Jetzt oder morgen
Der Österreichische Film
Edition#369

Jetzt oder morgen

Lisa Weber /// 2020 /// Dokumentarfilm

86 min • Altersfreigabe: 0 • HD
Sprache: Deutsch
UTs: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

„Wenn sich keiner für mich interessiert, warum soll ich mich dann für irgendwas interessieren?“ Regisseurin Lisa Weber hat eine Wiener Familie über drei Jahre lang begleitet. Hautnah. Eine Nähe, die gleichermaßen berührt wie schockiert. Die 19-jährige Alleinerzieherin Claudia, ihr Bruder und ihre Mutter haben alle keinen Job, doch was ihnen wirklich fehlt, ist eine Perspektive. Seit seiner Weltpremiere im Panorama der Berlinale 2020 wurde JETZT ODER MORGEN mehrfach ausgezeichnet.

„Ein Film, der ganz viel davon erzählt, warum Österreich politisch da steht, wo es eben gerade steht.“ DOMINIK KAMALZADEH, DER STANDARD

Besetzung  

Claudia, Daniel, Gabi, Gerhard u.v.m.

Regie  

Lisa Weber
Drehbuch  

Roland Stöttinger, Lisa Weber
Kamera  

Carolina Steinbrecher

DVD Edition # 269

Jetzt oder morgen (2020) - Dokumentarfilm | watchAUT Film

Zu viel Zeit, kein Leben

„Jetzt oder morgen“ von Lisa Weber

Matthias Dell*


Zuviel Zeit hieß ein Hit des Hamburgers DJ Koze von 2005. Der Song sampelte Fernsehmaterial: einen Auftritt Gunter Gabriels, bei dem dieser dem Publikum zum Vorwurf macht, dass es nur deshalb werktags vor seiner Bühne herumhängen könne, weil es arbeitslos sei. Ein kurioser Dreh, weil ohne die Leute, die Gabriel beschimpfte, er es gewesen wäre, der kein Konzert hätte spielen können, keine Arbeit gehabt hätte. DJ Koze trieb die Absurdität des Clips durch Loops und textliche Übermalungen ins Heiter-Philosophische: „Ohne die Zeit ist es ja auch langweilig.“

Lisa Webers Dokumentarfilm Jetzt oder morgen ist ein Film über zu viel Zeit. Weber beobachtet das Leben einer Familie in der Erwerbslosigkeit, das sich fast ausschließlich in der Wohnung in Wien-Simmering abspielt. Im Mittelpunkt steht Claudia, selbst eher noch Mädchen als Frau, mit ihrem vierjährigen Sohn Daniel, den sie als Teenager bekommen hat. Der ältere Bruder Gerhard hat anders als Claudia den Hauptschulabschluss geschafft, Mutter Gabi ist im Film mit ihrer Invaliditätsbescheinigung beschäftigt.

Wie egal die üblichen Einheiten der Zeit wie Minuten, Stunden oder Tage sind, ist schon dem Titel zu entnehmen. „Immer wird irgendwas verschoben oder sonst was gemacht“, klagt Gerhard einmal. An anderer Stelle heißt es: „So viel Zeit und kein Leben.“ Jetzt oder morgen zeigt also, wie langweilig die Zeit sein kann, wenn sie nicht durch Erwerbsarbeit strukturiert wird. 


„Sichtbar wird so auch, wie Menschen politisch entkoppelt sind, weil Teilhabe an Strukturen und Erwerbsarbeit gebunden ist.“


Die Versuche Claudias, sich mit diesem Teil des gesellschaftlichen Lebens zu verbinden, scheitern oft schon im Ansatz oder beim Gedanken daran – gerade weil Zeit im Überfluss vorhanden ist, gibt es keinen Grund, mit irgendetwas anzufangen.

Die Kamera von Carolina Steinbrecher ist folglich damit beschäftigt, den familiären Choreografien des Zeitverbringens zu folgen: am Computer, mit dem Bingen von YouTube-Clips oder dem Abhängen mit Smartphone auf dem Sofa. Sichtbar wird so auch, wie Menschen politisch entkoppelt sind, weil Teilhabe an Strukturen und Erwerbsarbeit gebunden ist – und nicht an Post von Amt und Stadt. Wobei eine kurz geführte Diskussion zwischen Claudia, Gabi und Gerhard wiederum zeigt, dass dort alle Positionen vertreten sind, die sich auch in bürgerlichen Milieus finden ließen: Offenheit, Ablehnung, Desinteresse.

