die Ziegen?

„Dies ist ein Gleichnis für jeden Einzelnen von uns: Er muss das Chaos in sich organisieren, dadurch, dass er sich auf seine echten Bedürfnisse zurückbesinnt“, wird Nietzsche zitiert. Was brauchen wir wirklich und was sind wir bereit, dafür zu geben?

Es sind Fragen existenziellen Ausmaßes über unsere Gegenwart und nähere Zukunft, über das Menschsein überhaupt, die Schmiderers kleine, formal und thematisch konsequente Filme behandeln. Mit seiner langjährigen kreativen Weggefährtin, der Regisseurin Angela Summereder eröffnet er filmisch diskursive Räume mit einem ganz und gar persönlichen Drive.


*Lebt als Autor und Journalist in Frankfurt am Main.



Kurator Claus Philipp über "Die Tage wie das Jahr" und "Im Augenblick"

Trailer 2021 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"