Webers Film lässt Vertrautheit mit Claudia und ihrer Familie erkennen, insofern sich das Team zumeist unsichtbar durch die Wohnung bewegt. Die Regisseurin verlässt nur einmal ihre Position als Beobachterin – am Geburtstag von Claudia, dem einzigen Tag, der sich in der Erzählung von Jetzt oder morgen von anderen unterscheidet.

Zu diesem Zeitpunkt wohnt Claudia in einer eigenen Wohnung, was die Entkopplung auch noch von familiären Bindungen bedeutet. Zu viel Zeit zu haben heißt auch, sie am gleichen Ort zu verbringen.


*Lebt als Autor und Kritiker in Berlin.




Ein Film, der ganz viel davon erzählt, warum Österreich politisch da steht, wo es eben gerade steht.


DOMINIK KAMALZADEH, DER STANDARD

In der Warteschleife

Bedingungslos aufmerksam: Über „Jetzt oder morgen“

Dominik Kamalzadeh


Die Plätze in der Gemeindebauwohnung in Wien-Simmering sind meist klar verteilt. Mutter Gabi sitzt im Bürostuhl vor dem Computer, Bruder Gerhard lungert auf der Couch herum, und Claudia, die zentrale Protagonistin von Jetzt oder morgen, bewegt sich wie ihr vierjähriger Sohn Daniel irgendwo dazwischen. Alle außer dem Kind rauchen. Fast überflüssig zu sagen, dass man sich auf diesen wenigen Quadratmetern auf dünnem Eis bewegt. Der Tonfall ist auf eine äußerst wienerische Weise rau, ohne verletzend zu sein. Man schenkt sich nichts, braucht einander aber. Bekommt ein Geburtstag nicht die erwartete Aufmerksamkeit, läuft das Fass schnell über.

Lisa Webers Dokumentarfilm hat mit dieser arbeitslosen, von Notstandshilfe lebenden Familie ein klar umrissenes Sujet. Keine Sekunde lang sozialvoyeuristisch, liegt die Besonderheit ihres Blicks in bedingungsloser Aufmerksamkeit – erst daraus resultiert die sonst oft ein wenig inflationär verwendete Empathie. Hinzuschauen heißt hier, Widersprüche zu erkennen und auszuhalten: Warum wird Claudia in all der Zeit, die sie Weber begleitet, sich nicht dazu aufraffen, ihren Hauptschulabschluss nachzuholen? Die Trägheit sitzt tief, der Aufschub jeder Entscheidung ist wohl auch deswegen so leicht, weil die Motivation von außen fehlt.

Die Zeit wird konturlos, man muss sie halt füllen. Gerhard wird auch beim virtuellen Lkw-Fahren nicht so schnell fad, Claudia ist als junge Mutter – sie wurde mit 14 schwanger, ein wesentlicher, aber nicht der einzige Grund für ihre prekäre Situation – mit dem kleinen Daniel beschäftigt. Weber kannte sie schon davor, was auch die Intimität des Films erklärt, die die Montage allerdings nur an hervorgehobenen Momenten so weit vorantreibt, dass man die Regisseurin auch hört oder sogar sieht.

Um sich aus stereotypen Rollen, also zugewiesenen Identitäten, zu befreien, schreibt der französische Soziologe Didier Eribon, braucht es nicht nur Arbeit am Selbst, sondern auch persönliche Askese, die Bereitschaft, sich zu verwandeln. Die politische Dimension von Jetzt oder morgen liegt darin, dass der Film auch zeigt, wie dieses emanzipatorische Projekt an den Gewohnheiten einer Klasse scheitert, die die Politik nur mit Ressentiments bedient. Die FPÖ steht in der Familie – mit weniger Überzeugung beim Bruder – zur Drehzeit noch hoch im Kurs. Am Arbeitsmarkt fehlen Initiativen, Schwellen abzubauen, um den Einstieg zu erleichtern.

Weber liegt es jedoch fern, Ursachen zu benennen, sie liefert vielmehr Anschauungsmaterial dafür, warum der Leidensdruck in der Warteschleife nicht kleiner wird – Claudias Schuldenlast bei den Wiener Linien wächst, bei ihren AMS-Terminen fühlt sie sich ignoriert. Dazwischen gibt es aber durchaus Momente, in denen die Familie bereit erscheint, gegen die Not halbherzig vorzugehen. So hart die Konfrontationen mitunter geführt werden, so sehr sperrt sich der Film gegen das Gefühl der Ausweglosigkeit.



Trailer 2022 "Der Österreichische Film. Edition Der Standard"